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Wirtschaft Bitkom-Chef Kempf: „Das Internet war noch nie umsonst“
Mehr Welt Wirtschaft Bitkom-Chef Kempf: „Das Internet war noch nie umsonst“
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21:45 26.02.2013
Bitkom-Chef Dieter Kempf: "Sicher wird irgendwann jeder ein Smartphone haben, aber dann wird es etwas anderes geben." Quelle: dpa
Hannover

Herr Kempf, die Informationsbranche erwartet 2013 ein Wachstum von etwa 1,5 Prozent – für den Rest der Wirtschaft liegen die Prognosen deutlich darunter. Was macht Sie so optimistisch?
Wir glauben, dass es einige Wachstumstreiber gibt, die uns deutlich stärker wachsen lassen als die Gesamtwirtschaft. Der Umsatz mit Tablets, den flachen Bildschirmcomputern, ist beispielsweise im vergangenen Jahr um 84 Prozent angestiegen. Auch das Geschäft mit Smartphones wächst rasant.

Nur vom Tablet- oder Mobilfunkboom kann aber die Branche nicht dauerhaft leben.
Sicher wird irgendwann jeder ein Smartphone haben, aber dann wird es etwas anderes geben. Vor fünf Jahren hätte man auch gesagt, nur vom Notebook-Boom kann die Branche nicht leben – aber dann kamen die Tablets. Genauso wichtig wie Geräte sind die Anwendungen. Da gibt es spannende Dinge – etwa, wenn ich mein Smartphone fragen kann, ob ich heute Nachmittag noch einen Regenschirm brauche. Das Handy stellt dann mittels Geodaten fest, dass ich in Hannover bin, und guckt im Internet nach, wie die Wetterprognosen sind.

Was sind die Trends der Zukunft?
Wir setzen als Industrie langfristig auf das Thema „Internet der Dinge und der Dienste“, also informationstechnologische Intelligenz in allen möglichen Geräten. Da gibt es beispielsweise bei elektronischen Haushaltsgeräten ein enormes Feld. Einzelne Hersteller entwickeln bereits eine „männergeeignete“ Waschmaschine – mit Sensoren, die merken, wenn der Mann die blaue Jeans in die weißen Hemden reingeschmissen hat, oder einen Wollpullover in die 60-Grad-Wäsche.

Was ist gegenwärtig das Rückgrat der Branche?
Sehr stark ist nach wie vor die Sparte Software und IT-Dienstleistungen, in der Cloud-Technologien viele neue Entwicklungen anstoßen. Bei der Software erwarten wir in diesem Jahr eine Steigerung um satte 5 Prozent. Der Sektor ist mit 18 Milliarden Euro bei einem Gesamtumsatz der Branche von 154 Milliarden Euro ein ordentlicher Brocken.

Was erwarten Sie von der CeBIT, die am 5. März beginnt?
Die CeBIT wird wieder das Schaufenster der IT- und Telekommunikationsbranche sein – und zwar nicht nur national, sondern auch international. Wir werden ein Partnerland Polen sehen, das stark in der Softwareentwicklung ist, aber auch als Markt für deutsche Unternehmen viele Chancen bietet.

Ein Thema der CeBIT ist die „Shareconomy“ – wo es darum geht, Dinge zu leihen statt zu kaufen. Was kann man sich unter diesem wolkigen Begriff vorstellen?
Es gibt eine immer stärker werdende Kultur des Nutzens statt des Besitzens. Denken Sie an Carsharing, das schon heute in den Großstädten verbreitet ist. Die jüngere Generation hat Musik auch nicht mehr auf dem Rechner, sondern hört sie direkt per Internet. Hinter diesen Prozessen steckt viel Technologie – beispielsweise im Fall des Carsharing Geodatendienste, um das Auto lokalisieren zu können, mobile Bezahldienste und Identifikationsdienste.

Gräbt das nicht der traditionellen Industrie das Wasser ab? Man braucht ja weniger Autos oder Bohrmaschinen, wenn man sie sich mit mehreren Nutzern teilt.
Ich bin gar nicht so sicher, ob man weniger Autos braucht. Nehmen Sie mich als Beispiel: Für die 14 Kilometer von zu Hause zur Arbeit brauche ich ein Auto, das nicht so groß und leistungsstark und nicht so komfortabel ist. Wenn ich aber weite Strecken fahre, kommt es darauf an, dass ich es bequem habe, dass ich hinten sitzen und arbeiten kann. Für den Urlaub brauche ich vielleicht noch einen Kombi, damit ich die Golfbags unterbringe. Der normale Autobesitzer kauft sich aber nicht drei Autos für drei Nutzungszwecke. In einem System, das auf Nutzen basiert, wird jeder das Auto zur Verfügung haben, das er für den jeweiligen Zweck braucht.

Gezeigt werden auch Entwicklungen für die Industrie 4.0 – die fortschreitende Durchdringung aller Produktionsprozesse durch Informationstechnologien. Ist Deutschland dafür schon reif?
Da bin ich der festen Überzeugung. In den Schlüsseltechnologien, wo die Verknüpfung erfolgreich sein kann, nämlich Maschinenbau, Elektrotechnik, Automobil, macht uns weltweit momentan keiner was vor. Durch die Bündelung dieser Industrien mit der Informationstechnologie haben wir international enorme Chancen.

Die CeBIT hat sich immer mehr vom Konsumenten entfernt. Lohnt es sich für den Hannoveraner oder überhaupt den normalen Besucher noch, dort hinzugehen?
Es lohnt sich auch für Konsumenten, weil viele neue Produkte und Anwendungen zu sehen sind. Und es lohnt sich, weil die Branche interessante Arbeitsplätze zu bieten hat. An vielen Ständen haben wir Informationen über das Arbeitsplatzangebot. An manchen Tagen wie dem Messesonnabend gibt es dazu spezielle Veranstaltungen.

Internetnutzer werden immer häufiger zur Kasse gebeten. Ist das bereits das Ende der Umsonstkultur im Netz?
Das Internet war noch nie umsonst. Bezahlt haben Sie bis auf wenige Ausnahmen immer – entweder mit Ihren Daten oder mit Ihrem Geld.

Braucht Deutschland einen Internetminister, wie ihn neulich Parlamentarier von CDU und SPD gefordert haben?
Wir fordern das schon seit einigen Jahren. Wir glauben, dass es für eine kluge Netzpolitik, die immer mehr Querschnittsthema wird, wichtig wäre, eine derartige Position mit Ministerrang im Kanzleramt anzusiedeln. Ob er dann auch so heißen muss, mag mal dahingestellt sein.

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