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16:09 06.08.2022
Fermenter der Biogasanlage der Firma Agrarenergie Vahldorf (Sachsen-Anhalt).
Fermenter der Biogasanlage der Firma Agrarenergie Vahldorf (Sachsen-Anhalt). Quelle: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-Zentra
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Berlin

Zwei Sätze in einer Mitteilung von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) elektrisieren seit 14 Tagen die Biogasbranche. „Auch die erneuerbaren Energien sollen einen stärkeren Beitrag leisten, um Erdgas aus dem Strombereich zu verdrängen. So soll insbesondere die Biogaserzeugung ausgeweitet werden, indem unter anderem die vorgegebene jährliche Maximalproduktion der Anlagen ausgesetzt wird.“

Die Energieerzeuger, die Mais, Gülle oder Biomüll nutzen, um vorrangig Strom und zusätzlich Wärme zu produzieren, wurden in den Wochen zuvor in den Debatten über Gasknappheit, Ausbau der Stromerzeugung oder Verlängerung von Laufzeiten der Kernkraftwerke wenig beachtet. Das ändert sich nun, auch beflügelt von einer gerade veröffentlichten Studie.

Experten und Expertinnen des Deutschen Biomasseforschungszentrums Leipzig und des Wuppertal Instituts gehen davon aus, dass sich mittelfristig rund 3 Prozent des deutschen Gasbedarfs durch Biomethan, also aufbereitetes Biogas, decken lassen. Derzeit hat Biomethan einen Anteil von rund einem Prozent am Gasmarkt.

Mehr Strom durch Biogas möglich

Auch ohne die kostenintensive Aufbereitung zu Biomethan könne Biogas bei einer Vor-Ort-Verstromung zur flexiblen Stromproduktion beitragen. Bis zu 46 Prozent der momentan durch Gaskraftwerke erzeugten Stromproduktion ließen sich aus Biogas decken, heißt es in der Studie.

Die Autoren halten es sogar für möglich, dass Biogasanlagen im Jahr 2035, wenn der Strom in Deutschland nahezu vollständig aus erneuerbaren Energien stammen soll, mit Erdgas betriebene Backup-Kraftwerke ersetzen können – wenn etwa zu wenig Wind- und Solarstrom zur Verfügung steht.

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Doch das ist Zukunftsmusik und mit vielen technischen Herausforderungen verbunden. Aktuell erzeugen die knapp 10.000 Biogasanlagen in Deutschland nach Angaben der Bioenergiebranche jährlich rund 95 Terawattstunden (TWh) Biogas. Davon werden rund 85 TWh vor Ort zu Strom und Wärme umgewandelt und rund 10 TWh ins Gasnetz eingespeist.

20 Prozent mehr Biogas

Technisch, heißt es beim Hauptstadtbüro Bioenergie, sei mehr möglich. Es gebe jedoch verschiedene gesetzliche Beschränkungen, die aufgehoben werden müssten, wird in einem Positionspapier gefordert. Kurzfristig könnten die Anlagen durch den Einsatz zusätzlicher Rohstoffe oder den Einsatz von Rohstoffen mit hohem Energiegehalt wie etwa Maissilage ihre Gaserzeugung im Schnitt um 20 Prozent erhöhen. „Dies entspricht insgesamt 19 Milliarden Kilowattstunden (19 TWh) Gas beziehungsweise sieben Milliarden Kilowattstunden Strom zuzüglich Wärmeerzeugung.“

2021 erzeugten die drei bis Ende dieses Jahres laufenden Kernkraftwerke 33 Terrawattstunden Strom, die Biogasanlagen 29,9. Im ersten Quartal 2022 hatten die drei Atomkraftwerke mit 8,6 TWh einen Anteil von 6 Prozent an der gesamten Stromproduktion. Die Biogasanlagen lieferten 7,8 TWh und damit 5,4 Prozent des gesamten eingespeisten Stroms.

Mehr Energiepflanzen anbauen?

Angesichts dieser Zahlen: Kann Biogas perspektivisch den Anteil der Atomenergie im Strommarkt ersetzen? „Mittel- oder längerfristig ist da vielleicht ein Hebel drin“, meint Professor Kai Hufendiek, Leiter des Instituts für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung an der Universität Stuttgart. Er bezweifelt jedoch, dass die Biomasse-Anlagen in kurzer Zeit – also bis zum Jahresende – ihre Kapazitäten so hoch fahren können wie benötigt.

Selbst, wenn alle strukturellen Schwierigkeiten dafür beseitigt würden, wäre da noch ein anderes Problem, meint der Wissenschaftler. „Die Biomasse muss ja irgendwo herkommen. Wie verantwortbar ist es angesichts der durch den Ukrainekrieg ausgelösten Nahrungsmittelknappheit in anderen Regionen hierzulande stillgelegte Flächen mit Energiepflanzen zu reaktivieren?“, fragt Hufendiek.

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Die politische Brisanz sieht die Branche auch, räumt Sandra Rostek vom Hauptstadtbüro der Bioenergieverbände ein. „Das Potenzial, einen großen Teil des russischen Erdgases bei der Stromerzeugung durch Biogas zu ersetzen, ist aber vorhanden“, bekräftigt sie. „Es ist alles eine Frage des politischen Willens.“

„Mehr Klasse als Masse“

Kurzfristig seien die Biogasanlagen in der Lage, mehr Grundstoffe zu verarbeiten und die Energieerzeugung hochzufahren. „Die Lager sind voll, die Ernte 2021 war sehr gut“, so Rostek. Dauerhaft sei die Stromerzeugung durch Biomasse jedoch teurer als durch Wind oder Sonne. „Wir können mehr, setzen perspektivisch jedoch eher auf Klasse als auf Masse.“

Also ist das Biogas doch kein Konkurrent für die Atomkraft? „So einfach ist das eben nicht“, sagt Jörg Schäfer vom Fachverband Biogas. „Die Atomkraftwerke liefern Grundlaststrom, 24 Stunden am Tag. Die Biogasanlagen haben ihre Vorteile in der Flexibilität, sie liefern stundenweise Strom, wenn er wirklich gebraucht wird.“ Für Grundlasterzeugung seien diese Biokraftwerke nicht vorgesehen, sie hätten ihre Stärken in der Vor-Ort-Versorgung.

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Von Thoralf Cleven/RND

Der Artikel "Kann Biogas bei der Stromerzeugung Atomkraft ersetzen?" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.