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Wirtschaft Wer zahlt den Preis für die Bestrafung Putins?
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00:21 31.07.2014
Normal ist seit Beginn der Krim-Krise nichts mehr. Russland hat Finanzierungsprobleme, viel Kapital ist aus dem Land abgeflossen, der schwache Rubel ist weiter abgewertet. Quelle: dpa
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Leipzig

Hans-Jürgen Mundinger ist besorgt. Es wird wohl wirklich ernst werden mit den „restriktiven Maßnahmen“ der EU gegen Russland. Der sächsische Firmenchef formuliert seine Bedenken betont sachlich: „Die lang anhaltenden Spannungen zwischen Russland und der Ukraine belasten unsere Geschäfte in den früheren GUS-Staaten enorm. Der Schaden ist schon jetzt groß.“ Soll er das klaglos hinnehmen, soll er es sogar begrüßen, wenn die wirtschaftlichen hinter den politischen Interessen zurückstehen müssen – so, wie es der Präsident des Bundesverbands der deutschen Industrie gestern in wohlgesetzten Worten verkündet hat?

Die ersten Zahlungsausfälle hat Mundingers Unternehmen schon mit Beginn der Krim-Krise zu verkraften gehabt. Mundinger ist Vorsitzender der Geschäftsführung der weltweit agierenden Goldschmidt-Thermit-Gruppe, die rund 1000 Beschäftigte hat. Das Unternehmen, international führend im Bereich Verbindungsschweißen von Schienen sowie deren Wartung, ist seit Jahren sowohl in der Ukraine als auch in Russland tätig – dem Land mit dem nach Indien größten Schienennetz der Welt. Weil sich das Geschäft im Osten gut entwickelte, gründeten die Leipziger 2010 in Russland sogar ein Joint Venture mit einem lokalen Partner. Verträge schließen die Leipziger meist mit dem Staat ab – denn in dessen Besitz befinden sich die Eisenbahnen. Bislang liefen die Geschäfte normal.

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Doch normal ist seit Beginn der Krim-Krise nichts mehr. Russland hat Finanzierungsprobleme, viel Kapital ist aus dem Land abgeflossen, der schwache Rubel ist weiter abgewertet. „Ein Teil unserer Verträge liegt auf Eis, ein weiterer wurde gekündigt“, sagt Mundinger. Das sei die Situation. Die Gruppe verzeichnet einen deutlichen Umsatzrückgang in der Region, und der habe schon zu „organisatorischen Konsequenzen“ geführt. Genauer will der Unternehmer nicht werden. Die Situation sei schlimm, aber für die Leipziger nicht existenzgefährdend, denn die Gruppe ist mit 23 Gesellschaften auf der ganzen Welt vertreten.

Einer der Hauptabsatzmärkte ist Russland

So locker sehen es die wenigsten Mittelständler in den östlichen Bundesländern. Den Dresdener Maschinenbauer Mikromat hat es schon erwischt. Das Unternehmen liefert hochpräzise Anlagen etwa für die Herstellung von Werkzeugen und Werkzeugmaschinen. Einer der Hauptabsatzmärkte ist Russland. „Dort erwirtschaften wir 40 Prozent unseres Umsatzes“, sagt Mikromat-Chef Thomas Warnatsch. Chemieindustrie, Maschinenbau, Lebensmittelproduktion – überall dort, wo präzise Technik gefragt ist, hat Mikromat Kunden. Oder besser hatte, denn das Geschäft im Riesenreich ist um die Hälfte geschrumpft.

Angesichts der angekündigten neuen Sanktionen schraubt Mikromat seine Aktivitäten in Russland weiter zurück. Die Herstellung einer Präzisionsmaschine dauert zwölf bis 18 Monate. Für die Dresdener nicht auszudenken, wenn ein solcher Millionenauftrag platzt, etwa, weil die russischen Behörden abblocken oder das zuständige Bundesamt keine Ausfuhrgenehmigung erteilt. Dem Verband der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer zufolge hat das Amt bislang bundesweit über 60 Anträge auf Ausfuhr nicht genehmigt. Die politische Krise hat Mikromat schon Arbeitsplätze gekostet. Statt 140 hat die Firma nur noch 125 Beschäftigte. Einen weiteren Abbau auf 100 Mitarbeiter schließt der Firmenchef wegen der Sanktionen nicht aus.

In dieser Situation kann Mikromat-Chef Warnatsch nicht verstehen, dass einige Wirtschaftsexperten und Politiker, jetzt auch noch der BDI-Präsident schärfere Sanktionen gegen Russland „heruntermoderieren“. Da die Ausfuhren nach Russland weniger als zwei Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts ausmachten, heiße es, müsse man sich vor einer Rezession keine Sorge machen. „Wir machen uns aber Sorgen“, sagt der Sachse und bekommt Zustimmung von Bodo Finger, Präsident der Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft.

