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Wirtschaft Blühende Landschaften sollen locken
Mehr Welt Wirtschaft Blühende Landschaften sollen locken
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19:18 24.07.2009
Das Gelände der Bundesgartenschau in Schwerin. Quelle: Jens Köhler/ddp
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Ein Märchenschloss und eine blühende Gartenlandschaft drumherum – die Bundesgartenschau in Schwerin lockt seit April Besucher aus ganz Deutschland und darüber hinaus in die kleinste Landeshauptstadt der Republik. Die fast sechs Monate dauernde Großveranstaltung soll einer der größten Tourismusmagneten dieses Jahres zwischen Rügen und dem Erzgebirge werden.

Vor allem mehr Besucher aus anderen Staaten könnten die ostdeutschen Hoteliers gut gebrauchen. Nur 7 Prozent der Ausländer, die in Deutschland übernachten, tun das bisher zwischen Rügen und dem Erzgebirge. Die Bundesregierung will das ändern. „Ausländische Touristen sind ein wichtiger Wachstumsfaktor“, sagt Minister Wolfgang Tiefensee. Jeder sei daher als Botschafter für Stadt, Land und Region gefragt.

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Das Urlaubsgeschäft ist einer der Lichtblicke beim Aufbau Ost. Seit 1996 sind die Übernachtungszahlen um 60 Prozent gestiegen, 450 000 Ostdeutsche leben vom Tourismus. Auch voriges Jahr wuchsen die Übernachtungszahlen im Osten stärker als im Westen. Die Gäste bleiben dort zudem mit im Schnitt drei Tagen etwas länger.

Anders als beliebte Reiseregionen im Süden der Republik haben ostdeutsche Zielgebiete auch die Wirtschaftskrise bisher recht gut überstanden. Bis Ende April blieben in Bayern (– 4,2 Prozent) und Baden-Württemberg (– 3,2 Prozent) deutlich mehr Betten leer als ein Jahr zuvor. Mecklenburg-Vorpommern dagegen konnte sich über immerhin noch 1,7 Prozent mehr Übernachtungen freuen. Nur Brandenburg beklagte in den ersten vier Monaten ähnlich starke Rückgänge wie große westdeutsche Konkurrenten.

Allerdings klafft noch eine große Lücke zwischen Ost und West. Auf die neuen Länder entfällt bisher nur ein knappes Fünftel der gesamtdeutschen Übernachtungen. In Bayern alleine buchen jedes Jahr fast so viele Urlauber ein Gästezimmer wie in ganz Ostdeutschland.

Zudem wären auch im Osten die meisten Hoteliers derzeit froh, wenigstens das gute Ergebnis des Vorjahres mit insgesamt knapp 69 Millionen Übernachtungen zu erreichen. Die Stimmung ist zwischen Elbe und Oder ebenfalls gedrückt. Schon vor Beginn der Saison erwartete nur jeder vierte Touristiker im Osten, dass sich die Auslastung der Betriebe in diesem Jahr verbessert.

„Lassen Sie sich nicht entmutigen“, sagte Ernst Hinsken, der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung, zu Branchenvertretern beim Fachkongress „Go East!“ in Berlin. Die Ostländer verfügten über großartige Natur- und Kulturjuwelen, die es gerade für Auslandsgäste herauszuputzen gelte. Daher habe der Tourismus gerade im Osten noch gewaltiges Potenzial.

So sieht man das auch beim größten Tourismuskonzern Europas, der TUI. „Bei unseren Kunden ist Mecklenburg-Vorpommern in Deutschland die beliebteste Urlaubsregion“, erklärt eine Sprecherin. Jeder vierte TUI-Urlauber, der in Deutschland Ferien macht, fährt mittlerweile in den Nordosten der Republik. Der Konzern hat daher sein Angebot an der Ostsee und rund um die Mecklenburger Seen kräftig ausgebaut.

In Boltenhagen und Fleesensee betreibt der Reiseveranstalter aus Hannover sogar die ersten eigenen Ferienanlagen im Inland, die Investoren für mehrere hundert Millionen Euro bauten. „Das Engagement ist erfolgreich und hat sich gelohnt“, heißt es. Trotz der Wirtschaftskrise liegen demnach die Buchungen für Deutschland derzeit „leicht im Plus“, an der Ost- und Nordsee gebe es sogar zweistelliges Wachstum.

Mit Attraktionen wie der riesigen Tropenwelt von „Tropical Island“ in Brandenburg, der zu einem Badeparadies umgebauten ehemaligen Cargolifter-Halle südlich von Berlin, hat Ostdeutschland inzwischen einmalige Attraktionen. Die touristische Infrastruktur – nach dem Fall der Mauer meist noch ein Trauerspiel – braucht nach milliardenschweren Investitionen in vielen Regionen keinen Vergleich mehr zu scheuen.

Im Gegenteil: An der Ostsee entlang reihen sich Tausende moderne Hotels und Ferienwohnungen, während im Westen manche Herbergen und Ferienorte eher noch den Standard der siebziger Jahre haben. Allein in Brandenburg wurde das Radwegenetz auf 1800 Kilometer ausgebaut und damit seit 1995 vervierfacht. Vielen Westdeutschen sind die gewaltigen Fortschritte gar nicht bewusst – denn jeder Zweite kennt den Osten bis heute nicht aus eigener Erfahrung.

von Thomas Wüpper