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Wirtschaft General Motors ist nach 101 Jahren insolvent
Mehr Welt Wirtschaft General Motors ist nach 101 Jahren insolvent
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22:25 01.06.2009
Die Pleite von General Motors ist der größte Bankrott der amerikanischen Industriegeschichte. Quelle: Bill Pugliano/afp

Zwei Weltkriege, die Große Depression und eine Reihe von Wirtschaftskrisen hat General Motors überstanden. 101 Jahre nach der Gründung durch Billy Durant ging die Erfolgsgeschichte von General Motors gestern jäh zu Ende. Der Konzern meldet Insolvenz an. „Der heutige Tag wird ein historischer Tag – das Ende für die alte Firma General Motors und der Beginn eines neuen Unternehmens“, erklärte das Weiße Haus in einer Mitteilung. Der Präsident wolle um das Vertrauen der Amerikaner werben, hieß es. Er sei sicher, dass General Motors seinen Bankrott überstehen könne, auch wenn das künftige Unternehmen nur noch wenig mit dem einstigen Titanen des Automobilbaus zu tun haben werde.

Die Pleite von General Motors mit geschätzten Vermögenswerten von 91 Milliarden Dollar ist der größte Bankrott der amerikanischen Industriegeschichte. Nur die Konkurse der Banken Lehman Brothers und Washington Mutual im vergangenen Jahr waren mit 691 beziehungsweise 328 Milliarden deutlich gravierender. Und doch trifft die GM-Pleite die amerikanische Seele weitaus stärker.

Der US-Autohersteller war über Jahrzehnte das Sinnbild des amerikanischen Mobilitätsdrangs. Hollywood und zahlreiche Sänger erhoben GM-Autos der Marken Cadillac, Chevrolet, Oldsmobile oder auch Pontiac zum Kultstatus – zu Ikonen der amerikanischen Gesellschaft.

„General Motors ist in vielerlei Hinsicht eine Metapher für das Industriezeitalter der USA geworden“, sagt Robert Thompson von der Universität Syracuse, der Populärkultur erforscht. Das Wort „ikonisch“ werde häufig zu schnell verwendet, aber GM verdiene es wirklich, als Ikone bezeichnet zu werden, meint der Professor. Autos von General Motors sind für viele Amerikaner ein Bestandteil ihrer Kultur geworden. Nicht nur Burt Reynolds fuhr im Film einen Pontiac, die meisten Amerikaner sind mit den Bildern und den Marken des Unternehmens aufgewachsen: Don McLean besang in „American Pie“ einen Chevrolet und Natalie Cole einen „Pink Cadillac“. Das Unternehmen verkaufte den Stahl-gewordenen amerikanischen Lifestyle. Der erste Cadillac war für viele das Zeichen, das sie ihren ganz eigenen amerikanischen Traum erfüllt hatten, sie waren angekommen. „Der Lebensstandard konnte oft daran gemessen werden, welches GM-Auto zu einem bestimmten Zeitpunkt gefahren wurde“, sagt Thompson. „Cadillac stand für Luxus.“

Der damals mächtigste Konzern der Welt wusste nur zu gut um seine Bedeutung. „Was gut ist für General Motors, ist gut für das Land“, sagte GM-Chef Charles E. Wilson in den fünfziger Jahren, und ist mit diesem Satz in die Geschichtsbücher eingegangen. Damals war es Arroganz, heute klingt es eher wie ein Hilferuf.

Die Ursachen des Niedergangs von General Motors waren vielfältig: Dazu gehörte eine Markenpolitik, die auf viel zu viele verschiedene Fahrzeuge unter den unterschiedlichsten Namen setzte. Großzügige Abkommen mit den Gewerkschaften belasteten GM mit höheren Kosten als die Konkurrenz. Die Qualität der Fahrzeuge konnte mit anderen Herstellern immer weniger mithalten. Und das Management setzte auf große, spritfressende Fahrzeuge, die jüngst an Popularität eingebüßt haben.

