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22:31 16.06.2009
In der afrikanischen Wüste sollen Sonnenkraftwerke gebaut werden. Quelle: Gollmer/Solar Millennium AG/ddp

München. Die Sahara ist die größte Wüste der Erde. Die Sonne erhitzt die lebensfeindliche Region, die mehr als 20 Mal so groß ist wie Deutschland, im Sommer auf Temperaturen von bis zu 60 Grad. Doch die enorme Energie der Sonneneinstrahlung wird bisher kaum sinnvoll genutzt. Dabei hat der Club of Rome ausgerechnet, dass in Wüsten in sechs Stunden mehr Energie ankommt, als die Menschheit in einem Jahr verbrauchen kann. So etwas lässt Klimaschützer und Energieunternehmen gleichermaßen träumen. Nur fehlte bisher ein Investor, der sich zutraut, aus der afrikanischen Sonnenenergie Strom zu machen. Bisher. Denn nun soll die Vision vom sauberen Solarstrom aus der Wüste für deutsche Haushalte Realität werden. Den industriellen Startschuss soll ein Treffen von Großkonzernen und Politikern am 13. Juli in München geben, zu dem federführend der Versicherungsriese Münchener Rück einlädt. Es ist ein ungeheueres Projekt: 400 Milliarden Euro sollen bereitgestellt werden, um binnen zehn Jahren bis zu 15 Prozent des europäischen Strombedarfs aus der afrikanischen Wüste zu importieren. Wüstenstrom für Europa sei keine Utopie mehr, „sondern technologisch bestechend und auch realisierbar“, sagt Rück-Vorstand Thorsten Jeworrek.

Wie diese riesige Milliardensumme finanziert und politische Hürden überwunden werden können, will das Bündnis der Konzerne binnen drei Jahren ausloten. In zehn Jahren könnte dann erster Solarstrom aus der Sahara nach Europa fließen und auch Teile Nordafrikas versorgen.

In der Fachwelt kursiert das von den Zukunftsforschern des Club of Rome angedachte und vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt grob durchgerechnete Projekt namens Desertec mit riesigen Solarthermiekraftwerken in der Sahara schon länger. Das Industriekonsortium besteht fast ausschließlich aus deutschen Konzernen wie Siemens als Technologielieferant, RWE als Vertreter der Stromwirtschaft und der Deutschen Bank als Finanzierungspartner. Dem Vernehmen nach zählen zu den Gründungsmitgliedern auch e.on, MAN Ferrostaal und der Schweizer Anlagenbauer ABB. Insgesamt sollen es rund 15 Konzerne sein, die der Solarthermie großindustriell zum Durchbruch verhelfen wollen. Solarthermische Kraftwerke werden einen Boom erleben, schätzt Siemens. Die Münchener verfügen über Schlüsselkomponenten zum Bau von Solarthermiekraftwerken und auch das Know-how, um Saharastrom über Tausende Kilometer über neue Hochspannungsnetze – teils am Grund des Mittelmeers – weitgehend verlustfrei nach Europa zu transferieren. Als Brückenkopf dafür gilt die Meerenge von Gibraltar.

Die Stromerzeugung selbst ist relativ simpel: Solarthermische Kraftwerke sind eigentlich konventionelle Dampfkraftwerke, bei denen die Kessel jedoch nicht aus einem Kohle- oder Ölfeuer geheizt werden. Vielmehr erwärmen riesige Spiegelsysteme ein Leitungssystem und erzeugen so den Dampf zum Antrieb der stromerzeugenden Turbinen. Derartige Anlagen werden seit 1981 an mehreren Standorten in Südspanien erprobt. Seit 1984 erzeugt nach Angaben der Deutschen Energie-Agentur eine ähnliche Anlage in der Mojave-Wüste in Südkalifornien bereits kommerziell Strom. Technisch seien die Kapazitäten für Wüstenstrom unbegrenzt, meinen Fachleute. 300 Quadratkilometer Sahara würden reichen, um den globalen Energiebedarf komplett zu decken, ein Sechstel der Fläche für ganz Europa. Die eigentliche Frage sei, was politisch gewollt ist. Denn große Solarthermiekraftwerke sollen nur in politisch stabilen Ländern gebaut werden, um keine riskanten Abhängigkeiten zu schaffen. „Es darf kein nordafrikanischer Diktator am Schalter sitzen“, betont ein Experte.

Nach und nach soll das im Kern deutsche Konsortium der Konzerne um weitere Mitglieder aus Europa und Nordafrika ergänzt werden, erklärt die Münchener Rück, die bestehende Hürden abseits der Technik einräumt. Ohne subventionierte Einspeisungsvergütung ist Solarstrom derzeit gegenüber Kohle noch nicht wettbewerbsfähig.

Dies könnte sich aber im nächsten Jahrzehnt ändern. Denn Strom aus Kohle wird immer teurer, während Solarenergie wegen steigender Wirkungsgrade und zunehmender Massenproduktion immer billiger wird. Etwa 2020 sollen sich beide Kurven schneiden.

Profitieren würde bei einer Verwirklichung von Desertec nicht nur die Umwelt, sondern vor allem auch die deutsche Industrie, die auf diesem Gebiet als global führend gilt. Der Münchner Rück ist das Thema zudem ein besonderes Anliegen, weil bei ihr als Rückversicherer konzentriert auf den voranschreitenden Klimawandel entfallende Schäden etwa aus Stürmen und Überschwemmungen auflaufen. Deshalb ist es der Assekuranz auch ein geschäftliches Anliegen, den Klimawandel über Projekte wie Desertec einzudämmen.

Auch politisch genießt das Projekt Rückendeckung. So reiste Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) im Februar dieses Jahres gleich zweimal nach Afrika – zunächst mit großer Wirtschaftsdelegation in den arabisch geprägten Norden, dann im kleinen Kreis nach Süd- und Ostafrika.

Auf dieser Reise sondierte er die Bedingungen, unter denen Nordafrika und Europa mit einem Elektrizitätswerk verbunden werden könnten und informierte sich beim Umweltprogramm der Vereinten Nationen in Nairobi, das er auf dem Rückweg nach Deutschland besuchte, über das Potenzial des Wüstenstromes. Schon damals sprach er davon, dass in zehn bis 20 Jahren ein Gutteil des Stroms für Europa aus Afrika kommen könnte. Der erste Schritt scheint getan.

von Thomas Magenheim und Wolfgang Drechsler

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