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Wirtschaft „Das Ringen um Talente ist spürbar"
Mehr Welt Wirtschaft „Das Ringen um Talente ist spürbar"
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21:09 17.05.2012
Von Lars Ruzic
Christoph Kübel der Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH im HAZ-Interview.
Christoph Kübel der Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH im HAZ-Interview. Quelle: Surrey
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Hannover

Herr Kübel, die Fachkräfte werden knapp - und große Konzerne wie Bosch fegen den Markt leer. Wie sollen die Mittelständler da noch an Nachwuchs kommen?

Bosch zählt in der Tat zu den attraktivsten Arbeitgebern - vor allem dank seiner Vielfalt, Internationalität und Innovationskraft. Noch sind wir in der erfreulichen Lage, alle Stellen mit geeigneten Kandidaten besetzen zu können. Auf Spezialfeldern wie etwa der Leistungselektronik ist das Ringen um Talente aber schon stark spürbar. Daher fördern wir Nachwuchsarbeit auf allen Ebenen, etwa durch Stiftungsprofessuren oder Initiativen wie die Wissensfabrik. Wir wollen junge Menschen in Kindergärten und Schulen früh für Technik begeistern. Davon profitieren auf lange Sicht nicht nur wir allein, sondern auch kleinere Firmen.

Gilt das auch für die betriebliche Ausbildung?

Wir bilden seit Jahren ganz bewusst über Bedarf aus und betrachten dies als Beitrag zur gesellschaftlichen Verantwortung. 2011 haben wir hierzulande 1500 Auszubildende eingestellt, mehr als je zuvor. Nur 14 Prozent der Absolventen wurden nicht übernommen. Drei Viertel davon gehen übrigens an die Hochschule, und oft treffen wir sie nach dem Studium bei Bosch wieder. Deshalb halten wir eine Übernahme aller Auszubildenden, wie sie die IG Metall fordert, für den falschen Weg.

Als ein wichtiger Beitrag zur Bekämpfung des Fachkräftemangels gilt eine Steigerung des Frauenanteils. Wie weit sind Sie damit gekommen?

Immerhin ist heute ein Viertel unserer weltweit 300.000 Beschäftigten weiblich. Das reicht natürlich noch nicht. Einem Technologieunternehmen wie Bosch fällt es schwer, den Frauenanteil per Handstreich zu erhöhen. Dafür gibt es einfach noch zu wenige Absolventinnen in naturwissenschaftlich-technischen Fächern. Deshalb geht auch eine Frauenquote am Kern des Problems vorbei. Wir haben uns vorgenommen, bei der Einstellung von Frauen 20 Prozent über der jeweiligen Absolventinnenquote zu liegen und Mitarbeiterinnen konsequent zu fördern, wenn es darum geht, Führungspositionen zu übernehmen.

Wie soll das gehen?

Etwa durch Mentorenprogramme, Netzwerke, Führungsseminare. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern wir - etwa indem Frauen in Teilzeit oder von zu Hause aus arbeiten können, wenn sie nach der Elternzeit zurückkehren. Das gilt im Übrigen auch für Männer. Die Arbeitswelt wandelt sich in vielen Bereichen ohnehin von der Präsenzkultur hin zu einer Kultur der Zielerreichung. Nicht die lange Anwesenheit im Büro ist entscheidend, sondern das Ergebnis. Das ist offenbar auch im Sinne der Mitarbeiter. Unlängst haben wir weltweit 125 Führungskräfte gesucht, die 125 Tage lang ihre Arbeitszeit flexibel gestalten konnten. Die Resonanz war sehr erfreulich, letztlich machten 150 mit.

Und dann sollen alle auch noch möglichst bis ins hohe Alter an Bord bleiben...

Die Notwendigkeit ergibt sich schon aus dem demografischen Wandel. Gleichzeitig sind heute die Menschen im Alter wesentlich fitter als früher. Auf ihr Wissen wollen wir tatsächlich nicht verzichten. Deshalb investiert Bosch auch in die Weiterqualifizierung der Generation 50 plus. Zusätzlich gibt es Gesundheitsprogramme und Maßnahmen, um die geistige Flexibilität zu erhalten.

Das alles wird dem Schichtarbeiter in der Produktion nur bedingt helfen.

Gerade Mitarbeiter in der Fertigung nehmen diese Angebote wahr. Zusätzlich helfen etwa die ergonomische Verbesserung des Arbeitsplatzes, häufiger wechselnde Aufgaben oder neue Schichtmodelle, die Leistungsfähigkeit bis ins Alter zu erhalten. Wir haben beispielsweise in der Reutlinger Halbleiterfertigung gute Erfahrungen damit gemacht, die Schichten schneller zu wechseln. Die Kollegen arbeiten je zwei Tage Früh-, Spät- und Nachtschicht und haben dann vier Tage frei. Die Resonanz in der Belegschaft ist durchweg positiv. Schichtmodelle und Gesundheitsmaßnahmen weiten wir derzeit auf andere Werke aus.

Bosch ist beim Umsatz zuletzt auf dem Heimatmarkt stärker gewachsen als in den USA oder in Asien-Pazifik. Schlägt sich das auch in den Beschäftigtenzahlen nieder?

Wir haben hierzulande allein im vergangenen Jahr 5000 Stellen aufgebaut. 2012 werden wir nochmals zulegen - um gut 2000 Arbeitsplätze auf dann 121.000. In Niedersachsen wollen wir die Belegschaft bei rund 7000 stabil halten. Der Großteil des Aufbaus findet in den Wachstumsregionen der Welt statt. Von den 13.000 neuen Arbeitsplätzen, die wir 2012 schaffen wollen, entfallen mehr als 7000 auf Asien.

Die Produktionsverlagerung von Deutschland an Niedriglohnstandorte scheint inzwischen weitgehend gestoppt. Oder ist es nur eine Frageder Zeit, bis die Karawanewieder weiterzieht?

Wir fahren mit einer Doppelstrategie. Bei Bosch hat sich die Arbeitsteilung bewährt, dass die meisten der deutschen Standorte als Leitwerke fungieren. Sie übernehmen damit im Konzernverbund zusätzlich Entwicklungs- und Servicefunktionen. Fertigung und Vertrieb hingegen erfolgen weltweit in der Nähe unserer Kunden. Das Wachstum außerhalb Deutschlands stabilisiert damit auch die heimische Produktion.

Wie hart träfe den Konzerneine saftige Lohnerhöhung,wie sie derzeit die IG Metall fordert?

Wir haben unter anderem dank eines vernünftigen Miteinanders der Tarifparteien die Krise gut überstanden. So viel Weitblick wünsche ich mir auch für die Zukunft. Dass wir die Stammmannschaft zusammenhalten konnten, hat übrigens die Verbundenheit zu Bosch noch einmal gestärkt. Nach unserer letzten Umfrage sind 84 Prozent unserer Mitarbeiter stolz, bei Bosch zu arbeiten. Das ist ein absoluter Spitzenwert.

17.05.2012
17.05.2012
17.05.2012