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10:01 27.04.2019
Würzburg: Arbeiter verkleiden auf einem Wohn- und Geschäftshaus eine Mobilfunksendeanlage mit einer Schornsteinattrappe. Quelle: Kilian Moritz/dpa
Würzburg

Wer es nicht weiß, ahnt es nicht: Hinter dem unscheinbaren Schornstein auf einem Wohn- und Geschäftshaus am in Würzburg verbirgt sich eine Mobilfunkantenne. Selbst Menschen in nächster Nähe nehmen sie oft nicht als solche wahr - und auch mancher Bewohner des fünfstöckigen Gebäudes ist überrascht. „Im Keller ist uns die Anlage aufgefallen“, sagt die 21-jährige Amelie Erhard. Mit dem Wissen um die verpackte Antenne sei der Blick aufs Dach witzig. „Es wäre schon ein sehr hoher Kamin.“

Wer mit dieser Vorkenntnis schaut, merkt schnell: Die ungewöhnlich hohen Kamine gibt es auf mehreren Häusern. In vielen deutschen Städten. Und Kamin-Attrappen sind nur eine Möglichkeit, um Funkanlagen zu kaschieren: Bäume, Palmen, gar Kirchen-Kreuze können in Wahrheit ein Sendemast sein. „Das Kamin-Design ist Standard“, sagt der Münchner Ingenieur Hans Ulrich, der Kommunen zur Standortwahl berät. Aber möglich sei alles.

Als Beispiele für „architektonische Kunst“, bei der Antennen ins Landschaftsbild passten oder im Ausnahmefall gar nicht zu erkennen seien, nennt Vodafone: den Passauer Rathausturm, das Schloss Hohenkammer, Getreide-Silos und in Freizeitpark-Attraktionen eingebaute Antennen. Nur zehn Prozent der Stationen in Bayern seien freistehende Masten.

Regelmäßige Proteste gegen geplante Mobilfunkanlagen

Die Deutsche Funkturm, eine Tochtergesellschaft der Telekom, die Funkstandorte baut und vermarktet, schätzt, dass in Gebäuden versteckte Antennen ebenso häufig sind wie die kaminartigen Ummantelungen. Eine dritte Möglichkeit sei, Antennen in der Umgebungsfarbe anzustreichen.

„Wenn wir die Wahl hätten, würden wir immer einen einfachen, unversteckten Standort wählen“, sagt Sprecher Benedikt Albers. Doch diese Wahl haben die Mobilfunkbetreiber nicht immer. Gemeinden und Grundstückseigentümer entscheiden mit - und Mobilfunkanlagen sind nicht gerade beliebt.

Regelmäßig protestieren Bürger gegen geplante Masten in ihrer Umgebung. Gleichzeitig wird der Ruf nach einem flächendeckenden Netz immer lauter.

Ob ein Mobilfunkmast in der Nähe steht, können Bürger über eine Online-Karte der Bundesnetzagentur herausfinden. Die Anzeige ist allerdings nicht exakt, ein Standort kann laut Behörde um bis zu 80 Meter verschoben sein. Tatsächlich offenbart die Datenbank für das Würzburger Haus in direkter Nähe eine 2016 genehmigte Anlage, 20 Meter über dem Boden.

Tarnung von Masten „nicht okay“

Die Tarnung von Masten sei „nicht okay“, findet eine Sprecherin des Münchner Vereins für Elektrosensible und Mobilfunkgeschädigte. Bedeutsam für elektrosensible Menschen seien aber vor allem strahlungsarm gestaltete Wohnungen und Arbeitsplätze sowie das Vermeiden handyreicher Umgebungen wie Straßenbahnen.

Hauseigentümer müssen Mieter auf Anlagen aufmerksam machen, wie es vom Deutschen Mieterbund Bayern heißt. Bewohnerin Amelie Erhard zumindest fühlt sich durch die Antenne über ihrem Kopf nicht beeinträchtigt: „In Städten ist Mobilfunk ja normal.“

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Von RND/dpa