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Wirtschaft HNO-Ärzte müssen Geschäft aufgeben
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08:25 08.06.2010
Von Jens Heitmann
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Die Bundesinnung der Hörgeräteakustiker kündigte weitere rechtliche Schritte an: „Wir lehnen solche Geschäftsmodelle ethisch, moralisch und juristisch ab“, sagte Hauptgeschäftsführer Jakob Baschab. „Musterprozesse werden folgen.“

Das Bestreben vieler Arztpraxen, am Geschäft mit Hörgeräten mitzuverdienen, ärgert die Akustiker seit Jahren. Lange war es für HNO-Ärzte üblich, sich für die Versorgung doppelt bezahlen zu lassen. Neben dem offiziellen Honorar von der Krankenkasse gab es Provisionen von den Akustikern – entweder „unter der Hand“ oder als Pauschale für „Befundberichte“. Bei bis zu 100 Euro pro Ohr waren so für einen HNO-Arzt bis zu 20.000 Euro jährlich drin. Die Akustiker wiederum hielten sich an den Patienten schadlos.

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Dieser über Jahrzehnte eingeübten Praxis hat der Gesetzgeber im vergangenen April einen Riegel vorgeschoben: Mit der Neufassung des sogenannten Antikorruptionsparagrafen 128 im Sozialgesetzbuch (SGB) dürfen Ärzte Hilfsmittel wie Hörgeräte oder Einlagen nur noch verschreiben, aber nicht mehr am Umsatz mit ihnen beteiligt sein. Im Alltag habe sich trotz der Novellierung jedoch nur wenig geändert, heißt es in der Branche.

Im konkreten Fall hatten sich den Angaben zufolge HNO-Ärzte aus Stuttgart mittelbar an der DOC Hörgeräte GmbH & Co. KG beteiligt. Die Gesellschaft betreibt in der Region drei Filialen, die jeweils „in räumlicher Nähe“ zu den Praxen der Mediziner angesiedelt sind, wie es in der Abmahnung der Wettbewerbszentrale heißt, die der HAZ vorliegt. Aus den Gesellschafterverträgen ergebe sich, „dass die Gewinne den beteiligten HNO-Ärzten (...) zu jeweils gleichen Teilen zufließen“. Das Beteiligungsmodell ziele darauf ab, „durch entsprechendes Verordnungsverhalten“ persönliche Einnahmen zu generieren. Mit anderen Worten: Die HNO-Ärzte schickten ihre Patienten in die Akustikergeschäfte, an denen sie selbst beteiligt seien. Das belegen dem Schreiben der Wettbewerbszentrale zufolge Aussagen von Patienten.

Die Organisation stützt ihre Abmahnung auf die Bestimmung der Berufsordnung der Landesärztekammer Baden-Württemberg – die eigentliche Stoßrichtung ziele jedoch auf die Neuregelung im Sozialgesetzbuch, heißt es bei den Akustikern. Die Zahl von Akustiker-GmbHs, an denen HNO-Ärzte entweder selbst oder über Treuhänder wie Ehefrauen oder Steuerberater beteiligt sind, habe sich sprunghaft erhöht, sagt Innungsgeschäftsführer Baschab. „Wir haben bis jetzt mehr als 150 solcher Beteiligungen gezählt.“

Zum Vergleich: Den rund 4000 HNO-Ärzten stehen in Deutschland etwa 4100 Akustiker gegenüber. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland nach Einschätzung von Marktkennern 775.000 Hörgeräte verkauft; der Umsatz der Branche wird auf rund eine Milliarde Euro taxiert.