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Wirtschaft Flughöhe null: Bahn-Sprinter sollen Airlines Konkurrenz machen
Mehr Welt Wirtschaft Flughöhe null: Bahn-Sprinter sollen Airlines Konkurrenz machen
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16:58 07.10.2021
Ein ICE steht in Köln im Hauptbahnhof. Von der Domstadt nach Berlin wird die Fahrtzeit um 30 Minuten verkürzt.
Ein ICE steht in Köln im Hauptbahnhof. Von der Domstadt nach Berlin wird die Fahrtzeit um 30 Minuten verkürzt. Quelle: Federico Gambarini/dpa
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Frankfurt

Mit mehr Sprintern, mehr Direktverbindungen und mehr Nachtzügen will die Bahn zum Fahrplanwechsel am 12. Dezember attraktiver werden. Und Streiks müssen die Fahrgäste bis mindestens Ende Februar 2023 auch nicht mehr befürchten. Die Tarifrunde wurde am Donnerstag endgültig abgeschlossen.

Mit den neuen Verbindungen zwischen Metropolen will die Bahn gegen die Flieger antreten – auf acht der zehn wichtigsten innerdeutschen Flugstrecken. So verbinden täglich drei schnelle Züge je Richtung künftig Köln mit Berlin. Die Fahrzeit beträgt weniger als vier Stunden – die Beförderung wird damit bis zu 30 Minuten schneller als bisher.

In gleicher Dimension soll die Verkürzung der Fahrzeit auf der Strecke Düsseldorf–Köln–München ausfallen. Möglich wird das mittels weniger Zwischenstopps und Direktverbindungen. Die Bahnstrategen wollen damit vor allem Geschäftsreisende auf die Schiene setzen. Derweil steigen die Fahrpreise im Fernverkehr um 1,9 Prozent.

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Dazu passt, dass neue Verbindungen an die Ränder von Arbeitstagen gelegt werden: Morgens früh hin, Termine wahrnehmen, abends wieder nach Hause. Das genau war bislang ein sehr wichtigstes Argument für dienstliche Flüge innerhalb Deutschlands. Und wer im Norden lebt und weiter weg muss, kann künftig auch schneller zum Luftfahrt-Drehkreuz Frankfurt kommen. Von Hamburg über Hannover nach Frankfurt gelangen Reisende zeitig am Tag und rund zehn Minuten schneller zum FRA-Airport.

Auf der Strecke Berlin–München ist demnächst in weniger als vier Stunden ein Sprinter unterwegs, der erst um 20 Uhr losfährt. Spätabends gibt es überdies Direktverbindungen zwischen Köln und der bayerischen Hauptstadt sowie mit Stuttgart.

Fahrgäste, die einmal in Süd-Nord-Richtung durchs Land wollen (München–Stuttgart–FRA–Köln–Dortmund–Hamburg), können das in einem neuen XXL-ICE tun, er ist 374 Meter lang und bietet Platz für 914 Reisende, das ist in etwa die fünffache Kapazität im Vergleich zu einem Mittelstreckenflieger.

Damit will die Deutsche Bahn einerseits auf die steigende Nachfrage reagieren. Hinzu kommt: „Selten war Klimaschutz so einfach und angenehm“, betont Michael Peterson, Chef der DB-Sparte Fernverkehr. Mit den kürzeren Reisezeiten von Innenstadt zu Innenstadt setze die Bahn neue Standards.

Matthias Gastel, Sprecher für Bahnpolitik der Grünen-Bundestagsfraktion, findet die Ausweitung des Angebots im Fernverkehr zwar prinzipiell gut. Aber: „Bei genauerem Hinsehen relativieren sich die Verbesserungen“, sagte Gastel dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). So bleibe bei der Relation Köln–Berlin der schale Beigeschmack, dass für die Nonstop-Verbindungen vom Rheinland in die Bundeshauptstadt die Fahrgäste des Nahverkehrs einen hohen Preis zahlen.

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„Denn es bleiben Trassenkonflikte, die zulasten des Nahverkehrsangebots gehen.“ So etwas müsse möglichst durch bessere Koordinierung zwischen Fern- und Nahverkehrsangeboten vermieden werden. „Vollständig auflösen lassen sie sich letztendlich nur mit zusätzlicher Infrastruktur“, betont der Grünen-Politiker.

