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Wirtschaft „Unsere Stromerzeugung macht Verlust“
Mehr Welt Wirtschaft „Unsere Stromerzeugung macht Verlust“
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00:18 23.07.2014
Ohne Förderung abschalten: Zum WM-Finale hatten die Stadtwerke das Kraftwerk in Linden beeindruckend beleuchtet. Das Geldverdienen mit Kraftwerken werde aber immer schwieriger, sagt Stadtwerke-Chef Michael Feist. Quelle: dpa
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Hannover

Bisher haben die Stadtwerke immer um die 100 Millionen Euro Gewinn an den Kämmerer überwiesen. Wie lange können Sie sich das noch leisten, Herr Feist?
Wir erwarten, dass unser Ergebnis im laufenden Jahr um circa 10 Prozent geringer ausfallen wird als zuletzt – und dass wir auf diesem niedrigeren Niveau noch für mindestens zwei Jahre bleiben. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen sinken die Strompreise im Großhandel weiter. Zum anderen drängt immer mehr Ökostrom ins Netz – deshalb sind unsere Kraftwerke weniger im Einsatz.

Was den Kämmerer ärgert, dürfte ihre Kunden freuen: Wann senken Sie Ihre Stromtarife?
Die Entwicklungen der Strompreise im Großhandel lassen sich nicht 1:1 auf die Strompreise für Privatkunden übertragen, die zu rund 50 Prozent aus Steuern und Abgaben bestehen, deren Höhe wir nicht beeinflussen können. Enercity wird die Strompreise bis Ende des Jahres stabil halten.

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Die Stilllegung für ihr Kraftwerk in Herrenhausen ist bereits beschlossen – wie lange können Sie Ihre Anlagen in Linden und Mehrum noch am Netz halten?
Wenn wir für unser Gaskraftwerk in Linden keine Förderung für die Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) bekämen, müssten wir es kurzfristig abschalten – mit der KWK-Zulage rechnet es sich auch, wenn es nur 2000 statt 3000 Stunden im Jahr läuft. Unser Kohlekraftwerk in Mehrum könnte aus technischer Sicht noch 15 Jahre laufen – wir werden es aber bis 2020 bilanziell nahezu komplett abschreiben. Das bedeutet Wertberichtigungen von circa 20 Millionen Euro im Jahr. Den operativen Betrieb von Mehrum erwarte ich noch bis mindestens zum Anfang der kommenden Dekade. Wir machen derzeit mit unserer Stromerzeugung einen Verlust von bis zu 25 Millionen Euro im Jahr. Zum Glück laufen unsere anderen Geschäfte besser.

Stadtwerke mit eigenen Kraftwerken schienen lange im Vorteil, weil sie so zusätzliche Margen erzielen konnten. Kehrt sich das Geschäftsmodell nun dauerhaft in einen Nachteil um?
Das hängt von der künftigen Gestaltung des Strommarktes ab. Um die Sicherheit der Versorgung zu gewährleisten, werden wir konventionelle Kraftwerke noch eine ganze Weile brauchen. Die Spitzenlast in Deutschland liegt bei rund 80 000 Megawatt – wenn es dunkel ist und Flaute herrscht, liefern Windkraft- und Solaranlagen höchstens ein Zehntel davon. Wenn wir nicht im Dunkeln sitzen wollen, müssen konventionelle Kraftwerke diese Lücke schließen.

Zur Person

Michael Feist ist seit April 2004 kaufmännischer Direktor und zugleich Vorstandsvorsitzender der Stadtwerke Hannover. Der 64 Jahre alte
Diplom-Ingenieur war mehr als zwei Jahrzehnte lang beim amerikanischen Ölkonzern ExxonMobil in verschiedenen Positionen tätig gewesen, bevor er 2001 als Geschäftsführer zum deutschen Ableger des niederländischen Energieversorgers Essent wechselte. Der Vertrag des in Goslar geborenen Managers in Hannover endet im März 2016.

Bei der Bundesnetzagentur gehen zwar immer mehr Anträge zur Schließung von konventionellen Anlagen ein – die Lichter sind bisher aber nicht ausgegangen. So unsicher scheint die Versorgungslage also noch nicht zu sein.
Im Augenblick noch nicht, das ist richtig. Aber die verbleibenden Atomkraftwerke scheiden bis 2022 aus dem Markt aus, gleichzeitig kommt der Ausbau des Stromnetzes deutlich langsamer voran als geplant. Noch einmal: Ohne die Unterstützung konventioneller Kraftwerke wird die Energiewende nicht gelingen und die Versorgungssicherheit nicht gewährleistet werden können.

Der Stadtwerkeverband VKU fordert, die Eigentümer der Kraftwerke nicht länger nur für ihre tatsächliche Leistung – also die erzeugten Kilowattstunden – zu bezahlen, sondern auch für ihr schlichtes Vorhandensein. Diese Art der Entlohnung würde sich so mancher Arbeitnehmer auch wünschen …
Unsere Forderung ist schon ernst gemeint – und sie lässt sich auch seriös begründen: Wenn der Gesetzgeber grünem Strom generell Vorfahrt einräumt, zwingt das die Energieversorger dazu, ihre Kraftwerke herunterzufahren, sobald die Sonne scheint und der Wind weht. Mit ihrer eigentlichen Arbeit können sie dann also kein Geld verdienen. Gleichzeitig müssen sie aber jederzeit in der Lage sein, sofort einzuspringen, wenn sich die Wetterlage ändert. Die Kosten für diesen Aufwand können die Versorger auf Dauer nicht allein tragen – diese Leistung muss im Markt angemessen honoriert werden.

Wie stellen Sie sich das konkret vor?
Das Prinzip ist einfach: Jeder Stromversorger muss über Zertifikate sicherstellen, dass er zu jeder Zeit den Bedarf
seiner Kunden decken kann. Diese Nachweise kauft man bei den Kraft­werken – sie sind also eine Art Prämie für die Liefergarantie und die Versorgungssicherheit. Um teuren Überkapazitäten vorzubeugen, sollten die Zertifikate frei handelbar sein. Dann entscheiden Angebot und Nachfrage über ihren Preis.

Das Kartellamt hält von diesem sogenannten Kapazitätsmarkt wenig. Das Gegenargument lautet: In der Konsequenz werde das zu einer Machtkonzentration bei wenigen großen Erzeugern führen, die auf diese Weise ihre unrentablen Kraftwerke am Netz halten könnten – auf Kosten der Verbraucher.
Das sehe ich anders. Wenn das Vorhalten einer Reserveleistung honoriert wird, hilft das allen Versorgern – den großen wie den kleinen – und auch den Verbrauchern. Wie gesagt: Der vorhandene Kraftwerkspark ist unverzichtbar – kleine, dezentrale Anlagen können die benötigten Strommengen nicht garantieren, wenn sie gebraucht werden. Daran wird sich so schnell auch nichts ändern. Gerade auch weil der Gesetzgeber bei der Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes den Ausbau von Biogasanlagen, die als einzige erneuerbare Erzeugung über eine Steuerbarkeit ihrer Stromproduktion verfügt, de facto gestoppt hat.
Interview: Jens Heitmann