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Wirtschaft Immobilienkrise trifft deutschen Traditionsfonds Degi
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19:40 22.10.2010
Sitz der Fondsverwaltung Aberdeen in Frankfurt.
Sitz der Fondsverwaltung Aberdeen in Frankfurt. Quelle: dpa
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Der vor allem von Privatanlegern gehaltene Immobilienfonds Degi Europa schließt nach 38 Jahren seine Pforten. Für etwa 90 000 Investoren setzt sich damit das bange Warten fort, wie viel sie von ihrem investierten Geld wieder sehen werden. Bereits zwei Jahre lang hatten sie ihre Fondsanteile nicht zurückgeben dürfen und höchstens über die Börse mit deutlichen Abschlägen verkaufen können. Jetzt wird der 1,3 Milliarden Euro schwere Fonds endgültig abgewickelt, da das Management eine erfolgreiche Wiedereröffnung für aussichtslos hält. Die gehaltenen 19 Gebäude werden Schritt für Schritt verkauft. Der Erlös fließt ab Januar 2011 über drei Jahre hinweg an die Eigner zurück.

Bereits heute notiert der Fonds fast ein Viertel unter dem Wert der Schließung vor zwei Jahren. „Die Anleger werden wahrscheinlich weitere Verluste hinnehmen müssen“, sagt Sonja Knorr, Immobilienfondsexpertin der Ratinggesellschaft Scope. Ein Grund: Der Verkauf der restlichen Immobilien wird zwar über drei Jahre gestreckt, doch sind die Käufe teilweise mit langfristigen Krediten finanziert, für deren frühzeitige Begleichung Vorfälligkeitsentschädigungen gezahlt werden müssen. Außerdem ist es schwer, angesichts des nun bekannten Verkaufsdrucks hohe Preise zu erzielen.

Die Branche der offenen Immobilienfonds bangt jetzt, wie stark sich die Nachricht auf andere Produkte auswirken wird. Insgesamt stecken annähernd 90 Milliarden Euro in etwa dreißig verschiedenen Fonds. Sie sind in der Vergangenheit immer mit dem expliziten Hinweis auf ihre vermeintliche Sicherheit verkauft wurden. Tatsächlich hatten die Produkte über Jahrzehnte relativ stabile Erträge erwirtschaftet und deswegen auch Geld von professionellen Anlegern aufgesaugt. In der Finanzkrise zogen diese aber in vielen Fällen rasch ihre Einlagen ab, sodass Immobilienfonds schließen mussten. Die bereitgehaltene Liquidität reichte nicht aus, um alle Verkaufswünsche zu decken.

Derzeit sind zehn Fonds mit einem Volumen von fast 24 Milliarden Euro geschlossen, zwei werden abgewickelt. Neben dem Degi Europa ist dies ein auf US-Immobilien spezialisierter Fonds des Anbieters KanAm. Auch ein Produkt von Morgan Stanley könnte bald das gleiche Schicksal drohen. Der Branchenverband BVI glaubt nicht an große Nebenwirkungen dieser Entwicklung. Die unterschiedliche Entwicklung offener Immobilienfonds sei „inzwischen unter den Anlegern bekannt“. Bis Ende August seien allein in diesem Jahr 2,6 Milliarden Euro zusätzlich in die Produktklasse geflossen.

Aberdeen Investment hatte lange gehofft, den Degi Europa wieder öffnen zu können. Doch vor allem die Entscheidung der Commerzbank, die Verkaufsempfehlung für das Produkt aufrecht zu erhalten, hat nach Angaben der Gesellschaft dazu geführt, dass eine Öffnung unmöglich gewesen wäre. Denn traditionell war der Fonds viel über die von der Commerzbank übernommene Dresdner Bank verkauft worden. Degi war früher eine Tochter der Dresdner Bank.

Die Fondsmanager von Aberdeen haben bereits Immobilien verkauft und den Kassenbestand auf über 30 Prozent des Fondsvermögens erhöht, um bei einer spätestens Ende Oktober nötigen Öffnung flüchtende Anleger bedienen zu können. „Nach eingehender Prüfung kann nicht garantiert werden, dass die Liquidität für die Bedienung der Rückgabewünsche ausreicht“, teilte das Unternehmen am Freitag mit.

An der Börse waren seit Aussetzen der Rücknahme Anteile im Wert von fast 400 Millionen Euro gehandelt worden. Da die Käufer vor allem an einem raschen Verkauf bei Öffnung des Fonds interessiert gewesen sein dürften, habe es einen Grund mehr gegeben, die Öffnung nicht zu wagen.

Martin Dowideit