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Wirtschaft Bioboom ohne Biobauern
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00:15 06.05.2013
Von Carola Böse-Fischer
Immer mehr Verbraucher bevorzugen Ökoprodukte aus regionaler Erzeugung und bescheren damit der Biobranche kräftig steigende Erlöse.
Immer mehr Verbraucher bevorzugen Ökoprodukte aus regionaler Erzeugung und bescheren damit der Biobranche kräftig steigende Erlöse. Quelle: dpa
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Hannover

Die Parkplätze vor dem Hofladen sind voll, auch um die Ecke stehen Autos. Cord Baxmann kommt kaum mit seinem Traktor vorbei. Kunden, die hier einkaufen, müssen mobil sein. Der Kampfelder Hof, den der Biobauer mit seiner Frau Bärbel in Hiddestorf, einem Dorf südlich von Hannover, betreibt, liegt alles andere als zentral. Trotzdem wächst die Kundschaft des Bioland-Betriebs. Vor drei Jahren haben die Baxmanns den Hofladen vergrößert, er ist schon wieder zu klein. Vor allem eine zweite Kasse fehle, damit die Kunden nicht Schlange stehen müssten, sagt Bärbel Baxmann.

Meist kommen sie aus dem Umland – weil sie hier neben vielen Bioprodukten von Milch und Käse bis zu Wein vor allem täglich frisches Obst, Gemüse und Kartoffeln aus eigenem Anbau sowie Brot aus der Hofbäckerei einkaufen können. „Das sind unsere Schwerpunktprodukte“, sagt der Agraringenieur.

Das Geschäft mit Biolebensmitteln boomt

Dass es Besserverdienende sind, die Bioprodukte kaufen, will Baxmann nicht pauschal bestätigen. Es seien immer mehr Leute, junge Familien wie ältere Konsumenten, die wegen der Lebensmittelskandale lieber zu Bio aus regionaler Erzeugung griffen. Zulauf hätten auch die Bürgerinitiativen gegen Mastställe gebracht. Und: Baxmann hat mit seinem 100-Hektar-Hof, auf dem er 20 Mitarbeiter beschäftigt, eine „Superlage“ – keine Konkurrenz im Umkreis von 15 Kilometern.

Das Geschäft mit Biolebensmitteln boomt, nicht nur bei Baxmann. 2012 wurden erstmals über 7 Milliarden Euro umgesetzt, ein Plus von 6 Prozent. Die Nachfrage nach umwelt- und tierfreundlich erzeugten Biolebensmitteln wachse stetig, sagt Alexander Gerber, Geschäftsführer des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), der Dachorganisation der Biobranche. Das Potenzial sei noch lange nicht ausgeschöpft.

Schon heute können aber Deutschlands Biobauern die Nachfrage nicht bedienen. Rund ein Drittel des Umsatzes entfällt laut Gerber auf Importe, die meist nach der lascheren EU-Ökoverordnung zertifiziert und oft billiger seien. Damit geht der Bioboom zum großen Teil an den heimischen Produzenten vorbei. Nur um 2,7 Prozent auf 1,04 Millionen Hektar haben die Ökoflächen 2012 zugenommen, die Zahl der Biobetriebe um 2,6 Prozent auf knapp 23 100 – viel zu wenig, um die Schere zwischen Angebot und Nachfrage auch nur etwas zu schließen, so Gerber. Gebraucht würden deshalb 10 000 neue Biobetriebe.

Niedersachsen ist bundesweit Schlusslicht

Besonders im Agrarland Niedersachsen dümpelt der Ökolandbau seit Jahren bei etwa 74 000 Hektar, wie Stefan Dreesmann vom Landwirtschaftsministerium in Hannover sagt. 21 Bauern hätten 2012 von konventionell auf bio umgestellt. Damit zählt das Land 1421 Ökobetriebe – und ist bundesweit Schlusslicht.  Glänzende Aussichten – warum wollen da so wenig Bauern in die Biowirtschaft einsteigen? Seit wegen der wachsenden Nachfrage nach Lebensmitteln und grüner Energie die Agrarpreise weltweit stark gestiegen sind, verdienen auch konventionelle Landwirte gut, wie Gerber vom BÖLW sagt. Das mache eine Umstellung auf bio weniger attraktiv. Daran ist die Politik nicht unschuldig: Sie verfolgt Ziele, die sich konterkarieren. So will die Bundesregierung den Anteil des Ökolandbaus von jetzt 6 auf 20 Prozent erhöhen, zugleich hat sie mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz einen Biogas-Boom in der Landwirtschaft ausgelöst.

