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Wirtschaft Condor braucht Staatskredit, weil Thomas Cook Rücklagen plünderte
Mehr Welt Wirtschaft Condor braucht Staatskredit, weil Thomas Cook Rücklagen plünderte
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18:41 25.09.2019
Der Ferienflieger Condor, eine Tochter des insolventen britischen Reisekonzerns Thomas Cook, hatte am Dienstagabend die Zusage über eine staatlichen Überbrückungskredit von 380 Millionen Euro erhalten. Quelle: Marcel Kusch/dpa

Jetzt hat es auch die deutschen Veranstalter des kollabierten Thomas-Cook-Konzerns erwischt. Für drei hiesige Gesellschaften der Gruppe seien Insolvenzanträge gestellt worden, sagte am Mittwoch eine Sprecherin des zuständigen Amtsgerichts in Bad Homburg dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Am Nachmittag bestellten die Richter drei Anwälte der Kanzlei Hermann Wienberg Wilhelm zu vorläufigen Insolvenzverwaltern. Zu dem Trio gehört auch Ottmar Hermann, der in der Vergangenheit zahlreiche spektakuläre Fälle wie die Insolvenzverfahren von Holzmann, Woolworth und Karmann betreut hat.

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Das Reiseunternehmen hatte zuvor auf seiner Website mitgeteilt: „Der reguläre Geschäftsbetrieb ist eingestellt, jeglicher Verkauf von Reisen aus dem Portfolio der Thomas-Cook-Veranstalter ist gestoppt.“ Urlaubsreisen mit einem Veranstalter der Gruppe, die für die nächsten Tage geplant waren, können nicht durchgeführt werden. Zur deutschen Sparte gehören die Marken Neckermann Reisen, Öger Tours, Bucher Reisen, Thomas Cook Signature und Air Marin. Ob weitere Gesellschaften betroffen seien, werde in den nächsten Tagen geprüft, so die Oberurseler Firma.

Das Insolvenzverfahren wurde auch für die Thomas Cook GmbH beantragt, die als sogenannte Obergesellschaft laut Firmen-Website für alle Aktivitäten im deutschsprachigen Raum, in Belgien, den Niederlanden, Tschechien, Ungarn und Polen verantwortlich ist. Nach dem deutschen Ableger stellte Cook auch in Österreich einen Insolvenzantrag.

Nach Angaben der deutschen Geschäftsführung werde derzeit mit dem Auswärtigen Amt, dem Reiseinsolvenzversicherer und weiteren Partnern verhandelt, um „eine geordnete Rückführung der Gäste zu ermöglichen“. Etwa 140.000 Kunden sind momentan unterwegs. Um Pauschalreisende in den Urlaubsgebieten kümmert sich nun die Zurich-Versicherung. Die Assekuranz ist auch dafür zuständig, dass Urlauber wieder nach Hause gebracht werden – ohne dass diese noch etwas draufzahlen müssen. Die maximale Gesamtsumme der Entschädigungen beträgt 110 Millionen Euro. Experten erwarten, dass dies nicht reichen wird. Die Folge wäre, dass Betroffene nur einen Teil ihrer Forderungen erstattet bekommen.

Loslösung von der britischen Muttergesellschaft

Wie es indes mit den deutschen Cook-Reiseveranstaltern mit ihren rund 2000 Beschäftigten hierzulande weitergeht, war am Mittwochnachmittag offen. Die Geschäftsführung teilte mit: Sie habe sich zum Insolvenzantrag gezwungen gesehen, um sich „von den komplexen finanziellen Verflechtungen und Haftungsverhältnissen“ mit der britischen Muttergesellschaft lösen zu können. Das ist die Thomas Cook Group, die in der Nacht zu Montag ihre Zahlungsunfähigkeit erklärt hatte. Angestrebt werde nun ein „sanierendes gerichtliches Verfahren“.

