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Wirtschaft Der Stresstest macht viel Stress
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19:10 04.07.2014
Von Albrecht Scheuermann
Der Stresstest macht Europas Großbanken zu schaffen – auch der Nord/LB.
Der Stresstest macht Europas Großbanken zu schaffen – auch der Nord/LB. Quelle: dpa
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Hannover

Durchfallen will niemand, denn das wäre nicht nur schlecht fürs Renommee. Vielmehr müsste eine betroffene Bank dann ziemlich schnell etwas unternehmen, um ihr Fundament zu stärken und Zweifel an ihrer Bonität auszuräumen. Die spannende Frage ist, ob auch deutsche Banken gefährdet sind. Unter den getesteten Banken haben zwei Dutzend ihren Sitz in Deutschland, darunter die Norddeutsche Landesbank (Nord/LB) in Hannover.

Vor wenigen Wochen versuchte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble Sorgen über mögliche negative Konsequenzen der Bankenprüfung zu zerstreuen. Es zeichneten sich keine großen Probleme ab, da die Institute bereits Vorsorge getroffen hätten. Commerzbank-Chef Martin Blessing erklärte, dass er „keine größeren Themen“ für seine Haus sehe.

Die meisten Banker halten sich jedoch mit Einschätzungen über die möglichen Ergebnisse zurück. Auch der Nord/LB lässt sich keine Prognose entlocken. Die Bank sei für den Stresstest gut gerüstet, erklärte ihr Chef Gunter Dunkel. „Wir haben unser Kernkapital gestärkt, Bilanzpositionen abgebaut und halten strikt an unserer konservativen Risikopolitik fest. Aber auch wir können das Ergebnis des Stresstests heute nicht seriös vorhersehen.“ Letzte Klarheit gibt es erst Mitte Oktober. Dann werden die Ergebnisse der Prüfung veröffentlicht, die die Europäische Bankenaufsicht (EBA) in London und die Europäische Zentralbank (EZB) gemeinsam durchführen.

Test bedeutet enormen Aufwand

Einig sind sich alle Betroffenen in einem Punkt: Der Test bedeutet einen enormen Aufwand. Wochenendarbeit und Überstunden sind in den entsprechenden Abteilungen seit vielen Monaten die Regel. Allein beim Nord/LB-Konzern waren mehr als 100 Mitarbeiter zumindest zeitweise mit dem Test ausgelastet. Dazu kommen dann noch Heerscharen von externen Wirtschaftsprüfern, die vor allem mit dem vorgelagerten „Asset Quality Review“ befasst waren - also mit der Qualitätsprüfung der in den Bilanzen ausgewiesenen Bankkredite, Wertpapieren oder Beteiligungen. Die Kosten der ganzen Prozedur allein für die Nord/LB dürften einen zweistelligen Millionenbetrag erreichen.

Der Stresstest soll zeigen, wie gut die Banken in der Untersuchungsperiode von 2014 bis Ende 2016 „Stress“ aushalten können - worunter in diesem Fall eine schmerzhafte Wirtschaftskrise zu verstehen ist. Zum Krisenszenario gehören verschleppte Reformen, niedrigere Kreditwürdigkeit von Staaten, steigende Anleihenzinsen. Die Wirtschaftsleistung sinkt dramatisch, gleichzeitig nimmt die Arbeitslosigkeit stark zu.

Für die Banken bedeutet dies Szenario hohe Belastungen durch faule Kredite und fallende Anleihenkurse. Dies zehrt am Kapital. Dennoch muss die sogenannte harte Kernkapitalquote - ein Maßstab für die Stabilität einer Bank - Ende 2016 mindestens 5,5 Prozent erreichen. Dies würde zum Beispiel für die Nord/LB bedeuten, dass durch die Krise ihr hartes Kernkapital von derzeit rund 7,3 Milliarden Euro auf etwa die Hälfte schrumpfen darf. Sinkt es unter diesen Wert, hätte die Bank den Test nicht bestanden.

Was sich einfach anhört, ist im Detail kompliziert. Die Banken müssen Dutzende Tabellen ausfüllen. Abertausende Daten sind zu erheben und zahllose Berechnungen vorzunehmen. Vor einigen Tagen war Abgabetermin, doch die Arbeit ist keineswegs erledigt. Die Aufsichtsbehörden fordern immer neue Datensätze an - und zwar ohne lange Fristen. „Mittwoch kommt die Aufforderung, Freitag müssen wir liefern“, sagt ein Banker.

Der Stress mit dem Stresstest wäre nicht so schlimm, wenn die riesige Datensammelei wenigstens ihren Zweck erfüllen würde, ist hinter vorgehaltener Hand bei den Banken zu hören. Die Kritik richtet sich nicht gegen das Ziel des Stresstests an sich, sondern gegen das Prozedere. „Zu viele Informationen helfen auch niemandem“, heißt es. Vermutlich dürften die Aufsichtsbehörden selbst damit überfordert sein, die zig Millionen erhobenen Daten zu verdauen. „Das ist nicht mehr zu handhaben“, heißt es in Bankenkreisen. Niemand wagt es jedoch derzeit, so etwas öffentlich zu äußern. Schließlich will es sich keine Bank mit der Aufsicht verscherzen - das könnte sich später rächen.

Pläne für den Fall des Falles in der Schublade

Was passiert, wenn eine Bank beim Stresstest durchfällt? Die Kreditinstitute sind verpflichtet, für diesen Fall vorzusorgen. Sollte die harte Kernkapitalquote im Test unter 5,5 Prozent sinken, hat die Bank neun Monate Zeit, die Lücke zu schließen. Auch die Nord/LB hat sich vorbereitet. „Wir werden in jedem Fall angemessen reagieren können, ohne unsere Eigentümer belasten zu müssen“, erklärt ihr Vorstandsvorsitzender Gunter Dunkel. Folgende Möglichkeiten hat die Bank:

Abbau von Bilanzpositionen: Die Bank kann sich etwa von Krediten oder Wertpapieren trennen – dadurch sinkt auch der Kapitalbedarf.

Abbau von Risiken: Die Bank kann fremde Investoren gewinnen, die ihr einen Teil ihrer Risiken abnehmen. Zum Beispiel übernimmt ein Investor – gegen ein entsprechendes Entgelt – das Schuldnerrisiko aus Krediten. Kann der Schuldner seine Raten nicht mehr bezahlen, trifft dies nicht die Bank, sondern den Investor. Da dadurch die Risiken der Bank sinken, braucht sie weniger Kapital.

Gewinnthesaurierung: Die Bank kann zudem ihre Gewinne einbehalten, statt sie an die Eigentümer auszuschütten. Dies erhöht entsprechend das haftende Eigenkapital und damit die Kernkapitalquote.

Möglich wäre theoretisch auch, dass die Eigentümer, allen voran das Land Niedersachsen sowie die hiesigen Sparkassen, neues Kapital einzahlen. Allerdings haben sie dies kategorisch ausgeschlossen.

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