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13:07 15.03.2014
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Jonathan Wendel ist umringt von jungen Leuten, die seinen Namen rufen und auf ein Autogramm hoffen. Manche von ihnen tragen T-Shirts, Pullover oder Mützen mit Wendels Markenlogo darauf. Anfragen für ein kurzes Gespräch lehnt der Amerikaner freundlich, aber bestimmt ab. Keine Zeit, der nächste Termin wartet. In Halle 23 auf der CeBIT, das wird schnell klar, ist dieser Mann ein Star. In Hannovers Innenstadt würde ihn vermutlich niemand erkennen.

Wendel ist professioneller Computerspieler, ein „Pro-Gamer in E-Sports“, wie das im Branchenjargon heißt. Was viele Jugendliche als Hobby betreiben, hat er zu seinem Beruf gemacht: stundenlang „Counter-Strike“, „World of Warcraft“ oder ähnliches spielen. Wendel gehört zu den Größten der Szene, in seiner Laufbahn hat er inzwischen Preisgeld in Höhe von rund 500.000 Euro gewonnen, dazu hat er zahlreiche Sponsorenverträge, Werbeauftritte und eine eigene Marke, die den 29-Jährigen zum Millionär gemacht haben. Sein monatliches Einkommen wird auf 100.000 Euro geschätzt. Irgendwie muss die Villa in Las Vegas ja bezahlt werden.

Auf die CeBIT kam Wendel allerdings nur als Werbegast, um den Weltmeistertitel in der Electronic Sports League (ESL) spielen bis Sonnabend andere Teams – die jeweils weltweit zwölf besten Mannschaften der drei Disziplinen, die nach den dort gespielten Titeln „Counter-Strike“, „World of Warcraft“ und „Quake Live“ benannt sind.
Im Fokus der Fans stehen besonders die Spieler von „Counter-Strike“, bei dem es vor allem ums Schießen geht. Zu den weltweit besten Mannschaften in dieser Disziplin zählt auch eine deutsche: Mousesports aus Berlin. „Diese Jungs kennt in China jeder 15-Jährige“, sagt Tobias Merklinghaus von Turtle Entertainment. Das Unternehmen mit Sitz in Köln betreibt die ESL und hat die Liga in den vergangenen Jahren professionalisiert.

Das ligaeigene ESL-TV überträgt alle Spiele live im Internet – inklusive Kommentar. Durch Lizenzvergabe, Sponsorenverträge und Mitgliedsbeiträge hat die ESL 2009 eine Summe im zweistelligen Millionenbereich erwirtschaftet und bei Veranstaltungen Prämien in Höhe von 500 000 Euro ausgeschüttet. „Dieser Markt wächst immer weiter und weiter“, sagt Min-Sik Ko, Teammanager der deutschen Firma SK Gaming, dem wohl erfolgreichsten E-Sports-Klub der Welt. „Wir holen auch immer mehr gegenüber Korea auf.“

Dort liegt das weltweite Zentrum des E-Sports. Nirgendwo sind die Gehälter für Computerspieler höher, nirgendwo ist das Interesse an den Athleten des 21. Jahrhunderts größer. In Seoul steht sogar das erste reine E-Sport-Stadion mit mehreren tausend Sitzplätzen. „Die Pro-Gamer in Korea sind echte Stars, die müssen sogar weniger Steuern bezahlen“, sagt Ko.

In Europa sind die Gehälter für professionelle Spieler nicht ganz so hoch. Die besten kommen dennoch auf einen niedrigen vierstelligen Betrag pro Monat. Genaue Summen kennt außerhalb der Szene keiner, dazu wird von den Aktiven konsequent geschwiegen. Auch Jimmy Berndtsson lächelt bloß, als er auf sein Gehalt angesprochen wird. Der Schwede steht als „Counter-Strike“-Spieler bei SK Gaming unter Vertrag.

Etwa vier bis fünf Stunden trainiert Berndtsson täglich. „Und das möchte ich so lange wie möglich weitermachen“, sagt er. Wen wundert’s, wenn es regelmäßig zu Turnieren rund um die Welt geht. „Es ist allerdings ein komisches Gefühl, wenn man in Asien abends im Restaurant auf ein Autogramm angesprochen wird.“

Davon ist das deutsche Team SK Gaming Sansibar weit entfernt. Den Spielern werden lediglich die Reise- und Übernachtungskosten erstattet. Die Drei gehören zu den besten der Welt, haben in diesem Jahr den Europameistertitel geholt. Aber nicht im hoch dotierten „Counter-Strike“, sonder im Onlinestrategiespiel „World of Warcraft“. „Die Disziplin ist neu in der ESL, außerdem ist es für das Publikum relativ langweilig – daher ist das Interesse nicht so groß“, sagt Kai Gade. Entsprechend limitiert sind die Etats der Mannschaften.

Für andere geht es um viel mehr. Es geht um Geld und um einen Vertrag bei einem der Spitzenklubs der Szene. „SK Gaming hat den Anspruch, nur die besten der Welt zu holen“, sagt Ko. „Denn die Verpflichtung eines E-Sportlers ergibt nur dann Sinn, wenn wir ihn auch gut vermarkten können.“ Schließlich beträgt allein der Reiseetat eines guten „Counter-Strike“-Teams etwa 80.000 Euro im Jahr.

Geld, dass in den meisten Fällen über Sponsoren wieder hereingeholt wird. Finanziell unabhängige Werksteams von Technikunternehmen gibt es nur wenige, die meisten davon in Asien. Finanzprobleme haben dennoch die wenigsten Klubs. Längst haben Großunternehmen diesen Markt erkannt.

Sportartikelhersteller wie Adidas, Puma und Nike buhlen weltweit um Verträge mit den besten Klubs. 2,4 Millionen Mitglieder hat die in Europa agierende ESL derzeit, davon rund eine Million in Deutschland. Zum Vergleich: Der Deutsche Leichtathletikverband zählt nur 890.000 Mitglieder.

Wichtige Spiele werden inzwischen von mehreren tausend Zuschauern in den Arenen und von noch viel mehr Interessierten im Internet verfolgt. „Viele Mannschaften haben eine richtige Anhängerschaft, die zu Turnieren anreist und die Spieler mit Gesängen und Beifall unterstützt“, sagt Merklinghaus. „Das ist fast schon wie im Fußball.“ Gleiches gilt für die Popularität der E-Sportler. Jonathan Wendels Auftritt kam dem eines Fußballstars jedenfalls schon sehr nah.

Patrick Hoffmann

* Namen von der Redaktion geändert