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Wirtschaft Hohe Spritpreise: Darum werden Benzin und Diesel immer teurer
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16:18 08.04.2019
Tanken wird immer teurer – und es liegt nicht nur an den bevorstehenden Ferien. Quelle: dpa
Venezuela

Liegt es am Osterhasen? Früher war die These beliebt, dass mit den nahenden Feiertagen die Spritpreise von den Tankstellen-Betreibern nach oben getrieben werden. Weil sich Deutschland mit dem Pkw in Bewegung setzt und deshalb die Nachfrage nach Benzin und Diesel steigt.

Fest steht, dass der Durchschnittspreis für Super E10 Ende Januar im Schnitt noch bei 1,30 Euro pro Liter lag. Danach ging es nach oben. In der vergangenen Woche dem ADAC zufolge noch einmal deutlich, und zwar um 2,6 Cent. Gerade wurde nach den Daten des Internetportals „finanzen.net“ die Marke von 1,40 Euro geknackt.

Die Autofahrerlobby führt dies aber nicht auf den Osterhasen, sondern auf die „zuletzt wieder gestiegenen Rohölpreise“ zurück. Branchenkenner gehen davon aus, dass sich Aufschläge an den internationalen Rohstoffbörsen sich mit einer Verzögerung von vier, fünf Tagen in Erhöhungen an der Tankstelle übersetzen. Das bedeutet in jedem Fall für diese Woche, dass Autofahrer tiefer in die Tasche greifen müssen.

Rohöl wird teurer

Die für den europäischen Markt maßgebliche Sorte Brent notierte am Montagnachmittag bei knapp 71 Dollar pro Fass – der höchste Wert seit etwa einem halben Jahr. Für Spekulanten, die auf steigende Preise gewettert hatten, war das erste Quartal des Jahres 2019 eines der erfolgreichsten im vergangenen Jahrzehnt. Noch an Weihnachten 2018 kostete das Fass 50 Dollar.

Dabei wird allenthalben von konjunkturellen Dellen und drohenden Krisen geredet. Ein langsameres Wachstum oder gar eine schrumpfende Wirtschaft müssten eigentlich die Nachfrage nach dem sogenannten schwarzen Gold verringern und damit die Preise drücken. Jahrelang galt denn auch die Formel, dass die Nachfrage das Auf und Ab bestimmt. Insbesondere der Bedarf der Schwellenländer nach Treib- und Brennstoff war dominierend.

OPEC verknappt das Angebot

Doch die Dinge haben sich gedreht: „Aktuell bestimmt nicht die Nachfrage sondern das Angebot das Geschehen am Ölmarkt“, sagte Eugen Weinberg, Rohstoffexperte der Commerzbank, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Da gebe es einerseits die freiwilligen Beschränkungen von Saudi-Arabien und Russland, aber auch von Kanada.

Im November hatte die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) beschlossen, rund 800 000 Fass weniger pro Tag zu pumpen. Was fast zur Hälfte von den Saudis getragen wird. Eine weitere Minderung kommt von einer Reihe von Ländern dazu, die nicht dem Kartell angehören. Allein Russland reduziert um 230 000 Fass. Die Einschränkungen werden bislang mit großer Disziplin eingehalten.

Seinerzeit wurde außerdem beschlossen, dass die Restriktionen für Venezuela und Libyen nicht gelten – wegen der politischen Krisen in den beiden Staaten. Doch in dem mittelamerikanischen Land ist die Lage inzwischen so prekär, dass die staatliche Ölfirma gar nicht mehr so viel fördern kann, wie sie darf. In Libyen sind Kämpfe zwischen der international anerkannten Regierung und der Rebellenarmee um Khalifa Haftar aufgeflammt.

Krisen in Libyen und Venezuela

Die Rohöl-Produktion hat das zwar noch nicht unmittelbar beeinflusst. Vorige Woche wurde laut Finanzagentur Bloomberg mit 1,1 Millionen Fass täglich sogar ungewöhnlich viel gepumpt. Doch die Akteure an den Rohstoffbörsen befürchten, dass sich dies beinahe stündlich ändern könnte. Die Vorahnungen sind bereits in die Preise eingeflossen, die zudem davon geprägt wurden, dass die US-Regierung erwägt, die Handelssanktionen gegen den enorm wichtigen Öl-Produzenten Iran zu verschärfen.

Die verschiedenen Faktoren zusammen genommen führen nach Weinbergs Analysen dazu, „dass wir aktuell eine weltweite Unterversorgung von rund 500 000 Fass pro Tag haben.“ Die Kurzfrist-Prognose des Experten der Commerzbank fällt denn auch wie folgt aus: „In den nächsten Monaten könnte der Brentpreis auf 75 Dollar pro Fass oder höher steigen.“ Denn der Ölmarkt habe in den vergangenen Wochen eine starke Dynamik entwickelt, die nur eine Richtung kenne: aufwärts. Das habe mittlerweile „die Qualität einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung angenommen“. Die Preise steigen, weil alle Akteure in der Branche erwarten, dass sie steigen.

Trump legt sich mit der OPEC an

Doch US-Präsident Donald Trump will all das nicht hinnehmen. Er hat Angst, Rückhalt bei seinen automobil-affinen Wählern zu verlieren. Seine Regierung bastelt deshalb an Gesetzen, die es möglich machen sollen, Opec-Länder wegen ihrer Absprachen in den Vereinigten Staaten zu verklagen – das Projekt, das das Kartell einschüchtern soll, läuft unter dem Schlagwort „Nopec“.

Das hat die Saudis auf den Plan gerufen. Die Araber drohen nun, dass ihr Öl künftig auf den Weltmärkten nicht mehr in Dollar gehandelt werden könnte – was den Amerikanern viele Vorteile brachte. Unter anderem eine Sicherheit gegen Verschiebungen der Währungsrelationen. Darunter leiden indes die Autofahrer in der EU. „Für den hiesigen Kraftstoffmarkt kommt als preistreibender Faktor hinzu, dass der Euro gegenüber den Dollar verloren hat, wodurch sich der Import von Öl verteuert“, erläutert Weinberg.

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Wie lange der Preisauftrieb anhält, ist schwer zu sagen. Ein Treffen des Kartells mit den alliierten Ölstaaten (Opec Plus), das für den 17. April geplant war, wurde abgesagt. So gilt die zusammen gestutzte Förderung gilt mindestens bis Ende Juni. Eine Verlängerung ist heftig umstritten. Die Entscheidung dürfte dann doch wieder stark von der konjunkturellen Entwicklung abhängen.

Hinzu kommt noch, was sich in den USA tut. Weinberg: „Zwar führen die gestiegenen Preise dazu, dass in den USA nun wieder mehr Bohrlöcher für Schieferöl in Betrieb genommen werden. Das wird das Angebot erhöhen, aber dieser Mechanismus wirkt nur mit starker Verzögerung“, sagte Weinberg dem RND. Er fügt allerdings hinzu: „Langfristig gehen wir deshalb nach einer kurzfristigen Verteuerung wieder von fallenden Preisen aus.“

Von Frank-Thomas Wenzel/RND