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15:50 31.01.2012
Frost und schneidender Wind verwandeln Osteuropa in eine gefährliche Zone.
Frost und schneidender Wind verwandeln Osteuropa in eine gefährliche Zone. Quelle: dpa
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Offenbach/Kiew/Athen

Eiseskälte von der Ostsee bis zum Mittelmeer: Bei scharfem Frost sind bis Dienstag erneut mehr als ein Dutzend Menschen in Europa erfroren. Allein in der Ukraine starben bei Temperaturen bis zu minus 30 Grad weitere zwölf Menschen den Kältetod. Vor allem Obdachlose traf es. Auch in Deutschland wurde bei bis zu minus 13 Grad gebibbert. Die Kälte aus Russland habe die Temperaturen überall unter den Gefrierpunkt sinken lassen, sagte Meteorologin Dorothea Paetzold vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach. Und es soll noch kälter werden. Wohnungslosenverbände appellieren an Verantwortliche, großzügig mit Obdachlosen umzugehen.

Im bayerischen Straubing wurden um 6 Uhr minus 13,4 Grad gemessen. Noch um 10 Uhr meldete der DWD aus Berlin und Leipzig minus zehn Grad. Spätestens am Freitag früh werde das Thermometer im ganzen Land zweistellige Minusgrade anzeigen, sagte Paetzold voraus. In den Nächten seien Werte um minus 20 Grad möglich - vor allem über Schneeflächen und bei klarem Himmel. Die eisige, trockene Luft fühlt sich wegen des scharfen Ostwindes noch kälter an als das Thermometer zeigt. Minus fünf Grad würden empfunden wie minus zehn, sagte sie.

In der Ukraine starben inzwischen mindestens 30 Menschen bei bitterem Frost, wie das Zivilschutzministerium in Kiew mitteilte. Hunderte Menschen liegen im Ausrichterland der Fußballeuropameisterschaft 2012 mit Erfrierungen in Krankenhäusern. Die Behörden schlossen über 3200 Schulen - mehr als 400 000 Schülern hatten „kältefrei“.

Auch gen Mittelmeer krallte sich die sibirische Kälte fest. Bei Werten bis minus 29 Grad wurde in ganz Bulgarien die zweithöchste Warnstufe ausgerufen. Hinzu kam noch eine Grippewelle - an mehr als 450 Schulen fiel der Unterricht aus. Medien berichteten über mindestens acht Erfrorene seit dem Kälteeinbruch am Wochenende. Am kältesten war es in der Kleinstadt Knescha im Nordwesten des Balkanlandes. Damit wurde ein Rekord aus dem Jahr 1942 übertroffen.

Im Norden Griechenlands sackte die Quecksilbersäule auf minus zwölf Grad, wie das Wetteramt mitteilte. Zahlreiche Schulen in Mittelgriechenland blieben geschlossen. Viele Fähren fielen wegen stürmischer Winde in der Ägäis aus. In Athen herrschten Temperaturen um den Gefrierpunkt. In der Metropole, in der auch wegen der Finanzkrise 20 000 Menschen obdachlos sind, wurden Hallen geöffnet, damit diese Menschen Zuflucht finden können.

In Polen machte die Kälte der Wasserversorgung für Tausende Menschen den Garaus: Der Frost hatte Wasserrohre bersten lassen. Betroffen waren vor allem Altbauten. So waren im oberschlesischen Kluczbork seit dem Morgen etwa 7000 Menschen ohne Wasser. Auch in Warschau mussten mehrere Siedlungen ohne Wasser auskommen. Nachdem bereits in den vergangenen Tagen zehn Menschen erfroren waren, wollte die Stadtverwaltung in der Nacht zum Mittwoch an mehr als 40 Haltestellen der Busse und Bahnen Feuerstellen zum Wärmen aufstellen.

Die Frostattacke aus Sibirien lässt auch die baltischen Staaten nicht los. In der Nacht zum Dienstag wurde im Südosten Estlands mit minus 27,5 Grad eine neue Tiefsttemperatur dieses Winters gemessen. In der litauischen Hauptstadt Vilnius erfror am Montag erneut ein Mensch. In Lettland und Litauen forderten die Regierungen die Eltern auf, ihre Kinder zu Hause zu behalten. Die Temperaturen sollen in den kommenden Tagen weiter auf stellenweise unter minus 30 Grad fallen.

In Deutschland wird noch geprüft, ob die Kälte oder Alkohol für den Tod einer 55-Jährigen verantwortlich ist, die am Sonntag nahe Berlin in einem Wassergraben gefunden wurde.

Der Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft der Wohnungslosenhilfe (BAGW), Thomas Specht, sagte der Nachrichtenagentur dpa: „Bei dieser Kälte appelliere ich an die Wachdienste, die Wohnungslosen nicht gleich rauszuwerfen und dafür Menschlichkeit walten zu lassen.“ Zugleich erinnerte er die Kommunen an ihre gesetzliche Pflicht, Notunterkünfte in ausreichender Zahl bereitzustellen. Auch „Kälte-Busse“ seien sinnvoll. In Deutschland leben etwa 22 000 Menschen auf der Straße, sagte Specht, „Tendenz steigend“.

Den frischen Schub an kalter Luft aus Russland schickt ein neues Hoch: „Dieter“ löste „Cooper“ ab. An den Wetteraussichten ändert das aber laut DWD nichts. „Dieter“ werde bis in die nächste Woche das Wetter in Deutschland beeinflussen, auch wenn es Anzeichen dafür gebe, dass sich der Frost dann ein wenig abschwächt. Neuen Schnee gibt es aber kaum.

frx/dpa

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