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Wirtschaft Das Kellerkind der Digitalisierung
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09:11 08.08.2009
Von Helmuth Klausing
So war es gedacht: Das Autoradio für den digitalen Empfang kann auch Textinformationen übertragen – etwa über die Verkehrslage. Gekauft wurden die Geräte allerdings kaum. Quelle: Handout/Bosch
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Wie wäre es, wenn wir noch weitaus mehr Radiosender empfangen könnten als heute? Wenn es keinerlei Rauschen beim Empfang mehr gäbe? Und wenn das Radio obendrein zum Navigationsgerät würde, das uns nicht nur auf Fernstraßen, sondern vor allem mitten in den Städten um jeden Feierabendstau und jede Baustelle herumleiten könnte?

Technisch, sagt Gert Siegle, sei das alles mit Digitalradio kein Problem. Der Professor aus Hildesheim gilt als einer der Wegbereiter digitaler Funktechnik. Ein von ihm mitentwickelter Funkstandard beschert den Südkoreanern seit 2005 digitale Hörgenüsse, doch hierzulande herrscht auf diesem Gebiet weitestgehend Funkstille.

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Ob im Kabel, per Satellit oder mittels DVB-T über Antenne – das Fernsehen ist längst digitalisiert, doch das Radio hinkt hinterher. Was Siegle dabei besonders ärgert: Das Funknetz, mit dem sich das neue Radio mit all den genannten Vorzügen betreiben ließe, gibt es bereits seit Jahren auch in weiten Teilen Deutschlands. Der Aufbau hat mehr als 180 Millionen Euro an Steuergeld und Rundfunkgebühren verschlungen – und droht nun zu einer Investitionsruine zu verkommen, denn genutzt wird das Netz so gut wie nicht.

„Unterstützung etwa im Rahmen von Konjunkturprogrammen geht halt eher in den Straßenbau als in diese technische Infrastruktur der Zukunft“, seufzt Siegle, der sich seit 20 Jahren für den Digitalfunk starkmacht. Die Technik sei mit Schwerpunkt in Deutschland entwickelt worden und werde nun bevorzugt im Ausland eingesetzt. „Das ist die Tragik.“ So wolle Großbritannien das herkömmliche Radio 2015 abschalten, auch die Schweiz führe Digitalradio ein, und in Frankreich müssten von 2013 an alle neuen Rundfunkgeräte digital arbeiten – auch die in den aus Deutschland importierten Autos.

Hierzulande bewegt sich das öffentliche Interesse am Digitalfunkstandard DAB plus indes eher in engen Grenzen. Die Radioanstalten, allen voran Privatsender wie in Niedersachsen etwa ffn oder Hitradio Antenne, sind mit der Verbreitung auf der altbewährten analogen Ultrakurzwelle (UKW) sehr zufrieden. „Wir leben von Werbeeinnahmen“, sagt Hans-Dieter Hillmoth, Chef des hessischen Privatsenders ffh und Vizepräsident des Verbands Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT) in Berlin. Die digitale Technik triebe die Kosten für Netz- und Sendetechnik in die Höhe, ohne dass die Einnahmen auch nur um einen Euro stiegen. „Wir müssen das Geld erst verdienen, bevor wir es ausgeben können.“

Der VPRT sei deshalb aus den Plänen zur Digitalisierung der Funklandschaft per DAB plus ausgestiegen. „Wir wussten, dass damit wir den schwarzen Peter kriegen“, räumt Hillmoth ein, doch wirtschaftlich sehe der Verband nur eine Alternative: „Ohne Subventionen in großem Stil“ sei eine Digitalisierung nicht möglich. Frühere Pläne, wie in Großbritannien UKW auch in Deutschland bis 2015 abzuschalten, seien längst vom Tisch, sagt er. „Das wird mit tödlicher Sicherheit nicht passieren.“

Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern zeichnet sich ein Süd-Nord-Gefälle ab: Während der Bayerische Rundfunk neuerdings sogar für sein Digitalradioangebot wirbt, finden sich im Sendebereich des Norddeutschen Rundfunks die bundesweit letzten großen Gebiete ohne das entsprechende Funknetz – in Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein sowie der Lüneburger Heide und dem Wendland.

Dass die DAB-Technik funktioniert, stellt sie in Hannover schon lange unter Beweis – sogar mit Bildern: Die Stadtbahnen der Üstra erhalten ihr Bordfernsehen seit neun Jahren per Digitalfunk, und das klappt sogar im Tunnel.

Im Elektrohandel spielen Digitalradios keine Rolle. Obwohl laut Siegle solche Empfänger zumindest in der Herstellung deutlich preiswerter seien als herkömmliche Analogradios. Wer digital hören will, holt sich seine Lieblingssender derzeit übers Internet ins Haus.

In den Funkhäusern mag aus Prestigegründen niemand auf diesen Verbreitungsweg verzichten – obwohl er sieben- mal teurer ist als die Verbreitung per UKW, wie Hillmoth einräumt: Für die Bandbreite, die jeder Hörer beim Empfang beansprucht, muss der Sender zahlen.

Im Schatten des Internets entwickelt sich DAB plus zum Kellerkind der Digitaltechnik. Zumindest das Problem knapper Funkfrequenzen lasse sich mit gutem Willen auch im UKW-Netz schon beheben, versichert der ffh-Chef. Wenn man sich mit den öffentlich-rechtlichen Sendern auf eine grundlegend neue Vergabe im zerklüfteten Funkspektrum einigen könne, ließe sich „20 bis 30 Prozent“ mehr Platz finden, beteuert Hillmoth. „Und keiner wäre schlechter gestellt als heute.“

Gelegentliches Rauschen im UKW-Äther nimmt der ffh-Chef angesichts der ungeklärten Finanzierung bei DAB plus gern in Kauf. „Wenn Sie über 40 sind, so wie ich, hören Sie ohnehin keinen Unterschied mehr zum Digitalfunk.“