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Wirtschaft Beamte sind die Gewinner - vielen Arbeitnehmern droht Altersarmut
Mehr Welt Wirtschaft Beamte sind die Gewinner - vielen Arbeitnehmern droht Altersarmut
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17:49 19.01.2010
Deutschlands Alte sind nicht gleich gut 
versorgt. Quelle: AP
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Viele haben es geahnt. Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) haben jetzt nach- und hochgerechnet: Beamte gehören zu den Gewinnern im Lande; im Vergleich zu allen anderen Berufsgruppen schneiden sie finanziell überdurchschnittlich gut ab. So haben sie nicht nur mehr Vermögen angespart, sie verfügen zudem als Pensionäre über doppelt so hohe Alterseinkünfte wie der Durchschnittsverdiener. „Es geht nicht darum, eine Neidkampagne zu starten“, sagte DIW-Forscher Markus Grabka am Montag bei der Vorstellung der von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Studie in Berlin. „Wir wollen informieren.“

Laut DIW verfügten Staatsdiener des einfachen und mittleren Dienstes im Jahr 2007 im Durchschnitt über Pensionsansprüche von mehr als 80.000 Euro; im höheren Dienst waren es sogar 128.000 Euro. Dagegen kommen Facharbeiter oder einfache Angestellte auf einen Rentenanspruch von etwa 40.500 Euro, Vorarbeiter gerade einmal auf 49.000 Euro. Selbstständige rangieren in dieser fiktiven Altersvermögensrechnung bei rund 46.000 Euro.

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Grund für die Besserstellung der Beamten ist unter anderem die unterschiedliche Berechnung der Alterseinkünfte. Während sich die Pensionshöhe nach den Bezügen in den letzten Jahren vor der Pensionierung richtet, bestimmt bei Angestellten die Höhe der Beiträge und die Dauer der Einzahlungen die Rentenhöhe. Während Phasen der Arbeitslosigkeit den Rentenanspruch minimieren, können Beamte nicht arbeitslos werden. Zudem profitieren Staatsdiener davon, dass sie keine Beiträge zahlen. So können sie leichter als andere mit Geldanlagen ihr Vermögen steigern. Auf Forderungen an die Politik verzichteten die Forscher. Er halte aber eine Beitragspflicht für alle für sinnvoll, sagte Grabka. Trotz Besserstellung der Beamten sind die Anwartschaften auf Renten und Pensionen – rund 4,6 Billionen Euro im Jahr 2007 – laut DIW-Studie unter den Deutschen weitgehend gleichmäßig verteilt. Da alle, ob arbeitslos, selbstständig, angestellt oder verbeamtet, fürs Alter vorsorgen, dämpft das individuelle Alterssicherungsvermögen sogar das starke Auseinanderdriften von Arm und Reich in der allgemeinen Vermögensstatistik. Bislang noch.

Die Wissenschaftler warnten nachdrücklich vor einer steigenden Altersarmut durch Rentenreformen und Arbeitslosigkeit. Vor allem in den mittleren Altersgruppen in Ostdeutschland sei die Entwicklung besorgniserregend. Bereits heute komme ein Durchschnittsverdiener erst nach 26 Jahren Erwerbstätigkeit auf eine Rente in Höhe der Grundsicherung. Ein Geringverdiener mit einem Stundenlohn von 7,50 Euro müsse 40 Jahre lang Beiträge einzahlen, um nicht aufs Sozialamt angewiesen zu sein. Im Jahr 2030 wird dies laut DIW aufgrund des sinkenden Rentenniveaus noch länger dauern: 60 Jahre statt 40 Jahre.

von Gabi Stief

Dieser Text hat zahlreiche Reaktionen hervorgerufen. Viele Leser bezweifeln die angegebenen Zahlen - was in den meisten Fällen auf einem Missverständnis beruht. So bedeuten die erwähnten "Pensionsansprüche von mehr als 80.000 Euro" für Beamte des einfachen und mittleren Dienstes nicht etwa eine durchschnittliche Jahrespension in dieser Höhe. Vielmehr geht es um die durchschnittliche Pensionsanwartschaft, die die aktiven Beamten bis zum Jahr 2007, das war das Jahr der Umfrage, erworben hatten. Die Anwartschaft erhöht sich mit jedem Jahr der Beschäftigung. Für Ruheständler hat das DIW sogar durchschnittliche Pensionsanwartschaften von knapp 307.000 Euro ermittelt - bei genauer Betrachtung relativiert sich diese Zahl aber schnell, denn sie bezeichnet die Gesamtpension, die der durchschnittliche Ruheständler in seinem Leben zu erwarten hat. Und das dauert ja in vielen Fällen nach dem Eintritt in den Ruhestand noch 20 Jahre. Wer dagegen schon mit 66 stirbt, kommt natürlich nicht annähernd auf eine so hohe Gesamtpension. Wir veröffentlichen in der HAZ-Ausgabe am Mittwoch eine ausführlichere Darstellung der Studie.

Die Redaktion