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Wirtschaft Großstädte stehen Medizinern wieder offen
Mehr Welt Wirtschaft Großstädte stehen Medizinern wieder offen
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18:54 15.05.2011
Von Jens Heitmann
Hausärzte werden vor allem auf dem Land benötigt, bald können sie sich auch in den Städten wieder niederlassen. Quelle: dpa
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Das ist kuriose Folge des geplanten Versorgungsgesetzes, mit dem Bund und Länder eigentlich dem Ärztemangel auf dem Land abhelfen wollen.

Verantwortlich dafür ist der sogenannte Demografiefaktor bei der Berechnung der Bedarfsplanung. Künftig soll die Zahl der Arztsitze in einem Planungsbereich nicht mehr nur an die Zahl der Einwohner gekoppelt sein, sondern auch an deren Altersstruktur. Damit will der Gesetzgeber verhindern, dass in gut versorgten Gebieten unnötige neue Arztsitze entstehen. „In der Praxis wird das aber genau andersherum laufen“, sagt Jörg Niemann, Leiter der Landesvertretung der Ersatzkassen in Niedersachsen (vdek), Jörg Niemann: „Statt einer gezielten Steuerung aufs platte Land gibt es neue Niederlassungschancen in bereits gut versorgten Gebieten.“

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Obwohl sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten die Zahl der ambulant tätigen Ärzte etwa verdoppelt hat, rechnen Experten in absehbarer Zeit bundesweit mit einem Mangel von bis zu 20.000 Medizinern. Viele ältere Ärzte setzen sich zur Ruhe, Jungmediziner entscheiden sich oft für Jobs in der Pharmaindustrie oder im Ausland – parallel dazu werden die Patienten wegen der Alterung der Gesellschaft gebrechlicher. In Niedersachsen zeichnet sich aktuell in sieben Kreisen ein Ärztemangel ab: In Gifhorn, Soltau-Fallingbostel, Vechta, Wolfenbüttel, Harburg, im Emsland, und in der Grafschaft Bentheim nähert sich die Versorgungsquote der Marke von 75 Prozent – darunter ist von Unterversorgung die Rede.

Unter Einberechnung des Demografiefaktors hingegen breitet sich der Mangel rasant aus: Auch in den Ballungsräumen fehlt es nun allerorten an Ärzten. Landesweit stünden niederlassungswilligen Medizinern laut Kassenärztlicher Vereiningung Niedersachsen (KVN) insgesamt 790 Arztsitze offen – ohne Berücksichtigung der Altersstruktur wären es 342 Sitze weniger.

Verantwortlich dafür ist die neue „kleinräumige Bedarfsplanung“. Die Planungshoheit soll künftig weitgehend auf die Regionen übergehen; dann würde vor Ort festgelegt, wie groß die Bezirke für die Bedarfsplanung sein sollen. Grundsätzlich weise ein Demografiefaktor in die richtige Richtung, heißt es bei der KVN, weil „die rein quantitative Ermittlung des Verhältnisses von Einwohner- zu Arztzahl durch einen qualitativen Aspekt des Versorgungsbedarfes einer bestimmten Bevölkerungsgruppe ergänzt wird“. Allerdings würden dadurch „nicht die Probleme der ärztlichen Unterversorgung im ländlichen Bereich gelöst“. Im Zweifel würden diese sogar vergrößert, warnt ein Ärztefunktionär: „Je kleinräumiger ich plane, einen desto höheren Bedarf an Ärzten habe ich.“

In der Politik hegt man die Hoffnung, dass sich trotzdem mehr Ärzte für das Landleben entscheiden – auch weil weitere Hilfen vorgesehen sind, in der Vergütung etwa oder bei der Praxisübernahme. Das Beispiel der Zahnärzte hingegen weist eher in die andere Richtung. Für ihr Fachgebiet wurden vor vier Jahren alle Zulassungsbeschränkungen aufgehoben: Seither hat sich in Niedersachsen die Dichte der Doktores in bereits bestens besetzten Städten wie Wolfsburg, Göttingen oder Oldenburg deutlich stärker erhöht als in den deutlich schlechter versorgten Landkreisen wie Helmstedt, Aurich oder Rotenburg/Wümme. In Hannover beispielsweise versorgt ein Zahnarzt tausend Patienten – in Leer sind es doppelt so viele. „Der Trend geht in die Ballungsräume, obwohl anderenorts die wirtschaftlichen Möglichkeiten besser wären“, sagt der Vorsitzende der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Niedersachsen, Jobst-Wilken Carl.