Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Wirtschaft Bahn schiebt die Autozüge aufs Abstellgleis
Mehr Welt Wirtschaft Bahn schiebt die Autozüge aufs Abstellgleis
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:54 05.07.2014
Autozüge wird es ab 2017 in Deutschland wohl nicht mehr geben. Quelle: Julian Stratenschulte
Anzeige
Berlin

Das ergibt sich aus vertraulichen Unterlagen, die der HAZ vorliegen. Ein Bahnsprecher bestätigte die Kürzungspläne am Freitag. Die Autozüge seien ein Geschäft, das sich nicht mehr rechne. Zudem liefen die Genehmigungen für die Transporter aus und Neuanfertigungen wären sehr teuer.

Bei den Nachtzügen hingegen ist die Bahn nach eigenen Angaben dabei, das Geschäft wieder zukunftsfähig zu machen. Dafür müsse man allerdings die verlustreichsten Verbindungen aufgeben, sagte der Unternehmenssprecher. Die Anschaffung neuer Fahrzeuge sei aber nicht vorgesehen.

Anzeige

Bereits mehrfach hat die Bahn in den vergangenen Jahren unrentable Strecken im Nacht- und Autozugverkehr gestrichen und die Fahrpläne ausgedünnt. Beide Sparten fahren zusammen jedes Jahr einen deutlich zweistelligen Millionenverlust ein. Die meisten Auto- und Nachtzüge sind um die 40 Jahre alt – ein teurer Austausch stünde an, den scheut der Konzern aber.

Die DB Autozug GmbH wurde schon vorigen Herbst liquidiert und in die DB Fernverkehr überführt. Seit diesem Jahr hat die DB bereits alle Autozüge ab Berlin gestrichen. Übrig blieb nur ein „Pilotprojekt“, bei dem die Autos der Bahnreisenden nicht mehr mit dem gleichen Zug, sondern separat per Lkw über Nacht nach München transportiert werden.

In den sechs weiteren Abfahrtorten Hamburg, Hildesheim, Düsseldorf, Neu-Isenburg bei Frankfurt, München und Lörrach sollen die Autozüge bis 2017 in vier Schritten wegfallen. Damit werden auch die letzten Ziele im Ausland abgehängt: Innsbruck und Villach (beide Österreich), das italienische Alessandria und Narbonne in Frankreich. Die Autozüge fahren seit mehr als 80 Jahren und sind bei Urlaubern beliebt, die ihr eigenes Fahrzeug in die Ferien mitnehmen und einen Teil der Strecke nicht selbst fahren wollen. Allerdings ist das Geschäft stark rückläufig und saisonal, die Zahl der Fahrgäste sank in den letzten 15 Jahren um mehr als die Hälfte auf nur noch rund 200.000.

Wie den Autozügen machen auch den Nachtzügen vor allem die Billigflieger zu schaffen, die rasch per Mausklick zu buchen sind. Die Bahn hat deshalb die Steuerungsgruppe „Luna“ eingesetzt, die zumindest für die Nachtzüge eine Lösung finden soll. Bis 2016 müsse der Betrieb kostendeckend sein, lautet die Vorgabe. Dafür soll nun das Netz der bisher noch 17 „City Night Line“-Verbindungen massiv ausgedünnt werden.

Zum Fahrplanwechsel im Dezember soll der Nachtverkehr nach Dänemark und Frankreich demnach ganz wegfallen. Das Angebot nach Holland soll halbiert und der Nachtverkehr nach Italien künftig von der Österreichischen Bundesbahn übernommen werden.

Autozüge kaum noch konkurrenzfähig

Die Autozüge und zahlreiche Nachtzüge der Deutschen Bahn fahren seit Jahren deutliche Verluste ein – deshalb will der Staatskonzern die Minusmacher aufgeben. Das klingt einleuchtend und wirkt wie kaum der Rede wert. Doch ganz so einfach ist die Sache nicht. Wenn der wichtigste Mobilitätsdienstleister des Landes seine Angebote ausdünnt, lohnt ein genauerer Blick. Denn die Bahn ist kein Unternehmen wie jedes andere, bei dem allein Gewinn und Rendite zählen dürfen: Ihre Leistungen sind vielmehr ein Teil der Daseinsvorsorge des Staates für seine Bürger.

Dabei gilt es allerdings zu unterscheiden. Die Autozüge sind ein Randgeschäft, das vergleichsweise wenige Reisende nutzen. In Zeiten billiger Flieger, Hotels und Mietwagen ist auf der Schiene kaum noch ein konkurrenzfähiges Angebot möglich. So traurig es für die verbliebenen Fans der Autozüge auch sein mag: Die Entscheidung, auf die Anschaffung der nun benötigten Ersatzzüge zu verzichten, ist nachvollziehbar.

Anders sieht es hingegen bei den Nachtzügen aus. Auch hier fährt die Bahn mit zum Teil mehr als 40 Jahre alten Liege- und Schlafwagen, die reparaturanfällig sind. So häufen sich Zugausfälle und Servicemängel – kein Wunder, dass man so Kunden verliert. Das Interesse an dieser bequemen Art des Reisens als Alternative zum Fliegen aber ist vorhanden – wenn denn das Angebot stimmt. Daher ist hier eine Qualitätsoffensive der Bahn überfällig. Dazu gehören zwingend auch neue, moderne Nachtzüge, attraktive Fahrzeiten und - ziele sowie günstige Preise.

Thomas Wüpper

Albrecht Scheuermann 04.07.2014
04.07.2014
03.07.2014