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Wirtschaft Flugscham und Klimadebatte: Kommen jetzt die Nachtzüge zurück?
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19:09 23.07.2019
Die Österreichischen Bundesbahnen weiten das Nachtzugangebot aus. Quelle: obs
Hannover

Karl-Peter Naumann ist Fan der Bahn – wie sollte es anders sein bei Deutschlands oberstem Fahrgastvertreter. Als Vorsitzender von Pro Bahn beobachtet er auch die heftiger werdende Klimadebatte. „Das ist Wasser auf unsere Mühlen“, sagt Naumann, der sich seit Jahrzehnten für eine Stärkung des Schienenverkehrs einsetzt.

Und dafür, dass wieder mehr Fahrgäste die Bahn nehmen, was sich bei Deutschlands Nachbarn abzeichnet. So vermeldeten die schwedischen Eisenbahnen jüngst, dass sich mehr Fahrgäste wegen Flugscham – also der Scham für die Klimafolgen des Fliegens – für den Zug entscheiden würden. Doch wird das zum Trend?

Geht es um längere Strecken, ist die Fahrt mit dem Zug jedenfalls unerquicklich. Wer aus Berlin in den Urlaub nach Norditalien will, braucht mit dem Flugzeug knapp zwei Stunden – mit dem Zug sind es bis zu 17. Für das Sitzfleisch eine Zumutung.

Es sei denn, es gibt Liegeplätze und richtige Betten. So wie in den Nachtzügen der Österreichischen Bundesbahnen, die in Deutschland, Österreich, Italien und anderen Ländern unterwegs sind.

Ein Bruchteil des CO2-Ausstoßes vom Flug

Das Klima schont das jedenfalls: Weil sie zu 100 Prozent mit „grünem“ Strom fahren, produziere der Fahrgast im „Nightjet“ genannten Nachtzug nur ein Bruchteil klimaschädliches CO2 im Vergleich zum Fliegen, betont ÖBB-Sprecher Bernhard Rieder. Beim Flug werde 31 Mal so viel CO2 ausgestoßen wie im Zug.

„Die ÖBB sind überzeugt, dass Nachtzüge Zukunft haben, daher haben wir im Sommer 2018 13 neue Nightjet Züge bestellt“, sagt Rieder. Auf Interesse könnte das in der Schweiz stoßen. Dort deuten Umfragen des Schweizer Verkehrsclubs (SVC) auf ein wachsendes Interesse an Nachtzügen hin. Prompt kündigten die Schweizer Bahnen an, nun eine vertiefte Kooperation mit den österreichischen „Nightjets“ zu prüfen.

So soll ein Vierer-Abteil in den neuen Nachtzügen der ÖBB aussehen. Quelle: ÖBB | Designstudie PriestmanGoode

In Deutschland fahren die Nightjets vor allem gen Süden und verbinden unter anderem Berlin mit der Österreichischen Hauptstadt Wien und München mit Rom. Zudem gibt es Partnerschaften mit osteuropäischen Anbietern, die aus München unter anderem Zagreb und Budapest ansteuern.

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Fahrgastvertreter Naumann ringt das Engagement der ÖBB mittlerweile einigen Respekt ab. „Die sind dabei, sich als europäischer Nachtzuganbieter zu etablieren“, glaubt der Pro-Bahn-Vorsitzende.

Wichtig ist aus seiner Sicht, die Nachtzugfahrten komfortabler zu machen. Den ÖBB attestiert er dabei viel Geschick. „Die bieten alle möglichen Komfortklassen in unterschiedlichen Preisstufen“ lobt Naumann das Angebot. In den neuen Nightjets gebe es Angebote vom klassischen Sitzplatz über das Vierer-Schlafabteil bis hin zur teuren Single-Suite mit Bad.

Teuer, aber komfortabel: Die Single-Suite mit Bad. Quelle: ÖBB | Designstudie PriestmanGoode

Die Deutsche Bahn hat hingegen das klassische Nachtzugangebot 2016 eingestellt, weil es nicht rentabel war. Nun gibt es zwar ein Netz aus Nachts verkehrenden ICs und ICEs – Liegeplätze haben diese allerdings nicht. „Wir haben dabei die wachsende Gruppe der Nachtzugkunden im Auge, denen eine Liegemöglichkeit weniger wichtig ist“, erklärt eine Sprecherin der Bahn das Kalkül.

Zugleich versicherte sie aber, dass die Deutsche Bahn die österreichischen Nachtzüge in vielerlei Hinsicht unterstütze. Die Nightjets seien über die DB-Homepage buchbar, auch stelle die Bahn Lokführer bereit und organisiere die Nutzung von Trassen und Bahnhöfen durch die ÖBB.

Es hapert beim Tarifsystem

Der deutsche Fahrgastvertreter Naumann hat mit dieser Arbeitsteilung kein Problem: „Nachtverkehr ist schon ein ganz spezielles Fahren. Wenn die Österreicher das gut können, sollen sie es machen.“ Wichtig sei allerdings, dass die Nightjets in das Tarifsystem der DB aufgenommen würden. Bislang seien eigene Fahrscheine und etwas komplizierte Buchungen nötig.

Problematischer sind aus seiner Sicht aber die Hürden, die andere Länder dem Nachtzugangebot in den Weg legen. Aufgrund unterschiedlicher Stromsysteme könne in Europa längst nicht jede Lokomotive in jedem Land einen Nachtzug ziehen. „In Westeuropa haben einige Länder nicht einmal die Lokomotiven, um einen Nachtzug der ÖBB zu ziehen“, beklagt Naumann. „Oder sie verlangen absurd hohe Preise für die Trassennutzung“.

Billigflieger sind harte Konkurrenz

Zugleich leiden die Nachtzüge unter der Konkurrenz der Billigflieger: „Der Umweltgedanke ist bei vielen noch eher theoretisch da und zeigt sich nicht ganz im Buchungsverhalten“, sagt Rieder. Während die teuersten Plätze im Schlafwagen stets schnell ausverkauft seien, merke man im günstigen Segment der Sitzwagen sofort, wenn auf einer Strecke zwischen zwei Metropolen eine Billig-Arline fliegt. „Sofort gehen die Buchungen runter.“

Dabei profitiert der Flugverkehr aber auch vom geltenden Steuerrecht: Bei einer Zugfahrt fallen 19 Prozent Mehrwertsteuer an, internationale Flugreisen sind hingegen von der Mehrwertsteuer befreit – ebenso wie der Flugzeugtreibstoff Kerosin. Unter anderem die deutschen Grünen fordern deshalb höhere Abgaben auf Flugreisen.

„Da ist mehr drin“, sagt Naumann auch über das Reisen per Nachtzug. Er selbst ist davon aber schon jetzt begeistert – und zwar auch auf Businesstrips. „Da kann ich Abends noch essen gehen, um 23 Uhr in den Zug steigen und bin am nächsten Morgen ausgeruht zuhause“, sagt der Hamburger beispielsweise über Fahrten von München aus.

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Von RND/Christoph Höland und dpa

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