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Wirtschaft "Conti-Standort in Stöcken wird nicht ausbluten"
Mehr Welt Wirtschaft "Conti-Standort in Stöcken wird nicht ausbluten"
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13:55 27.05.2010
Von Lars Ruzic
Nikolai Setzer Quelle: Rainer Surrey
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Herr Setzer, wie fühlt man sich als Melkkuh des Continental-Konzerns?

Es macht natürlich deutlich mehr Spaß, positive Ergebnisse zu produzieren als negative. Vor allem hat man damit den nötigen Rückhalt, um die eigenen Investitionspläne umzusetzen. Und wir haben in Vorstand und Aufsichtsrat bisher alle Vorhaben genehmigt bekommen. In diesem Jahr entfällt auf die Pkw-Reifen rund ein Viertel aller Investitionen, das ist der höchste Anteil aller Sparten. Um bei Ihrem Bild zu bleiben: Die gesunde Kuh braucht eben auch nahrhaftes Futter, und die Äcker und Wiesen müssen bestellt werden.

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Was wollen Sie denn mit dem ganzen Geld anfangen?

Die Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China sind auch für uns die wichtigsten Wachstumsregionen der kommenden Jahre. Dort müssen wir überall mit lokaler Produktion vertreten sein. Unser vor vier Jahren gestartetes Werk in Brasilien muss bereits seine Kapazitäten ausweiten. Ursprünglich sollten 80 Prozent seines Ausstoßes in den Export gehen, inzwischen produziert es etwa diesen Anteil allein für den heimischen Markt. In China wird unser neues Werk nach der krisenbedingten Verschiebung nun Ende dieses Jahres ans Netz gehen. Und in Russland und Indien untersuchen wir derzeit Optionen für zwei weitere Fabriken. Die Entscheidungen werden noch in diesem Jahr fallen.

In Russland ist Conti schon einmal mit der Übernahme eines Reifenwerks in Moskau auf die Nase gefallen, was am Ende 30 Millionen Euro kostete…

Wir sind da gebranntes Kind, das ist wahr. Aber inzwischen sind unsere Marken dort eingeführt und unser Gemeinschaftsunternehmen mit einem russischen Partner in Sibirien läuft gut. Aber für eine Expansion bräuchten wir einen neuen, besser gelegenen Standort. Wir glauben an das Wiedererwachen des russischen Marktes, und jetzt ist aus unserer Sicht genau der richtige Zeitpunkt, um sich dafür zu präparieren.

Sie haben gerade erst ein Werk im französischen Clairoix geschlossen. Wozu dann neue Standorte?

Weil wir von Europa aus nicht die Wachstumsmärkte der Zukunft versorgen können. Und in Europa haben wir trotz einer Verbesserung der Marktsituation in den vergangenen Monaten noch immer nennenswerte Überkapazitäten.

Ihr Vorgänger Manfred Wennemer sagte einst, in 30 Jahren werde es in Deutschland keine Reifenwerke mehr geben …

… und sich damit wenig Freunde gemacht …

… in der Tat. Das war vor sechs Jahren. Für den Konzernsitz in Hannover hat sich seine Prognose inzwischen bestätigt. Geht das so weiter?

Weder sehen es unsere Planungen vor, noch sehen wir es so kommen. Wir haben auch in unsere Hochlohnstandorte investiert. Aachen etwa ist heute unser Zentrum für Reifen mit Notlauftechnologie, Korbach ist auf nordische Winterreifen mit und ohne Spikes spezialisiert, die Kollegen im französischen Saargemünd arbeiten an Rollwiderstands-optimierten Reifen. Wir stärken die Stärken der Standorte. Richtig ist aber auch, dass neue substanzielle Kapazitäten immer in den Werken aufgebaut werden, welche die beste Kostenposition aufweisen. Und für alle Zeiten ausschließen kann man ohnehin gar nichts, das hat die Krise im vergangenen Jahr bewiesen…

… mit der auch die letzte Reifenfertigung in Hannover-Stöcken geschlossen wurde. Was kann Ihre Sparte dazu tun, damit dieser Standort nicht ausblutet?

Das wird er schon deshalb nicht, weil dort die Reifenentwicklung mit rund 1000 Beschäftigten ist und bleibt. Man benötigt dafür keine Produktion um die Ecke, und fast alle Wettbewerber handhaben es genauso. Außerdem versorgt Stöcken unsere anderen Reifenwerke mit Mischungen. Dass es dort derzeit brummt, hat immerhin geholfen, den Personalabbau zu begrenzen.

Sie gehörten zu dem Team, das den Dauerpatienten USA mit Notoperationen wieder zum Laufen gebracht hat. Wie nachhaltig ist die Genesung?

Wir haben selbst im Jahr der größten Autokrise auf dem US-Markt Marktanteile gewonnen und schwarze Zahlen geschrieben. Wie soll man besser beweisen, dass ein Geschäft wieder auf Vordermann ist? Zuletzt haben wir mit unseren neuen Produkten der Premiummarke Continental und der Qualitätsmarke General Tire fast alle Reifentests gewonnen. Ich glaube daher nicht, dass sich das Rad der Zeit noch einmal zurückdrehen wird.

Ihren wichtigsten Rohstoff, den Naturkautschuk, müssen Sie in Dollar bezahlen. Wie hart trifft Conti die derzeitige Euro-Schwäche?

Die Kautschukpreise sind ohnehin schon auf Rekordniveau, das Euro-Problem kommt noch oben drauf. Bislang glauben wir jedoch, dass es auf Jahressicht bei der prognostizierten Mehrbelastung von etwas mehr als 250 Millionen Euro bleiben könnte. Und darauf haben wir bereits mit Preiserhöhungen reagiert.

Im geplanten Verbund mit Großaktionär Schaeffler wären Sie nur fünftes Rad am Wagen. Wann rechnen Sie mit einem Verkauf des Gummibereichs?

Die Frage stellt sich für uns überhaupt nicht. Vorstand und Aufsichtsrat wollen die einzelnen Säulen bestehen lassen. Wir sehen uns als leistungsstarken Bestandteil der Conti, der seinen Wert für den Konzern nicht nur im vergangenen Jahr eindrucksvoll bewiesen hat. Es hat aber auch schon andere Zeiten gegeben, in denen uns die Kollegen aus den Zulieferdivisionen geholfen haben. Das zeigt, welche Vorteile ein breit aufgestellter Konzern hat.

Interview: Lars Ruzic