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Wirtschaft EU-Kommission nimmt Wirtschaftsprüfer ins Visier
Mehr Welt Wirtschaft EU-Kommission nimmt Wirtschaftsprüfer ins Visier
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20:21 26.01.2012
Von Albrecht Scheuermann
Die Niederlassungen von PricewaterhouseCoopers in Hannover.
Die Niederlassungen von PricewaterhouseCoopers in Hannover. Quelle: Körner
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Hannover

Die Panne schlug nicht nur in der Politik hohe Wellen. Auch bei den Wirtschaftsprüfern gab es heftige Reaktionen, nachdem Ende Oktober der peinliche 55-Milliarden-Euro-Rechenfehler bei einem Nachfolgeinstitut der Pleitebank Hypo Real Estate bekannt geworden war. „Die Geschehnisse in München sind ein Super-GAU für die Wirtschaftsprüfer“, erklärte der Präsident der Wirtschaftsprüferkammer, Michael Gschrei. Die Nummer eins unter den Wirtschaftsprüfern in Deutschland, PricewaterhouseCoopers (PwC), hatte den Abschluss der MS Wertmanagement testiert, der sich als fehlerhaft herausstellte.

Der Vorgang spielt den kleinen Wirtschaftsprüfern in die Hände, die mit Gschrei an der Spitze seit vergangenem Sommer nach Neuwahlen Vorstand und Präsidium der WP-Kammer dominieren. Bei den großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften gibt es daher die Sorge, dass ihre Interessen unter die Räder kommen. Dies könnte gerade jetzt gravierende Folgen haben, weil in Brüssel an verschärften Vorschriften für die Branche gearbeitet wird. Im Fokus stehen dabei besonders die großen Prüfungsgesellschaften.

Die von EU-Kommissar Michel Barnier am 30. November 2011 vorgestellte „Verordnung zur Erhöhung der Qualität von Abschlussprüfungen für Unternehmen von öffentlichem Interesse“ betrifft im Prinzip alle Wirtschaftsprüfer, die börsennotierte Aktiengesellschaften, Banken und Versicherungen unter die Lupe nehmen – allen voran die „Big Four“, die den Markt nicht nur in Europa beherrschen: PwC, KPMG, Ernst & Young und Deloitte Touche Tohmatsu.

Insgesamt gibt es nach Angaben der Kammer in Deutschland gut 20 000 Wirtschaftsprüfer. 2010 entfiel nach einer Studie der Beratungsfirma Lünendonk in Deutschland vom Gesamtumsatz der Wirtschaftsprüfer von rund 11 Milliarden Euro mit 4,16 Milliarden Euro mehr als ein Drittel auf die großen vier. Nimmt man nur die 25 größten als Maßstab, erwirtschafteten die Marktführer fast 80 Prozent. In anderen Ländern ist die Dominanz sogar noch größer. Besonders bei der Prüfung von Banken und Versicherungen bleiben die großen vier fast unter sich.

Hauptaufgabe der Wirtschaftsprüfer ist die Prüfung der Jahresabschlüsse. EU-Kommissar Barnier kam nach den Erfahrungen der Banken- und Finanzkrise zu dem Schluss, dass hier manches im Argen liegt. So taten sich etwa in Bankbilanzen plötzlich riesige Löcher auf, obwohl zuvor die Prüfer die Abschlüsse mit ihrem Testat für ordnungsgemäß befunden hatten.

Die EU-Kommission bemängelt die „Lücke zwischen den Erwartungen, die die Interessengruppen an eine Abschlussprüfung richten, und dem, was Abschlussprüfer tatsächlich tun“. Die häufig enge Verbindung zwischen der Prüfungsgesellschaft und dem geprüften Unternehmen beeinträchtige die kritische Grundhaltung, zudem missfällt den Politikern die starke Marktkonzentration.

Abhilfe verspricht man sich von Neuregelungen: Vor allem soll künftig der Wirtschaftsprüfer alle sechs Jahre wechseln. Dies soll allzu enge Verbindungen zwischen Prüfern und Geprüften sowie Gewöhnungseffekte verhindern, die zur Nachlässigkeit führen können. Auch der Umfang der Dienstleistungen jenseits der Prüfung, wie zum Beispiel Unternehmens- und Steuerberatung, soll beschränkt werden – die ganz Großen sollen sogar ihr Beratungsgeschäft ganz aufgeben.

Der Wirtschaftsprüfer Wilfried Steinke von Ebner Stolz Mönning Bachem, mit rund 120 Millionen Euro Jahresumsatz Nummer acht in Deutschland, sieht besonders die Pflichtrotation als kritisch an. Sechs Jahre seien einfach zu kurz. „Wenn Sie etwa ein großes Dax-Unternehmen prüfen, dauert es drei bis vier Jahre, bis man es wirklich gut kennt.“ Zudem könnte der obligatorische Wechsel des Wirtschaftsprüfers gerade den Marktriesen Vorteile verschaffen, weil die Aufsichtsräte der geprüften Unternehmen bei der nun häufiger nötigen Auswahl auf Nummer sicher gehen wollen. „Dann nimmt man lieber einen großen, bekannten Namen.“

Wehtun können auch die geplanten Einschränkungen der sonstigen Dienstleistungen. So sind die Steuer- und die Unternehmensberatung wichtige Standbeine der meisten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Die Prüfungen sind in der Regel im Frühjahr erledigt. „Was sollen die Leute dann im Sommer machen?“, fragt sich Steinke. Durch die Beratung gewinne man wichtige Informationen, die auch bei der reinen Wirtschaftsprüfung nützlich seien.

Demnächst befasst sich in Brüssel der Rechtsausschuss mit der Neuregelung, in einem Jahr soll dann das Europäische Parlament darüber abstimmen. Einstweilen bemühen sich in Deutschland die großen  Wirtschaftsprüfer, ihre Interessen bei der Kammer besser zur Geltung zu bringe. Vor einigen Tagen trafen sich Vertreter der größeren Netzwerke, die aus den Führungsgremien herausgeflogen waren, mit Mitgliedern des Kammervorstandes. Diese Kontakte würden bis zu den nächsten Neuwahlen im Jahr 2014 „institutionalisiert“, hieß es danach.

26.01.2012
26.01.2012