Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Wirtschaft Apotheker-Präsidentin hält Streik für falsch
Mehr Welt Wirtschaft Apotheker-Präsidentin hält Streik für falsch
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:04 03.09.2012
Von Jens Heitmann
Magdalene Linz steht seit zwölf Jahren an der Spitze der Apothekerkammer Niedersachsen.
Magdalene Linz steht seit zwölf Jahren an der Spitze der Apothekerkammer Niedersachsen. Quelle: Körner
Anzeige
Hannover

Magdalene Linz steht seit zwölf Jahren an der Spitze der Apothekerkammer Niedersachsen und gilt politisch als gut vernetzt. Die 58-Jährige hat nach ihrem Studium lange als angestellte Apothekerin gearbeitet, bevor sie im Jahr 2000 die Delfin-Apotheke in Hannover übernahm. Seit vier Jahren betreibt sie auch die Leibniz-Apotheke gegenüber der Oper. Linz ist auch auf der Bundesebene als Interessenvertreterin aktiv, von 2005 bis 2008 war sie Präsidentin der Bundesapothekerkammer.

Frau Linz, Ihre Kollegen in Süddeutschland drohen mit Streik – wann stehen die Kunden in Niedersachsen vor geschlossenen Apotheken?

Also ich kann den Aufruhr unter den Kollegen absolut nachvollziehen. Unsere Forderungen nach einem höheren Honorar sind zweifellos berechtigt. Einen Streik halte ich aber für das falsche Mittel. Zum einen ist das rechtlich nicht zulässig, zum anderen wäre es auch kontraproduktiv: Wir wollen die Menschen ja auf unser Problem aufmerksam machen – dazu muss man mit ihnen reden und darf sie nicht aussperren. Regionale Protestmaßnahmen ohne ein komplettes Schließen der Apotheken, wie sie in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Saarland vorgesehen sind, könnte es auch in Niedersachsen geben.

Die Bundesregierung will das Honorar der Apotheker um 25 Cent pro verkaufter Packung anheben, in der Summe sind das 190 Millionen Euro im Jahr. Die Apotheker fordern in etwa das Vierfache – halten Sie das für realistisch?

Ich halte es für notwendig und begründbar. Die Apotheker warten seit beinahe zehn Jahren vergeblich auf eine Erhöhung ihres Honorars. In dieser Zeit sind die Ausgaben für Krankenhäuser, Ärzte und Arzneimittel deutlich gestiegen – wie übrigens auch die Einnahmen der Krankenkassen. Wenn wir jetzt eine moderate Steigerung um etwas mehr als ein Prozent pro Jahr fordern, finde ich das angemessen angesichts deutlich gestiegener Kosten. Wir brauchen auch als kleine mittelständische Unternehmer verlässliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen und Planungssicherheit.

Die Krankenkassen werfen den Apothekern Larmoyanz vor. Ihr Argument: Die Zahl der verkauften Arzneipackungen liege heute um ein Drittel höher als vor zehn Jahren – damit stiegen auch die Einnahmen ...

... die Einnahmen schon, aber leider nicht die Erträge! Was bei diesen Rechenbeispielen immer unterschlagen wird, ist, dass auch die Kosten steigen – mehr Packungen bedeuten mehr Aufwand, mehr Personal, höhere Kosten. Unser Aufwand steigt parallel, wie die aktuellen Zahlen aus diesem Jahr zeigen: höherer Umsatz, niedrigerer Ertrag.

Mehr zu verkaufen lohnt sich nicht?

So kann man das bei gleichbleibenden Rahmenbedingungen sagen. Das ist letztlich auch der Grund, warum Apothekenketten nicht funktionieren: Unser Ertrag erhöht sich nicht automatisch mit dem Umsatz.

Die Klage ist der Gruß des Kaufmanns, heißt es. Ihre Standesvertreter warnen seit Jahren vor einem Apothekensterben. Die Zahl der Filialen liegt aber recht stabil über 21 000 bundesweit ...

Das ist nur eine Frage der Zeit. In Niedersachsen gibt es bereits weniger als 2050 Apotheken – so wenige hatten wir zuletzt 1992. Nach Abzug von Kosten und Vorsorgebeiträgen blieben einem Inhaber im vergangenen Jahr durchschnittlich 33 000 Euro reiner Verdienst, also 6000 Euro weniger als 2010. Allein in Hannover hatten wir in diesem Jahr schon sechs Schließungen und keine Neueröffnung.

Sind es vielleicht zu viele Apotheken? Der FDP-Gesundheitsexperte Lars Friedrich Lindemann sagt, es müsse nicht an jeder Straßenecke eine geben ...

Solche unqualifizierten Äußerungen kommentiere ich nicht. Die Apothekendichte in Ballungsräumen ist naturgemäß höher als in der Fläche. Nur: Wie wollen Sie das steuern? Im Unterschied zu anderen Staaten gibt es in Deutschland eine Niederlassungsfreiheit und Wettbewerb. Die Ärztevertretungen haben versucht,  überversorgte Gebiete für neue Kollegen zu sperren, um dadurch Ärzte auf das Land zu ziehen – das hat nicht wirklich funktioniert.

Was können Sie als Kammerpräsidentin tun, um die auch von Ihnen beklagten Versorgungslücken in ländlichen Regionen zu schließen?

Wenn wir ehrlich sind: konkret sehr wenig. Wir können die demografische Entwicklung nicht aufhalten und auch nicht die Landflucht. Umso wichtiger ist es deshalb, dass wir die noch vorhandenenen Apotheken in Regionen wie dem Harz oder dem Wendland unterstützen. Wir sind deshalb froh darüber, dass die niedersächsische Landesregierung beim Bund zum Beispiel auf eine bessere Vergütung für Not- und Nachtdienste dringt und durch Unterstützungsprogramme die Attraktivität für Landärzte erhöhen möchte. Ohne Ärzte auf Dauer auch keine Apotheke! Wir müssen die bisher hohe Qualität der Versorgung weiterhin sicherstellen. Wenn wir überzeugend sind, überzeugen wir auch unsere Kunden.

Wenn Testkäufer in die Apotheken kommen, wird die Qualität der Beratung häufig schlecht benotet ...

Es wird aber besser! Wir testen das ja auch selbst und über die Jahre hat die Qualität schon zugenommen. Aber sie ist immer noch nicht stabil genug, es gibt zu starke Schwankungen. Wir sind da dran.

Interview: Jens Heitmann