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22:51 31.03.2010
Die deutschen Bäcker fürchten eine Einmischung der EU in ihre Rezepte.
Die deutschen Bäcker fürchten eine Einmischung der EU in ihre Rezepte. Quelle: Martin Steiner
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Brüssel. Erst die Vereinheitlichung von Traktorsitzen, dann das Aus für die Glühbirne, und was kommt als Nächstes? Glaubt man den deutschen Bäckern, hat die Brüsseler Bürokratie bereits ihr neuestes Regulierungsobjekt gefunden: das Brot. Sie klagen, die EU wolle ihnen vorschreiben, den Salzgehalt im Brot zu verringern. Seit Wochen geht der Zentralverband deswegen auf die Barrikaden. Dass er es dabei mit seiner Argumentation nicht so genau nimmt, scheint den Verband nicht zu stören. Dafür ärgern sich immer mehr Europaabgeordnete über die „irreführende Kampagne“.

Sie sind unauffällig und diskret: Brüsseler Lobbyisten, die etwas auf sich halten, ziehen die Fäden am liebsten im Hintergrund. Von dieser ungeschriebenen Regel scheinen die deutschen Bäcker nichts zu halten. Lautstark treten sie in Berlin und Brüssel für ihre Interessen ein und laden Journalisten zur Brotverkostung ein. Ziel der Aktion: Die Medien sollen sich vom Geschmack des besonders salzhaltigen deutschen Brotes überzeugen und so das Anliegen der Bäcker in die Öffentlichkeit tragen.

Daran wäre nichts auszusetzen – wenn die Fakten stimmen würden. „Die EU-Kommission plant, den Salzgehalt in Brot und Backwaren zu reduzieren“, heißt es in einer Pressemitteilung des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks. Auf lange Sicht beschwört der Verband sogar ein gesetzliches Verbot des besonders salzhaltigen deutschen Brotes.

Im Europaparlament wächst derweil der Ärger über die Brötchenhersteller und ihre Lobbyarbeit. Es ist nicht das erste Mal, dass die Bäcker Rabatz in Brüssel machen. Bereits vor einem Jahr machten sie mit der gleichen Kampagne Stimmung. „Es gibt keine Grenzwerte der EU für den Salzgehalt im Brot, und ein Salzverbot für deutsches Brot steht nicht zur Debatte“, sagt dagegen der Vorsitzende der CDU/CSU-Gruppe im Europaparlament, Werner Langen. Beides sei dem Verband aus Gesprächen mit Abgeordneten im EU-Parlament bekannt. „Die Kampagne des deutschen Bäckerhandwerks ist deshalb bewusst irreführend und wird durch ständiges wahrheitswidriges Wiederholen nicht glaubwürdiger“, erklärt Langen.

Hintergrund des Streits ist die sogenannte Nährwertprofil-Verordnung. Damit will die EU regeln, dass nur solche Lebensmittel als „gesund“ beworben werden dürfen, die bestimmte Grenzwerte für Salz, Fett und Zucker einhalten. Der Verkauf der Produkte steht also gar nicht zur Debatte. Ursprünglich hatte die EU-Kommission erwogen, dass nur die Backwaren als „gesund“ beworben werden dürften, die nicht mehr als zehn Gramm Salz pro Kilogramm Mehl enthalten. Offiziell festgelegt wurde der Wert hingegen nie. Das hinderte die Bäcker nicht an ihrem Protest. Da deutsches Vollkornbrot in der Regel mehr Salz enthält, sehen die Hersteller ihr Kulturgut in Gefahr und fürchten eine Einmischung der EU in ihre Rezepte.

„Bis zum jetzigen Zeitpunkt wurden von der Kommission keine Nährwertprofile vorgelegt“, bekräftigt die SPD-Europaabgeordnete und Parlamentsvizepräsidentin Dagmar Roth-Behrendt. Das teilte sie bereits jüngst dem Bäcker-Verband schriftlich mit. „Auch eine Angleichung oder Veränderung der Rezepturen ist niemals von irgendeiner Institution vorgeschlagen worden“, sagt Roth-Behrendt. Von einer Gefährdung der deutschen Bäckertradition könne daher keine Rede sein.

Die deutschen Bäcker fürchten eine Einmischung der EU in ihre Rezepte.Steiner

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