Ostdeutsche Länder seien von der Krise besonders betroffen

Mehr als jedes andere Bundesland sei die Wirtschaft Sachsens mit der russischen verflochten. Russland belegt mittlerweile den sechsten Rang unter den größten Absatzmärkten für sächsische Ausfuhren, für Deutschland insgesamt steht Russland nur auf dem elften Rang. Allein zwischen 2008 und 2013 haben die Ausfuhren aus dem Freistaat in die Föderation um 51 Prozent zugenommen, sagt Finger. Zum Vergleich: Bundesweit stiegen die Ausfuhren nur um zwölf Prozent. „Bei unseren kleinen und mittleren Unternehmen besteht größte Besorgnis, dass sie durch politische Zwangsmaßnahmen gezwungen werden, ihre Kundenbeziehungen abrupt zu beenden und damit ihre Kunden verlieren“, sagt Finger. „Jeder Unternehmer weiß, dass sich dafür kaum Ersatz findet.“ Schon in den ersten vier Monaten dieses Jahres gingen die Ausfuhren im Vergleich zur Vorjahresperiode um 14 Prozent zurück. Dabei waren zu diesem Zeitpunkt die Sanktionen der USA noch nicht einmal in Kraft.

Joachim Ragnitz vom Ifo-Institut teilt die Sorge. Die ostdeutschen Länder seien von der Krise besonders betroffen, „weil viele Unternehmen hier traditionell stärkere Beziehungen nach Russland unterhalten als Firmen im Westen“. Setzt man die Importe aus Russland ins Verhältnis zur Wirtschaftsleistung, so der Experte, dann erreicht der Wert zum Beispiel in Sachsen-Anhalt 11,5 Prozent und 10,9 Prozent in Brandenburg. Beide Länder bekommen Rohöl aus Russland vor allem über die Pipeline „Druschba“ („Freundschaft“) für ihre Raffinerien in Schwedt und Leuna und bearbeiten den Rohstoff vor Ort weiter.

Dass Sanktionen auf russischer Seite etwas bewirken, bezweifelt Mikromat-Chef Warnatsch. Auf jeden Fall muss der Konflikt am Verhandlungstisch gelöst werden, ergänzt der Chef der Goldschmidt-Thermit-Gruppe, Mundinger. Bislang vermisst er klare Signale. Die langsam steigenden Sanktionen ziehen aus seiner Sicht jedenfalls eine Lösung in die Länge und führten immer wieder zu neuen Eskalationen.

Falsch wäre es, wenn die Politik den Dialog mit den Russen abbräche. „Für Ende April stand die Reise einer Delegation aus Mitteldeutschland nach Moskau auf dem Plan. 50 Köpfe aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Die Reise war lange geplant und ist trotz der Krise in der Ukraine nicht abgesagt worden.“

Mitreisender Mundinger ist froh über diese Entscheidung. In Moskau habe man mit hochrangigen Vertretern, darunter Moskaus Bürgermeister, sprechen können. Auch über den Konflikt in der Ukraine, die Sorgen der Deutschen und die der Russen. „Es geht nicht darum, sich anzubiedern, es geht darum, im Gespräch zu bleiben. Wir werfen sonst gerade in Jahrzehnten mühsam aufgebaute Kontakte über den Haufen.“

Bodo Finger von der Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft sieht es pragmatisch: „Nur einen Sieger kann es, wie die Weltgeschichte gezeigt hat, nicht geben. Wir brauchen einen Interessenausgleich, der selbstverständlich auch den Bürgerkrieg beendet.“

Wenn die EU im Ukraine-Konflikt Wirtschaftssanktionen gegen Russland verhängt, sind politische und wirtschaftliche „Kollateralschäden“ in einer Reihe von Staaten zu erwarten. Ein Überblick:

Viele Länder fürchten Folgen der Sanktionen

■ Balkan: „Die ganze Balkan-Region wird unter einem neuen Wirtschaftskrieg leiden“, sagt Duan Reljic von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Verantwortlich macht er die traditionell engen Beziehungen von Ländern wie Serbien mit Russland, vor allem aber das starke Interesse der ganzen Region an russischem Gas. Interessiert ist man auch am Bau der von Russland vorangetriebenen South-Stream-Pipeline durch die Region, die die EU-Kommission nun im Zuge der Abkühlung der EU-Russland-Beziehungen rechtlich überprüfen lässt. Fast jedes Land der Region hat sich Hoffnung auf einen dreistelligen Millionenbetrag an Durchleitungsgebühren pro Jahr gemacht – die drohen nun wegzufallen

■  Bulgarien, Zypern: Innerhalb der EU gelten die Länder als anfällig, die fast gänzlich von russischem Gas abhängig sind und einen Lieferboykott befürchten. Besonders betroffen sind zudem die stark nach Russland ausgerichteten EU-Staaten Zypern und Bulgarien. Am Finanzplatz Zypern ist so viel russisches Geld angelegt, dass der Inselstaat von einem Abzug des Kapitals in Folge von EU-Finanzsanktionen stark getroffen würde.

■ Zentralasien: Mit sehr gemischten Gefühlen schauen die Länder in Zentralasien auf die Entwicklung. „Die kasachischen Banken würden wegen der engen Beziehungen sofort in Schieflage geraten, wenn ihre russischen Partner wackeln“, meint Beate Eschment, Redakteurin bei den „Zentralasien-Analysen“ in Berlin. „In der Hauptstadt Astana ist man derzeit zudem sehr nervös, weil die Ukraine zeigt, was passieren kann, wenn man sich russischen Wünschen widersetzt.“

■ Afghanistan: Russlands Präsident Wladimir Putin sagte am Wochenende drohend, die EU demonstriere mit Sanktionen, dass sie offenbar kein Interesse mehr an einer Sicherheitspartnerschaft mit Russland habe. Diese beinhaltet aber etwa die Versorgung der Nato-Soldaten in Afghanistan über den russischen Luftraum und die russische Eisenbahn. Auch der geplante schrittweise Abzug der Truppen läuft über Russland.

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