Für Klaus-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn gibt es bei den Sprintern außer auf der Köln-Berlin-Strecke nichts wirklich Neues. „Viel mehr Sprinter-Trassen gibt das Schienennetz nicht her, es sei denn, man würde mehr Regionalzüge in Bahnhöfen warten lassen, damit Sprinter sie überholen können“, sagte er dem RND. Das aber würde zu Fahrzeitverlängerungen und damit zu einer Attraktivitätsminderung führen, was Fahrgäste auch nicht wollten.

Für mehr Highspeed-Züge über die beiden Schnellstrecken, die mit 300 Stundenkilometer befahren werden können (Erfurt–Nürnberg, Köln–FRA) fehle es an Fahrzeugen, die diese Geschwindigkeit erreichen.

Indes kehrt die Bahn die neue Fernverbindung zwischen Frankfurt und Dortmund hervor, die einmal am Tag auch bis Norddeich Mole verlängert wird. Von dort kann es per Fähre auf die Ferieninseln Norderney und Juist weitergehen. Diese IC-Linie sei quasi die Wiederauferstehung eines ehemaligen Interregios, sagt Gastel und fügt hinzu: „Wir begrüßen ausdrücklich, dass es damit aus Westfalen und dem Siegerland wieder durchgehende Fernverkehrsverbindungen an die Nordsee gibt.“

Die Wiederanbindung weiterer vom Fernverkehr abgehängter Regionen und Großstädte sei dringend erforderlich. Das gehe aber nur mit einer stärker koordinierenden Rolle des Bundes. „Ohne ein neues Organisationsmodell im Fernverkehr werden die Fahrgäste keinen Deutschland-Takt und damit keine aufeinander abgestimmten Angebote bekommen.“

Die Bahn wirbt auch damit, dass 15 Städte mit dem europäischen Nachtzugnetz verbunden werden. Gastel macht dabei darauf aufmerksam, dass dies vor allem den Österreichischen Bundesbahnen und im Falle der Verbindung Amsterdam–Zürich einer Anschubfinanzierung der niederländischen Regierung zu verdanken sei. Die Deutsche Bahn bleibe bei den Nachtzügen in der Rolle des Trittbrettfahrers.

Betriebsfrieden wieder hergestellt

Das Bahnfahren soll nicht nur zügiger, sondern auch verlässlicher werden. Eine maßgebliche Voraussetzung dafür ist nun erreicht. Die aktuelle Tarifrunde wurde endlich beendet. „Alle Beteiligten – vor allem unsere Kundinnen und Kunden – können jetzt wieder verlässlich planen“, sagte Personalvorstand Martin Seiler. Drei Wochen nach dem Abschluss mit der Lokführergewerkschaft GDL hat der Staatskonzern nun auch mit der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) eine Tarifeinigung geschafft.

Für EVG-Verhandlungsführer Kristian Loroch ist zuallererst wichtig, dass nun der Betriebsfrieden wieder hergestellt sei. Die EVG und die viel kleinere GDL konkurrieren um die Belegschaften. Der jetzige EVG-Abschluss ist das Ergebnis von Nachverhandlungen eines Tarifvertrages, der schon voriges Jahr im September abgeschlossen wurde, aber unter Vorbehalt stand – wegen der Konditionen, die die GDL erstritten hat.

Nun gibt es als Zuschlag eine „Corona-Beihilfe“ von 1100 Euro. Schon vereinbart waren 1,5 Prozent mehr Geld und höhere Zulagen vom 1. Januar an. All dies gilt für die Bahnbetriebe, in denen die EVG die meisten Mitglieder hat. Und das ist die deutliche Mehrzahl der rund 300 Organisationseinheiten. Die GDL hat nach derzeitigem Stand nur in 16 Betrieben die Nase vorn.

Wer beide Abschlüsse vergleiche, werde kaum Unterschiede feststellen, betont die EVG. Loroch kündigte derweil schon an, die Dinge 2023 entschieden anzugehen: „Wir stellen uns schon jetzt auf eine harte Auseinandersetzung ab dem 1. März 2023 ein.“

Von Frank-Thomas Wenzel/RND

Der Artikel "Flughöhe null: Bahn-Sprinter sollen Airlines Konkurrenz machen " stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.