Vom Autogiganten kann man denn auch schon lange nicht mehr sprechen: Die rund 55 Prozent Marktanteil, die Wilson vor einem halben Jahrhundert im Rücken hatte, sind heute auf 19 Prozent geschrumpft – Tendenz fallend. In seinen goldenen Jahren stand General Motors für eine Million Arbeitsplätze im Land. Heute sind in seinen Autofabriken nur noch 56 000 übrig geblieben, wenngleich Zehntausende von Jobs auch noch in heute ausgegliederten Zulieferbetrieben zu finden sind. Dass der Konkurs nur acht Monate nach der Hundertjahrfeier des 1908 gegründeten Unternehmens eingetreten ist, wirkt bitter. „Wir sind eine Firma, die auch die nächsten hundert Jahre ganz vorne stehen wird“, sagte der damals GM-Chef Rick Wagoner. Doch auch er ist inzwischen Geschichte.

Stattdessen ist nun der amerikanische Staat Mehrheitseigentümer der einst so stolzen Detroiter Autohersteller. Im Gegenzug zu neuen Finanzspritzen von 30 Milliarden Dollar (rund 21 Milliarden Euro), die zu bereits gewährten 20 Milliarden an Überbrückungshilfen hinzukommen, erhält er 60 Prozent der GM-Aktien. Die kanadische Bundesregierung und die Provinz Ontario, in der viele Werke von General Motors stehen, übernehmen als Gegenleistung für Kredite zwölf Prozent. 17,5 Prozent erhält die Automobilgewerkschaft UAW für den Verzicht auf etwa 20 Milliarden Dollar Ansprüche ihres Pensions- und Gesundheitsfonds. Schon nach zwei bis drei Monaten könnte General Motors den Konkurs abschließen. Tausende von Autohändlern und 14 Produktionsstandorte in den USA sollen für den Neuanfang schließen.

Der einzige Trost für Nostalgiker: Nur eine der vier Automarken, die dem Bankrott zum Opfer fallen werden, ist ein echter Klassiker. Pontiac, das stand einmal für Sportwagen wie den GTO, der 1964 als erstes PS-strotzendes, sogenanntes „Muskelauto“ („muscle-car“) auf den Markt kam, und in den sich die Hollywoodhelden verliebten. Doch Saab, eine andere bedrohte Marke, hat wenig mit den US-Highways zu tun. Und die beiden weiteren Todeskandidaten, Hummer und Saturn, sind nur zwei- bis zweieinhalb Jahrzehnte alte Ableger, die zum Mythos noch nicht taugen. Ausgerechnet Hummer, die Marke mit den durstigen Jeeps, hat übrigens beste Chancen zu überleben. General Motors ist in Verhandlungen mit Interessenten, die womöglich aus China kommen. Autofans werden deshalb den Konkurs von GM noch am ehesten verschmerzen. Wem ein dicker Cadillac, das klassische Auto der US-Präsidenten, das Herz höher schlagen lässt, der wird ihm aber auch künftig auf Amerikas Straßen begegnen. Auch Chevrolet, Buick und GMC werden bleiben.

Die eigentliche Tragödie ist allerdings, dass mit dem Konkurs von General Motors auch ein Modell des amerikanischen Kapitalismus am Ende ist, der mit seiner Fürsorge für die Arbeiter und seiner Kooperation mit den Gewerkschaften fast europäische Maßstäbe setzte. Ein Job bei GM war lange Symbol für ein sicheres Auskommen und den sozialen Aufstieg.

Nostalgie ist allerdings das allerletzte, was die neuen Verantwortlichen bei General Motors gebrauchen können. Gerade bei jüngeren Autokäufern zwischen 21 und 30 Jahren schwächelt General Motors besonders. Die können mit den sentimentalen Erinnerungen an die Schwanzflossen-Fahrzeuge der fünfziger Jahre wenig anfangen. So manches Modell von General Motors habe für sie heute das Image, Opas Auto zu sein, sagt Dan Gorrell von der Beraterfirma Auto-Strategem. „Viele sehen ihre Freunde nicht in diesen Marken und können sich deshalb auch sich selbst nicht darin vorstellen.“ Das müssen sie bei GM nun ändern.

von Andreas Geldner und John Porretto

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