Eine Biogasanlage mit sicherer Förderung über 20 Jahre aber bringt einem Bauern viel mehr Gewinn, als er im Biolandbau erzielen kann, wie Gerber erklärt.  Damit hat die Politik zudem ein anderes Problem verschärft: die Konkurrenz um die Ackerflächen. Weil Biogasanlagen wegen staatlicher Boni mit immer mehr Mais „gefüttert“ wurden, explodierte der Flächenbedarf. Die Folge: Die Pachtpreise haben ein Niveau erklommen, bei dem Biobauern nicht mehr mithalten können – und nach Auslaufen von Verträgen das Nachsehen bei Neuabschlüssen haben, wie Armin Meyercord von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen weiß. Kämen sie doch mal zum Zug, zehrten die teuren Pachten die Rentabilität auf. Die sei ohnehin schon durch immer mehr billige Importe etwa von Biogetreide aus Osteuropa unter Druck, sagt Meyercord. Da ist es nicht verwunderlich, dass mancher Biobauer die Rückumstellung zur konventionellen Wirtschaftsweise durchspielt. Viele haben den Schritt sogar schon gemacht – fast unbemerkt.

Die Agrarforscher widmeten sich dem Thema kaum, weil sie annahmen, es handele sich um Einzelfälle. Erstmals ist das Thünen-Institut der Sache auf den Grund gegangen. In ihrer Studie haben die Braunschweiger Agrarforscher festgestellt, dass zwischen 2003 und 2010 jährlich 3,3 Prozent der Biobauern zum konventionellen Landbau zurückkehrten und 1,4 Prozent etwa aus Altersgründen aufgaben. Ihre Flächen wurden zu über 60 Prozent von konventionellen Betrieben übernommen und gingen dem Ökolandbau verloren. Häufig gaben laut Studie ökonomische Gründe wie zu geringes Einkommen oder Vermarktungsprobleme den Ausschlag für eine Rückumstellung – und zu niedrige oder gekürzte Ökoprämien.

Die Prämie allein sei als Anreiz, auf bio umzustellen und dabei zu bleiben, jedoch nicht ausreichend, meint BÖLW-Experte Gerber. Genauso wichtig sei es, Ökolandbau als Fach in den Lehrkanon der Berufsschulen aufzunehmen. Bislang werde fast nur die industrielle Landwirtschaft vermittelt – mit der Folge, dass die ökologische Wirtschaftsweise den meisten jungen Landwirten als suspekt gelte. Landwirte reagieren jedoch „sehr sensibel“ auf politische Signale, wie Gerber sagt. Die Ökoprämie sei eines. Daran zeige sich, ob die Politik den Biolandbau wirklich vorantreiben wolle.

So wie jetzt in Niedersachsen.Kaum im Amt, beförderte der grüne Agrarminister Christian Meyer, der eine „sanfte“ Agrarwende einleiten will, die Prämien für Biobauern und solche, die es werden wollen, auf einen bundesweiten Spitzenplatz – um „die rückläufige Entwicklung möglichst schnell umzukehren“. Einsteiger erhalten in den ersten zwei Jahren der Umstellung 320 Euro je Hektar Acker- und Grünland, 58 Euro mehr als bisher. Ab dem dritten Jahr gibt es 200 statt bisher 137 Euro. Damit zeige das Land „Flagge“, sagt Biobauer Baxmann. Die schwarz-gelbe Vorgängerregierung habe für Ökolandbau wenig übrig gehabt und gezielt die industrielle Massentierhaltung gefördert. Für Baxmann war der Biolandbau nach der Hofübernahme 1992 eine Grundsatzentscheidung: Chemie und Gentechnik schadeten der Gesundheit und dem Boden. Den gelte es „zu bewahren“. Von diesem Credo haben sich allerdings auch viele Ökolandwirte längst verabschiedet. Bio ist laut Thünen-Studie nur eine von mehreren Unternehmensstrategien. Ökoprämien hin oder her – die Politik muss sich schon noch mehr einfallen lassen, wenn sie ihr eigenes Ziel erreichen will.

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