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Wirtschaft Wie gefährlich 
sind 8,50 Euro?
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sind 8,50 Euro?
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00:15 26.10.2013
Von Lars Ruzic
Die Diskussion über einen bundesweit einheitlichen Mindestlohn von 8,50 Euro bringt viele Betriebe zum Grübeln. Quelle: dpa
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Wer Gunnar Vielhaack in diesen Tagen auf die schwarz-roten Koalitionsverhandlungen und den Mindestlohn anspricht, kassiert eine Gegenfrage: „Wie viel Zeit haben Sie mitgebracht?“ Den Prokuristen der Niedersächsischen Wach- und Schließgesellschaft (NWSG) – des „ältesten Sicherheitsunternehmens Europas“ – treibt derzeit kaum ein Thema mehr um. Kein Wunder: Vielhaack ist nebenbei Chef der Bundestarifkommission seiner Branche – und die würde unter einem bundesweit einheitlichen Mindestlohn von 8,50 Euro, wie ihn die SPD in den Verhandlungen mit der Union für eine Große Koalition durchsetzen will, besonders stark leiden.

Dabei haben die Wachdienste schon lange tariflich vereinbarte Mindestlöhne, die der Bund für allgemeinverbindlich erklärt hat. Eigentlich stecken Arbeitgeber und Gewerkschaften derzeit in Verhandlungen über eine Anhebung. „Aber raten Sie mal, wie sehr wir da im Moment vorankommen“, sagt Vielhaack. Alle starrten derzeit nach Berlin „wie das Kaninchen auf die Schlange“. Für die Wachdienste in Niedersachsen wäre ein gesetzlicher Mindestlohn von 8,50 Euro auf einen Schlag ein gewaltiger Sprung. Derzeit gelten zwischen Ems und Elbe noch 7,50 Euro pro Stunde.

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Das entspräche einer Entgelterhöhung von 13,33 Prozent, rechnet der Manager vor. In einer Branche, in der die Löhne 90 Prozent aller Kosten ausmachen, hieße das, die Preise für die Dienstleistungen um ein Achtel anheben zu müssen. „Stellen Sie sich vor, wie vergnügt unsere Kunden reagieren werden.“ Im Gegensatz zu anderen Branchen findet sich bei den Wachdiensten in der untersten Lohngruppe quasi das Kerngeschäft wieder. Allein bei der NWSG werden hier gut 40 Prozent der gut 5000 Mitarbeiter eingereiht. Wobei die Hannoveraner in anderen Bundesländern ganz andere Summen zahlen müssen. In Baden-Württemberg etwa liegt der tarifliche Mindestlohn bald bei fast 9 Euro. „Die Knappheit bestimmt eben die Lohnhöhe“, sagt Vielhaack. Und diese Grundprinzipien von Angebot und Nachfrage dürfe der Staat nicht einfach außer Kraft setzen. „Ich bin für einen gesetzlichen Mindestlohn“, sagt der Tarifexperte, „die Frage ist nur, in welcher Höhe.“

Forschungsinstitute fordern Gleichsetzung von West und Ost

Damit bringt der Prokurist die Gefühlslage in den Managementetagen dieses Landes auf den Punkt. Es gibt kaum noch Unternehmen, die sich aus Prinzip gegen einen Mindestlohn sträuben. Bringt er doch für die Firmen den angenehmen Nebeneffekt, dass gerade in den personalintensiven Branchen ein Preiskampf über Dumpinglöhne unterbunden wird. Gleichzeitig sorgen sie sich jedoch darum, dass die anvisierten 8,50 Euro pro Stunde für gewisse Tätigkeiten, Branchen und Regionen schlicht zu hoch gegriffen sein könnten.Fast einhellig fordern auch die einschlägigen Forschungsinstitute eine vorsichtige, besser gestaffelte Ansetzung und eine Unterscheidung zwischen West und Ost. In Niedersachsen verdient nach Zahlen des Wirtschaftsministeriums nur etwa jeder Achte weniger als 8,50 Euro, in den neuen Bundesländern ist es aber jeder Vierte. Zwar könnten nach Berechnungen der Wirtschaftsforscher vom DIW mit der Einführung eines Mindestlohns in der von SPD und Gewerkschaften geforderten Höhe 5,6 Millionen Menschen in Deutschland mehr verdienen. Gleichzeitig sehen die Industrie- und Handelskammern aber eine Million Jobs in Gefahr. Ökonomen warnen vor einer neuen Blüte von sich selbst ausbeutenden Selbstständigen und Schwarzarbeitern.

