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21:08 05.10.2021
Mehr als ein Drittel der Neuwagen hat inzwischen einen Elektroantrieb.
Mehr als ein Drittel der Neuwagen hat inzwischen einen Elektroantrieb. Quelle: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbil
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Dem Automarkt droht ein weiterer Negativrekord. Bisher liegen die Verkäufe in Deutschland in diesem Jahr sogar unter den katastrophalen Zahlen aus dem Corona-Jahr 2020, und Besserung ist nicht in Sicht: Das größte Problem ist nicht mehr die Pandemie, sondern der Mangel an elek­tro­ni­schen Bauteilen. Er wird nach Meinung von Fachleuten auch im nächsten Jahr noch anhalten. „Der deutsche Pkw-Markt kommt in immer schwierigeres Fahrwasser“, sagte Reinhard Zirpel, Präsident des Importeurverbands VDIK.

Absatz schrumpft um ein Viertel

Nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamts (KBA) wurden im September knapp 197 000 Neuwagen verkauft. Das waren rund 25 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. In der zweiten Hälfte 2020 hatte sich das Geschäft nach dem Ende des ersten Lockdowns und wegen der vorübergehenden Senkung der Mehrwertsteuer normalisiert. Doch schon bald begannen die Lieferprobleme, weil mehrere Fabriken aus technischen Gründen ausfielen und viele Branchen um die knappen Chips kämpften. „Derzeit können Millionen Autos nicht gebaut und ausgeliefert werden, weil Halbleiter fehlen“, sagt Peter Fuß, Autoexperte der Unternehmensberatung EY.

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Nach einem guten Jahresstart schlägt das Problem immer mehr durch und drückt den Gesamtmarkt unter das niedrige Vorjahresniveau: Nach Angaben des KBA wurden in den ersten neun Monaten in Deutschland zwei Millionen Pkw neu zugelassen, das sind 1,2 Prozent weniger als vor einem Jahr. Im Vergleich zur Vorkrisenzeit fehlt rund eine halbe Million Autos. „Inzwischen ist es ausgeschlossen, dass wir in diesem Jahr auch nur in die Nähe des Vorkrisenjahres 2019 kommen – tatsächlich wird der Absatz sogar niedriger liegen als im Corona-Jahr 2020″, sagt Fuß.

Es gibt weniger Rabatt als früher

Die Knappheit hat für die Hersteller aber auch eine gute Seite: Die Preise für Neu- und Gebrauchtwagen sind relativ hoch. Nach einer Studie des Branchenexperten Ferdinand Dudenhöffer wird weniger Rabatt gegeben, der durchschnittliche Neuwagen sei im August und September um 360 Euro teurer geworden. Gleichzeitig bauen die Konzerne mit den knappen Teilen vorzugsweise die besonders lukrativen Modelle.

Nur die Oberklasse wächst

So ist die Oberklasse das einzige Marktsegment, das im September deutlichen Zuwachs verbuchte. BMW hatte in der vergangenen Woche bereits seine Geschäftsprognose heraufgesetzt, weil „anhaltend positive Preiseffekte bei den Neu- und Gebrauchtwagen“ die Belastungen durch Lieferengpässe mehr als ausgleichen werden.

Außerdem versuchen die Hersteller, den Schwung der Elektroautos so wenig wie möglich zu bremsen. Um mehr als ein Drittel wuchs deren Absatz innerhalb eines Jahres, wobei sich die Gewichte deutlich verlagern: Der Verkauf der rein batterieelektrischen Fahrzeuge nahm im September um 59 Prozent zu, für die Plug-in-Hybride mit Elektro- und Verbrennungsmotor waren nach dem Boom des vergangenen Jahres nur noch 13 Prozent Wachstum drin.

Im Lkw-Werk Wörth warten Trucks von Mercedes-Benz Werk auf die Auslieferung. Quelle: Uli Deck/dpa

Die Lieferprobleme bei Elektronikteilen treffen inzwischen nicht nur die Pkw-Produktion, sondern auch Lkw. Sie sind oft noch üppiger mit Assistenzsystemen und Vernetzung ausgestattet – also noch mehr auf Halbleiter und Sensoren angewiesen. „Wir werden definitiv weniger ausliefern, als wir hätten verkaufen können, und das gilt auch für nächstes Jahr“, sagte Daimlers Lkw-Chef Martin Daum der Nachrichtenagentur Reuters. Wie hoch die Ausfälle seien, könne man nicht sagen. „Es ist ein Kampf um jeden Chip.“ Auch der Konkurrent Traton hat die Erwartungen für die nächsten Monate schon gebremst.

Wir sehen, dass sich diese Effekte wohl noch weiter bis in das Jahr 2022 ziehen werden.

Nikolai Setzer,

Continental-Chef

„Wir sehen, dass sich diese Effekte wohl noch weiter bis in das Jahr 2022 ziehen werden“, sagte Continental-Chef Nikolai Setzer. „Viele Marktbeobachter gehen davon aus, dass erst ab 2023, wenn höhere Kapazitäten bei den Chipherstellern verfügbar sind, eine deutliche Besserung eintritt.“ Der Zulieferkonzern produziert die Halbleiter nicht selbst, ist für viele Bauteile aber auf sie angewiesen. Ein eigenes Team kümmere sich um das Ausbügeln der ärgsten Engpässe: „Die Kolleginnen und Kollegen sorgen fortlaufend dafür, dass wir mit den uns verfügbaren Halbleitern den Kundenbedarf bestmöglich bedienen“, so Setzer.

Tesla ist mit Chips versorgt

Ein Autohersteller kommt allerdings unbeschadet durch die Lieferkrise: Tesla hat seinen Absatz im September deutlich gesteigert. Der amerikanische ­E-Auto­kon­zern hat seine Chips selbst entwickelt und exklusive Lieferverträge mit den Herstellern.

Von Stefan Winter/RND

Der Artikel "Die Autoindustrie kommt nicht aus dem Tal" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.