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Wirtschaft Vor Börsengang: Ist die We-Work-Welt wirklich wertvoller als BMW?
Mehr Welt Wirtschaft Vor Börsengang: Ist die We-Work-Welt wirklich wertvoller als BMW?
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19:50 06.09.2019
Schick und modern: So sieht es in den We-Work-Büros aus. Quelle: We Work

Ist das alles nur eine Luftnummer? Der Büroraumanbieter We Work will in den nächsten Wochen an die Börse. Kaum ein Newcomer wurde in der jüngeren Vergangenheit so hoch in den Himmel gehoben. Doch es ist höchst umstritten, wie viel das Unternehmen wirklich wert ist. Kürzlich war noch von 47 Milliarden Dollar die Rede – das ist mehr als die aktuelle Marktkapitalisierung von BMW. Doch es gibt auch Experten, die das Start-up nahe null taxieren.

We Work wurde 2010 von Adam Neumann und Miguel McKelvey gegründet. Das Duo und Neumanns Ehefrau Rebekah als Dritte im Bunde gingen mit dem Anspruch an die Start, die Welt der Büros zu revolutionieren. Motto: „Do what you love“ – mach, was du liebst. Das Unternehmen wuchs zunächst in New York mit großer Geschwindigkeit. We Work bietet Büros und einzelne Arbeitsplätze in sogenannten Co-Working-Spaces an. Die Mieter können diverse Dienstleistungen hinzubuchen und Konferenzräume auf Bestellung nutzen.

In der Regel handelt es sich um helle, freundliche Räumlichkeiten, die im Stil von Start-ups puristisch mit modernen Möbeln eingerichtet sind. We Work ist mittlerweile in mehr als 100 Städten weltweit aktiv und verfügt nach eigenen Angaben über 527 000 Kunden und rund 10 000 Mitarbeiter.

Hierzulande bietet die Firma Orte zum Arbeiten in Berlin, Köln, Frankfurt, Hamburg und München an. Wer etwa in der Mainmetropole in einem Einzelbüro in der Innenstadt arbeiten möchte, muss 600 Euro Grundmiete im Monat zahlen. Einen Schreibtisch gibt es für 250 Euro. Für 200 Euro darf der Kunde sich in einem Gemeinschafts-Großraum einen freien Platz suchen.

Beeindruckender Blick - doch machen die Zahlen von We Work genauso viel Eindruck? Quelle: We Work

Die Firma sorgte mehrfach für Furore, weil sie spektakuläre Investments melden konnte. So stieg Anfang des Jahres der japanische Technologieriese Softbank mit 2 Milliarden Dollar ein. Dessen Chef Masayoshi Son hat sich nichts Geringeres zum Ziel gesetzt, als in Firmen zu investieren, die Schlüsseltechnologien für eine neue Epoche der Menschheit entwickeln. Schon 2017 hatte sich ein von Son initiierter Fonds, an dem auch Scheichs aus Saudi-Arabien und Abu Dhabi beteiligt sind, 4,4 Milliarden Dollar in We Work gesteckt. Rechnet man das aktuelle Engagement von Softbank hoch, käme der Büroraumanbieter auf den Wert von 47 Milliarden Dollar.

Viele prominente Investoren

Das Unternehmen soll noch in diesem Monat an die Börse gebracht werden. Es soll eine der größten Platzierungen weltweit in diesem Jahr werden. Eine Werbetour für potenzielle Anleger wird wohl in den nächsten Tagen beginnen. Die Financial Times berichtet nun, aus den Unterlagen für den Gang aufs Parkett gehe hervor, dass nur noch eine Bewertung von 25 bis 30 Milliarden Dollar zugrundegelegt werde. Gut möglich, dass die betreuenden Banken dies durchgesetzt haben, weil sie befürchten, ansonsten keine Anleger zu finden. Schließlich gibt es jede Menge Zweifel daran, ob We Work tatsächlich Maßgebliches zu einer neuen Epoche der Menschheit beitragen kann.

Die entscheidende Frage: Ist das Geschäftsmodell, das vor allem von Investmentbankern gestrickt wurde, überhaupt dauerhaft funktionsfähig? We Work hat zwischen 2016 und 2018 seinen Umsatz zwar mehr als vervierfacht. Aber die Verluste haben noch stärker zugenommen. 2018 kam ein Fehlbetrag von 1,9 Milliarden Dollar zusammen, bei Einnahmen von 1,8 Milliarden Dollar.

Tief in den roten Zahlen

In den ersten sechs Monaten dieses Jahres verbesserten sich zwar die Relationen. Doch mit 690 Millionen Miesen – bei 1,5 Milliarden Erlösen – steckt die Firma noch immer tief in den roten Zahlen. Dass Start-ups Verluste machen, ist normal. Aber in den Unterlagen für die US-Börsenaufsicht SEC hat das Management eingeräumt, dass man „auf absehbare Zeit“ nicht profitabel arbeiten könne, wenn die Firma im bisherigen Tempo weiter wachse.

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Die Zahl äußerst kritischer Stimmen mehrt sich. So bezeichnete Rett Wallace vom US-Analysehaus Triton Research in einem Interview den Börsenprospekt als ein „Meisterwerk der Verschleierung“. Das Management sei den Nachweis bislang schuldig geblieben, dass der Wert eines Unternehmens mit Milliarden von Verbindlichkeiten und Milliarden von Verlusten nicht null sei.

Keine Disruption

Ein entscheidender Punkt: We Work ist kein Unternehmen, das auf digitalen Innovationen beruht, die extrem hohe Bewertungen rechtfertigt. Branchenkenner betonen, da gebe es keine Technologie, die tatsächlich disruptiv wirken und dem Newcomer damit die Chance geben könne, riesige Marktanteile zu gewinnen – so wie es Amazon vorgeführt hat.

Hinzu kommt, dass We Work langfristige, mit Krediten finanzierte Verpflichtungen mit Vermietern eingehen muss, um an Büros zu kommen, die dann oft mit kurzen Laufzeiten weitervermietet werden. Das birgt enorme finanzielle Risiken. Andere hoch bewertete Start-ups wie die Fahrdienstvermittler Lyft und Uber müssen solche Lasten nicht schultern.

Und dann kommen noch umstrittene Aktivitäten der Neumanns hinzu. Die Familie dominiert inzwischen das Unternehmen. Es war nicht gerade eine vertrauensbildende Maßnahme, dass Adam Neumann laut Wall Street Journal kürzlich erst Anteile seines Unternehmens im Wert von 700 Millionen Dollar verkauft haben soll. Wollte er noch schnell Kasse machen? Ferner hatte er sich schon zuvor mehrfach bei seiner eigenen Firma Geld geliehen. Und er verkaufte ihr Anfang des Jahres die Markenrechte an dem „We“ für fast 6 Millionen Dollar – damals benannte sich die Gesellschaft in The We Company um.

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