Dagegen gibt sich die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) entspannt. „Der Vorschlag von 8,50 Euro je Stunde ist ganz vernünftig“, sagte unlängst OECD-Ökonom Mark Keese. Der Betrag entspreche weniger als der Hälfte des deutschen Durchschnittslohns. Mit dieser Quote liege Deutschland eher im mittleren bis unteren Bereich der 34 Mitgliedsländer. Frankreich und Großbritannien etwa hätten höhere Mindestlöhne im Vergleich zum Mittelwert. „Wenn ein Lohn von 8,50  Euro pro Stunde Unternehmen überfordern sollte, stimmt etwas mit deren Geschäftsmodell nicht“, sagt deshalb auch Niedersachsens DGB-Chef Hartmut Tölle.

Doch lässt sich diese Grenze so pauschal so einfach festlegen? „Was machen wir mit all den Aushilfen, mit den Wagenschiebern und Kartoneinstampfern?“, fragt Jürgen aus dem Kahmen. Der Textilunternehmer aus Osterholz-Scharmbeck ist Präsident der niedersächsischen Einzelhandelsverbands. Seine Branche zahlt derzeit laut Tarifvertrag mindestens 7,88 Euro. Doch der Tarifvertrag ist vom Bund nicht für allgemeinverbindlich erklärt worden, und so gibt es auch niedrigere Entgelte im Handel. In der Branche gebe es viele „Dazuverdiener“, deren Wohlstand nicht am Job im Handel hänge, argumentiert aus dem Kahmen – Mütter, Schüler und Studenten etwa, denen vor allem an den flexiblen Arbeitszeiten liege. Wenn jeder Minijobber, der einfachste Tätigkeiten übernehme, dafür 8,50 Euro bekomme, könne das die Branche überfordern.

Man gibt sich gelassen

Die ausgebildeten „Fachverkäuferinnen“, die ihren Beruf gelernt haben und Vollzeit arbeiten, würden ohnehin deutlich besser bezahlt. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass viele Händler ihre Öffnungszeiten in den vergangenen Jahren vor allem deshalb ausweiten konnten, weil sie abends kaum „Fachverkäuferinnen“, sondern die billigeren Aushilfen an die Kassen setzen. „So spart man sich die Zuschläge für das Stammpersonal“, berichtet ver.di-Handelsexperte Heiner Schilling. Generell lässt sich sagen: Je größer die Lücke zwischen aktueller Bezahlungspraxis und angepeiltem Mindestlohn, desto lauter der Aufschrei. Der Riss geht mitunter sogar mitten durch eine Branche. Beispiel: Hotel- und Gaststättengewerbe. In Niedersachsen liegt die tarifliche Lohnuntergrenze schon heute bei 8,30  Euro. Zwar ist auch dieser Abschluss nicht allgemeingültig – aber dennoch gibt man sich gelassen.

„In Großstädten wie Hannover bekommt man für weniger Geld de facto auch keine Leute mehr“, heißt es beim Dehoga. „Wer Qualität bieten will, muss solche Maßstäbe auch an die Bezahlung der Belegschaft ansetzen“, sagt Gastronom Jörg Lange, gleichzeitig Kreisverbandschef in Hannover. Seine Kollegen in der Systemgastronomie haben da andere Maßstäbe. Bei McDonald’s und Co. beginnt ein Ungelernter mit 7,71 Euro pro Stunde. „Alarmiert und empört“ gibt man sich deshalb beim Arbeitgeberverband über die Vorgänge in Berlin. Die 8,50 Euro seien ideologisch festgelegt und ökonomisch nicht nachvollziehbar.

Burkhard Räker verfolgt die Diskussion mit großer Gelassenheit. Die Gebäudereiniger, die er in Niedersachsen vertritt, haben schon seit mehr als sechs Jahren einen allgemeinverbindlichen Mindestlohn. „Wir wollten das immer so“, sagt der Geschäftsführer der Landesinnung. So richte sich der Wettbewerb nicht danach, welcher Dienstleister die billigsten Arbeitskräfte rekrutieren könne. Zum Jahreswechsel soll der Mindestlohn für die bundesweit gut 600 000 Mitarbeiter der Branche mal wieder steigen – von 9,00 auf 9,31 Euro für die klassischen Putzkräfte. Einen Stellenabbau habe man durch den Mindestlohn nicht erlebt, berichtet Räker. „Wir verzeichnen seit Jahren einen stetigen Zuwachs an Mitarbeitern.“

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