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14:44 08.10.2013
Während Kanzlerin Angela Merkel noch einen Koalitionspartner sucht, verschärft sich das Kraftwerksproblem bei der Energiewende. Quelle: dpa (Symbolbild)
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Berlin

Monat für Monat trudeln bei der Bundesnetzagentur neue Stilllegungsanträge ein. Inzwischen sollen 26 Kraftwerksblöcke (Kohle und Gas) mit einer Leistung von 6735 Megawatt in Deutschland eingemottet werden, weil sich ihr Betrieb wegen immer mehr Wind- und Solarstrom nicht mehr rechnet. Die nun zur Disposition stehende Leistung entspricht immerhin der von fünf großen Atomkraftwerken.

Was jetzt noch kein größeres Problem darstellt, droht sich massiv zu verschärfen, wenn bis 2022 schrittweise die letzten neun Atommeiler vom Netz gehen werden. Für Unruhe sorgt am Dienstag ein Bericht der „Süddeutschen Zeitung“, wonach der größte Produzent von Braunkohlestrom, RWE, das vorzeitige Ende des Tagebaus Garzweiler II bis 2018 statt erst 2045 prüft. Nach bisherigen Planungen soll dort Kohle auf einer Fläche von rund 6500 Fußballfeldern abgebaut werden.

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RWE-Chef Peter Terium will von einem vorzeitigen Ende nichts wissen. „RWE hält an seinen bisherigen Planungen zur Fortführung des Tagebaus Garzweiler II unverändert fest“. Aber zugleich betont das Essener Unternehmen auch, man setze auf Gesetzesänderungen, die auch der konventionellen Stromerzeugung eine Perspektive böten. Eine Idee ist, dass Kraftwerksbetreiber künftig Zusatzgelder dafür bekommen, dass sie rund um die Uhr eine gesicherte Stromleistung garantieren – als Absicherung sozusagen für Versorger, wenn der Wind nicht weht. Wie sich die Zusatzprämien im Strompreis widerspiegeln, ist ungewiss.

Doch wenn es in Berlin zur Bildung einer schwarz-grünen Koalition kommen sollte, brächen für RWE wohl schwere Zeiten an – die Grünen wollen einen kompletten Kohleausstieg bis 2030. Die SPD hingegen gilt als kohlefreundlicher. Händeringend wartet die Branche auf politische Signale, wie immer mehr Ökostrom und weiter notwendige Kraftwerke sich so ergänzen können, dass die Versorgung sicher bleibt und sich die Geschäfte zugleich noch lohnen. Für Kanzlerin Angela Merkel (CDU) dürfte neben den Energiewende-Kosten die Kraftwerksfrage nach einer Koalitionsbildung eine der ersten großen Reformbaustellen werden.

Drei Beispiele: Im Juni eröffnet der norwegische Statkraft-Konzern in Hürth ein 350 Millionen Euro teures Gaskraftwerk, fährt es aber nicht an. Im Juli teilt der größte Stadtwerkeverbund Trianel mit, dass das 750-Megawatt-Steinkohlekraftwerk im westfälischen Lünen im ersten Betriebsjahr 100 Millionen Euro Miese erwirtschaften werde. Und der Versorger Enervie aus Hagen meldet Ende September seinen gesamten Kraftwerkspark mit 1300 Megawatt zur Stilllegung an.

Union und FDP reagierten auf die Misere mit dem „Wintergesetz“. Damit kann die Abschaltung „systemrelevanter“ Kraftwerke von der Bundesnetzagentur untersagt werden. Daraus wurde im Juni eine Reservekraftwerksverordnung, die bis Ende 2017 befristet wurde.

Das Gesetz kann die Strompreise treiben, wenn Anlagen stillgelegt werden sollen, dies aber gerade in Süddeutschland wegen des Wegfalls von drei Atommeilern untersagt wird. Bleiben die Anlagen in „stand by“, müssen Erhaltungsausgaben, etwa für einen Korrosionsschutz, Brennstoffkosten sowie Personalkosten entschädigt werden. Sie werden auf die Netzentgelte umgelegt, die Teil des Strompreises sind.

Eine Dauerlösung dürfte das nicht sein - sonst müssen die Bürger nicht nur Milliardensummen für Wind- und Solarenergie mitbezahlen, sondern auch für unrentable Stand-By-Kraftwerke. Und Investitionen bleiben aus. Gerade hoch flexible Gaskraftwerke werden gebraucht, um auf die stark schwankende Ökostromproduktion zu reagieren. Sie stoßen zudem weit weniger CO2 aus als Kohlekraftwerke. Patrick Graichen von der Denkfabrik Agora Energiewende erwartet ohne Gegensteuern bis zum endgültigen Atomausstieg 2022 eine Deckungslücke an sicherer, immer abrufbarer Leistung von 5000 bis 15 000 Megawatt in Deutschland.

Derzeit gibt es im Stromverkauf oft Ernüchterndes. Am sonnigen Tag der Einheit war es mal wieder soweit: Viel Sonnen – und Windstrom am Mittag (insgesamt 31.000 Megawatt) bei wenig Verbrauch ließen die Preise im kurzfristigen Verkauf an der Börse EPEXSpot purzeln. Es kam zu negativen Strompreisen. Zwischen 13 und 15 Uhr mussten 50 Euro je Megawattstunde an Abnehmer des Stroms draufgezahlt werden. Denn zusätzlich produzierten Atom-, Gas- und Kohlekraftwerke zu der Zeit rund 26.000 Megawatt. Atom- und Kohlekraftwerke sind meist nicht flexibel genug, um bei viel Ökostrom rasch runtergefahren zu werden.

So paradox es klingen mag: An vielen Tagen gibt es derzeit sogar zu viel Strom – aber vor allem im Winter sind mehr konventionelle Kraftwerke vonnöten. Das Problem ist ihre übers Jahr gesehen zu geringe Auslastung, weil Ökostrom einen Einspeisevorrang hat.

Am Dienstag hat auch der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) ein Reformpapier vorgelegt, das gerade RWE mit seinen vielen Kohlekraftwerken nicht schmecken dürfte. Das Beratergremium von Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) fordert, den Preis für CO2-Verschmutzungsrechte im EU-Emissionshandel deutlich zu erhöhen – das würde Gaskraftwerke wieder rentabler machen. „Ein erhöhter CO2-Preis steigert die Produktionskosten fossiler Kraftwerke und führt so auch zu einem höheren Börsenpreis, von dem hocheffiziente und flexible Kraftwerke besonders profitieren“, betonen die Berater.

dpa

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