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Wirtschaft Friedrich Joussen will TUI auf Rendite trimmen
Mehr Welt Wirtschaft Friedrich Joussen will TUI auf Rendite trimmen
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22:02 07.02.2013
FRiedrich Joussen hört zu Hause nur auf den Rufnamen „Fritz“. Da in seinem Pass aber die längere Variante steht, gilt sie auch im geschäftlichen Alltag. Quelle: dpa
Hannover

Hannover. Wenn Friedrich Joussen in eine neue Stadt kommt, geht er erst einmal durch die Straßen. Sein Blick sucht dabei weniger vermeintliche Sehenswürdigkeiten – es sind die Schaufenster, die ihn anziehen. Wer verkauft hier was an wen? Es ist der Blick des Händlers: Nur wer die Wünsche seiner Kunden auch an der Konkurrenz ablesen kann, wird sich im Markt richtig positionieren. „In Hannover sieht man sofort, dass es hier ein großes Einzugsgebiet geben muss“, sagt Joussen. „Hier sind noch richtig viele echte Einzelhändler und nicht nur Ketten.“

In seinem bisherigen Managerleben hatte der 49-Jährige vor allem Telefonminuten im Angebot, zuletzt als Deutschland-Chef von Vodafone. Nun will er an der Spitze der TUI zeigen, dass man mit Reisen eine attraktivere Marge erzielen kann als ein x-beliebiger Krämerladen. Wie das gehen soll? Joussen bittet noch um Nachsicht: „Ich habe nach der Diskussion mit dem deutschen Management erste Hypothesen – ein fertiges Konzept gibt es noch nicht.“ Im Oktober ist er in den TUI-Vorstand aufgerückt, mit Ablauf der Hauptversammlung am kommenden Mittwoch tritt er die Nachfolge von Konzernchef Michael Frenzel an.

Eines ist dem neuen Mann der Spitze schnell aufgefallen: Beide Branchen ticken komplett anders. Telekommunikationsriesen wie Vodafone agierten mit gewaltiger Finanzkraft und scharfem Controlling, aber eben auch mit extrem flacher Hierarchie für kurze Entscheidungswege. In der Touristik hingegen würden selbst die Marktführer oft noch wie Familienbetriebe geführt. „Wenn da einer den Taschenrechner in die Hand nimmt, gilt er schon als Zahlenfreak“, sagt Joussen. „Reisen sind eben ein hochemotionales Produkt.“

Der neue TUI-Chef sieht aber auch eine Parallele zu seinem alten Geschäft: Nach der Liberalisierung des Telefonmarktes haben die Karten- und Handyverkäufer zunächst als Gemischtwarenläden angefangen – heute unterhält jede Marke ihre eigenen Shops. Diesen Trend sieht Joussen auch für die Touristik voraus: Exklusive Angebote der Veranstalter müssten die Reisebüros exklusiv verkaufen wollen, findet er. Nur so lasse sich der Markt über Innovation und Differenzierung mit den erforderlichen Margen aktiv gestalten. Zumindest in Ballungsräumen mit hoher Nachfrage werde sich so ein Konzept durchsetzen: „Sonst räumt am Ende das Internet alles ab.“

Joussen kleidet solche Ansagen in einen weichen Ruhrgebietsslang – der Unterton jedoch macht deutlich, dass die TUI-Mannschaft gut daran tut, das nicht mit gemächlicher Gemütlichkeit zu verwechseln. Trotz seiner Leutseligkeit versteht sich der neue Chef als „Angriffskrieger“, der das operative Geschäft gern direkt steuert. Bei der TUI ist dieser Spielraum jedoch eng begrenzt: Der Konzern hat auf seine Reiseveranstalter nur einen mittelbaren Zugriff, seit sie im Zuge einer Fusion in der britischen TUI Travel aufgegangen sind. An dieser Tochter ist die hannoversche TUI AG nur mit 56 Prozent beteiligt.

Joussen nimmt diesen Rahmen vorerst als gegeben hin. Seit die ersten Gespräche über einen Zusammenschluss ohne Ergebnis geblieben sind, muss sich der Konzern vor einem erneuten Anlauf mindestens sechs Monate gedulden – so will es das britische Übernahmegesetz (Takeover Code). Für den neuen TUI-Chef ist das aber kein Problem. Denn für ihn liegt es auf der Hand, dass ein Zusammengehen beider Gesellschaften gerade langfristig „Riesensynergien“ ermöglicht. „Dieser Schritt wird also so oder so irgendwann kommen“, sagt Joussen. Eine Frist dafür will er jedoch nicht setzen: „Ich bin da wie ein Jäger – ich kann warten.“

Die Zwischenzeit will Joussen nutzen, um den Mutterkonzern in Hannover auf Vordermann zu bringen. Im vergangenen Jahr hat die TUI AG operativ einen Gewinn von 745 Millionen Euro ausgewiesen, pro Aktie kommt dennoch ein Verlust von 16 Cent je Aktie heraus, weil aufgrund der komplizierten Konzernstruktur erst außenstehende und dann die Aktionäre bedient werden. „Wir schaffen zurzeit keinen Wert“, sagt Joussen. „Solange wir das tun, dürfen wir nicht erwarten, dass uns jemand Geld gibt.“

Deshalb will der neue Hausherr neben der strategischen Steuerung der TUI-Travel-Tochter auch die zentralen Kosten und das eigene Portfolio des Konzerns unter die Lupe nehmen. Braucht man unbedingt eigene Fluggesellschaften? Welche der 250 eigenen Hotels mit 160.000 Betten erfüllen die erforderlichen Qualitäts- und Renditeansprüche? Das gelte natürlich auch für die Kreuzfahrtschiffe: „Operative Exzellenz und eine transparente Steuerung der Investitionen sind eine unabdingbare Voraussetzung zur Wertsteigerung eines Unternehmens.“

Die vielen offenen Fragen verunsichern offenbar die Belegschaft. Es gebe noch kein klares Bild vom neuen Chef, sagt ein Betriebsrat. „Ambivalent“ sei der Eindruck bisher. Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat hatten für die Ernennung Joussens zum TUI-Chef zur Bedingung gemacht, dass die Konzernzentrale in Hannover bleibt und das touristische Geschäft aus Deutschland heraus entwickelt werden soll. „Dazu vermissen wir bisher ein klares Bekenntnis“, erklärt einer der Beteiligten. Auch die „forsche und kumpelige Art“ des neuen Spitzenmannes komme nicht bei jedem gut an, berichtet ein führender Manager. Viele hielten maximale Distanz: „Alle sind auf der Hut.“

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