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Wirtschaft Bei Problemen mit Ausbildungsbetrieb: Das können Azubis tun
Mehr Welt Wirtschaft Bei Problemen mit Ausbildungsbetrieb: Das können Azubis tun
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18:43 02.08.2019
Aller Einstieg ist schwer: Gerade in den ersten Tagen der Ausbildung sollte die Grundlage für die kommenden Jahre gelegt werden. Quelle: Foto: Lyzs/Westend61/DPA
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Hannover

Das Ausbildungsjahr hat begonnen – und die Deutschen Industrie- und Handelskammern (DIHK) werben, dass immer noch eine Menge Ausbildungsplätze frei sind. Das hilft denjenigen, die sich kurzentschlossen doch für einen Einstieg ins Berufsleben entscheiden. Und jenen, die ihren Ausbildungsplatz wechseln wollen. Denn nicht immer läuft in der Ausbildung alles glatt.

Die ersten Tage: Zahlreiche Azubis treibt in den ersten Tagen die Ungewissheit und das Unbekannte um, wissen die Experten des Zentralverbands des deutschen Handwerks (ZDH) in Berlin zu berichten. Umso wichtiger sei es deswegen, erst mal eine solide Grundlage für die kommenden zwei bis drei Jahre zu legen: Ausbilder und Kollegen kennenzulernen, mit möglichen Azubi-Paten in Kontakt zu treten und die Betriebsabläufe zu beobachten. Auch mit Arbeitskleidung und Sicherheitsausrüstung sowie entsprechenden Vorschriften sollten die Neulinge möglichst schnell vertraut gemacht werden.

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Zähne zusammenbeißen: Für viele junge Menschen bedeutet der Beginn der Ausbildung auch den Einstieg ins Berufsleben überhaupt. „Das ist ein völlig neues Umfeld, in dem sich die neuen Leute erst mal orientieren müssen“, heißt es beim ZDH. Ähnliches berichtet auch Ulrike Friedrich, Ausbildungsexpertin bei den DIHK. „Nach den ersten zwei bis fünf Tagen sollte man Probleme nicht überbewerten“, sagt sie. Trotzdem sollte man Dinge zur Sprache bringen, wenn man unsicher ist oder Probleme hat. Ansprechpartner könnten dann erfahrene Kollegen oder der Ausbilder sein.

Lernen sollte im Vordergrund stehen

Ausbildung statt Arbeit: Eine Berufsausbildung ist ein mehrjähriges „Lernverhältnis“, wie es Daniel Gimpel, Jugendreferent beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), formuliert. „Es geht nicht um ein Arbeitsverhältnis“, betont er. Was wann gelernt wird, sollte im Ausbildungsplan festgehalten sein. „Bis zu ein Drittel der Azubis hat keinen Ausbildungsplan vorliegen“, berichtet er allerdings unter Berufung auf Erhebungen des DGB. Ist das der Fall, empfiehlt er die Nachfrage beim Chef und gegebenenfalls den Gang zur zuständigen Handwerks-, Industrie- oder Handelskammer.

Ausbildungsfremde Tätigkeiten: Die Ausbildungspläne der Betriebe sollen sicherstellen, dass ein Azubi das lernt, was für seinen künftigen Beruf relevant ist. Gimpel kennt beispielsweise den Fall einer angehenden Veranstaltungskauffrau, die „monatelang“ in der Spülküche eingesetzt war. „Mit ihrem künftigen Beruf hatte das nichts zu tun, sie wird ja kein Kellner“, so Gimpel. Azubis rät er deswegen, ihr Berichtsheft ordentlich und ehrlich zu führen. Auch, weil in der Abschlussprüfung nur das abgefragt werden darf, was im Betrieb gelernt wurde – und das sei im Berichtsheft dokumentiert.

Bei Mobbing wehren

Überstunden als Azubi: Auch wenn der Ausbildungscharakter im Vordergrund steht: Einen juristischen Schutz vor Überstunden gibt es nicht. Allerdings müsse es einen Freizeitausgleich oder eine Auszahlung geben, erklärt Gimpel unter Berufung auf das Berufsbildungsgesetz. Grundsätzlich ist die wöchentliche Arbeitszeit im Tarifvertrag festgelegt. Für minderjährige Auszubildende gelten Sonderregeln, die sich aus dem Jugendschutz ergeben.

Faire Behandlung: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ ist ein oft zitiertes Sprichwort. Trotzdem muss sich ein Azubi nicht alles bieten lassen. Bei Ärger mit Kollegen rät Gimpel zum Gespräch mit dem Betriebsrat, der Jugendauszubildendenvertretung (JAV) oder mit dem Vorgesetzten. In größeren Betrieben gebe es auch Beschwerdestellen bei Mobbing oder sexueller Belästigung.

Köche und Frisöre trifft es am härtesten

Vergütung: Die Bezahlung variiert je nach Branche und Betrieb. Oft ist die Vergütung durch einen Tarifvertrag festgelegt. Abseits dessen gilt nur, dass eine Vergütung „angemessen“ sein muss. Ab dem 1. Januar 2020 wird die gesetzliche Mindestvergütung in Höhe von 515 Euro im ersten Lehrjahr eingeführt, auf die sich die große Koalition jüngst geeinigt hat.

Ausbildungsabbruch: „Viele Probleme lassen sich durch Kommunikation klären“, betont DIHK-Expertin Friedrich. Reicht das nicht, können sich Azubis Hilfe suchen – im Betrieb beim Betriebsrat oder bei der JAV. Auch können Berufsschullehrer helfen, ebenso wie die örtlichen Kammern – auch anonyme – Beratung bieten. Entscheiden sich Azubis für den Abbruch, sollten sie sich Hilfe von Anwälten oder Gewerkschaften holen, rät Gimpel. Auf keinen Fall sollten sie kurzerhand selbst kündigen. „Dann könnten Schadensersatzansprüche des Betriebs drohen“, warnt Gimpel. Klüger sei es, mit dem Betrieb eine Aufhebungsvereinbarung zu schließen. Die gilt als einvernehmliche Lösung – und hilft auch, wenn sich der Ausbildungsberuf als der falsche entpuppt. Dafür haben Chefs laut Gimpel oft Verständnis. „Schließlich hat kein Ausbildungsbetrieb ein Interesse, jemanden auszubilden, der das eigentlich nicht will.“

Problembranchen:
Der DGB fragt regelmäßig ab, wie zufrieden Azubis sind. Die Ergebnisse variieren stark. In der Tendenz gebe es in der Industrie- und in Großbetrieben weniger Probleme, sagt Gimpel. Mehr Schwierigkeiten gebe es in Teilen des Handwerks und im Hotel- und Gastgewerbe. „Es gibt Branchen, in denen jeder Zweite aufhört, beispielsweise bei Frisören oder Köchen,“ schildert er.

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Von RND/Christoph Höland

Der Artikel "Bei Problemen mit Ausbildungsbetrieb: Das können Azubis tun" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.