Eine Sprecherin bestätigte auf RND-Anfrage, dass auch ein staatlicher Überbrückungskredit beantragt wurde. Sie fügte am Mittwochmittag hinzu: „Eine Entscheidung gibt es aber noch nicht.“ Die staatliche Unterstützung dürfte entscheidend für die Zukunft des Unternehmens sein – es soll sich um 375 Millionen Euro handeln, die vom Bund und vom Land Hessen kommen müssten. Das Geld wird benötigt, um die Geschäfte weiterführen zu können. Doch es gibt offenbar Vorbehalte: „Wir müssen Gewissheit haben, dass das zukunftsfähig ist, was dort geschieht“, sagte Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU).

Insolvenz als Chance für die Reiseunternehmen

Stefanie Berk, Geschäftsführerin des Reiseunternehmens, erläuterte, bis zur Insolvenz der Thomas Cook Group seien ihr und ihrem Team die Hände gebunden gewesen. Aber die Verhandlungen der vergangenen zwei Tage mit Investoren, langjährigen Partnern in den Urlaubsgebieten und mit Vertriebspartnern hätten gezeigt, dass die deutsche Veranstaltersparte eine Zukunft habe. Das „überaus positive Feedback“ mache zuversichtlich, dass die Traditionsmarken die Chance bekämen, „bald wieder in der gewohnten Weise am Markt aktiv sein zu können“. Ziel sei, die Aktivitäten hierzulande selbstständig fortzuführen – dieses sei zwar profitabel, aber schon länger durch das schwache Geschäft von Thomas Cook in Großbritannien und den Brexit belastet. Branchenkenner nehmen an, dass die Mutter Geld abgezogen hat, um Finanzlücken bei britischen Gesellschaften zu stopfen.

Derweil hat sich mit Hans-Rudolf Wöhrl ein möglicher Interessent für einen Einstieg bei Cooks deutscher Fluggesellschaft Condor zu Wort gemeldet. Die Airline sei ein grundsätzlich gesundes Unternehmen und schon deshalb wohl nicht in einem Ein-Euro-Deal zu haben, so Wöhrl. Daher würde er den Kaufpreis mit anderen Investoren gemeinsam aufbringen. Die Bundesregierung und die hessische Landesregierung wollen Condor einen Überbrückungskredit von insgesamt 380 Millionen Euro mit einer Laufzeit von sechs Monaten zur Verfügung stellen – die Genehmigung der EU-Kommission steht noch aus.

Condor-Rücklagen flossen nach Großbritannien

Die Finanzierung werde benötigt, weil die eigene Liquidität für die „saisonal schwächere Buchungsperiode“ im Winter von der britischen Mutter verbraucht wurde, sagte Condor-Chef Ralf Teckentrup. Das Unternehmen hat aber nach eigenen Angaben seinen Gewinn aus der betrieblichen Tätigkeit im aktuellen Geschäftsjahr, das am Montag endet, gesteigert. Um nun den Abfluss von staatlicher Finanzhilfe an die Briten zu verhindern, stellte Condor am Mittwoch einen Antrag auf ein sogenanntes Schutzschirmverfahren, das Vermögenswerte für Condor sicherstellt. Mit dem Staatskredit bekommt Teckentrup auch Handlungsspielraum bei der Suche nach Investoren. Kontakte und Vorverhandlungen gab es unter anderem mit Finanzinvestoren bereits im Frühjahr.

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Heftige Vorwürfe gab es von Wöhrl gegen die britische Mutter. „Wie eine Kolonialmacht mit ihren Kolonien umzugehen pflegt“ – so beschrieb er das Verhalten der Briten mit dem Ferienflieger. Wöhrl hatte unter anderem schon in den Siebzigerjahren einen Vorläufer von Eurowings, der heutigen Billigflugsparte der Lufthansa, gegründet und sich danach bei verschiedenen anderen Fluggesellschaften engagiert.

Von Frank-Thomas Wenzel/RND

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