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Wirtschaft „Wir bauen ein Delticom 2.0“
Mehr Welt Wirtschaft „Wir bauen ein Delticom 2.0“
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19:27 20.03.2014
Von Lars Ruzic
Andreas Prüfer gab seinen Job bei Continental auf, um Delticom zu gründen.
Andreas Prüfer gab seinen Job bei Continental auf, um Delticom zu gründen. Quelle: Heiko Preller | foto + film
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Hannover

Delticom hat unlängst für 50 Millionen Euro den Konkurrenten Tirendo gekauft, der 2013 gut 15 Millionen Euro Verlust gemacht hat. Klingt nach keinem guten Deal, Herr Prüfer.

Tirendo ist ja noch eine junge Firma und hat unheimlich viel ins Marketing und die IT-Systeme investiert. Sie wird auch 2014 und 2015 noch nicht profitabel sein und in der Zeit bei uns pro Jahr gut 8 Millionen an Abschreibungen erforderlich machen. Aber Tirendo hat einen vernünftigen Plan für die Zukunft - und wenn die Mannschaft den einhält, dann wäre das eine extrem gute Leistung. Wir haben uns ja ganz bewusst dafür entschieden, mit diesem Zukauf in Wachstum zu investieren.

Andreas Prüfer

Andreas Prüfer gründete Delticom gemeinsam mit Rainer Binder 1999. Beide gaben ihre sicheren Jobs bei Continental auf, um sich mit der Idee, Reifen über das Internet zu versenden, selbstständig zu machen.

Es war nicht die Angst vor einer Firma, die mit Formel-1-Fahrer Sebastian Vettel als Werbefigur nach wenigen Monaten so bekannt war wie Sie nach 14 Jahren?

Die Frage ist doch: Wann kauft man zu? Ich habe mal gelernt, man sollte das eher tun, wenn der Gesamtmarkt schlecht läuft. Und das kann man vom europäischen Reifenmarkt nun wirklich behaupten. Deshalb haben wir im September zugeschlagen. Wer in Deutschland Reifen online kaufen will, wird an uns beiden künftig kaum vorbeikommen. Und dieser Markt dürfte sich bis 2020 nochmals verdoppeln.

Nun sitzt in Hannover Delticom mit 144 Mitarbeitern und in Berlin Tirendo mit 100 Beschäftigten. Warum leisten Sie sich zwei eigenständige Firmen? Gerade im Internethandel lassen sich Betriebe doch besonders leicht integrieren.

Weil wir hier zwei ganz unterschiedliche Heroes haben, mit unterschiedlichen Zielen, Kulturen und Vorgehensweisen. Die zusammenzulegen, wär jetzt grad richtig schlecht. Dann würden wir uns ja nur mit uns beschäftigen und nicht mit den Kunden. Aber: Alles, was wir zusammen machen können, machen wir selbstverständlich zusammen. Das gilt vor allem für Einkauf und Logistik. Schon einen Tag nach der Übernahme hat Delticom damit begonnen, Tirendo-Kunden mit Reifen aus dem Lager in Sehnde zu beliefern. Und natürlich kennen wir die Preise des anderen und sprechen uns beim Marketing ab. Unsere Marke Reifendirekt richtet sich an diejenigen, die ein bisschen reifenaffin sind. Tirendo dagegen setzt auf TV-Werbung mit Sebastian Vettel und soll so vor allem Erstkäufer anlocken.

Was macht die Firmen denn so unterschiedlich?

Tirendo ist bei Marketing, IT und Software Top of the Tops, dafür ist dort wenig Reifen-und Logistikkompetenz vorhanden. Das wiederum ist unsere Spezialität. Die Kulturen könnten unterschiedlicher nicht sein: Wir sind inzwischen eine etablierte Firma. Der Altersdurchschnitt liegt irgendwo bei Anfang 40, die Mitarbeiter haben längst Familien. In Berlin herrscht Start-up-Atmosphäre mit vielen Endzwanzigern. Die sehen nur auf den Kunden - und den Rest soll doch Delticom machen. Wir glauben, das passt sehr gut zusammen. Gemeinsam bauen wir ein Delticom 2.0 mit mehreren starken Marken.

Die European Media Holding als Tirendo-Gründer will daran offenbar nicht mehr mitbauen. Eine Option, ihre Anteile an Delticom von 4 auf 18 Prozent zu erhöhen, haben die Münchener verfallen lassen. Warum?

Wir wissen es auch nicht, an uns Altaktionären liegt es jedenfalls nicht. So bleiben die Gründer Andreas Prüfer und Rainer Binder erst einmal Mehrheitgesellschafter mit zusammen gut 54 Prozent der Anteile. Aber endgültig ist das Thema noch nicht vom Tisch.

Mitten in der wohl wichtigsten Phase für Ihr Unternehmen haben Ihr Kollege Binder und Sie Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitz getauscht. Wozu das Ganze?

Rainer Binder wollte sich gern aus dem Tagesgeschäft zurückziehen, und ich habe angeboten zu übernehmen. Daran ist nichts Spektakuläres. Rainer Binder begleitet das Unternehmen jetzt ja weiterhin als Aufsichtsratschef und Berater - so wie ich es zuvor getan habe.

Neue Bescheidenheit bei der Dividende

Die Übernahme des Konkurrenten Tirendo hat Delticom im vergangenen Jahr zu einem 11-prozentigen Erlöszuwachs verholfen. Erstmals kamen die Hannoveraner mit 506 Millionen Euro auf mehr als eine halbe Milliarde Euro Umsatz.

Gleichzeitig halbierte sich der Gewinn und landete bei 12 Millionen Euro. Das lag vor allem an den Verlusten, die das neue Tochterunternehmen bislang produziert sowie an Abschreibungen, die Delticom auf den Kaufpreis vornehmen musste. Zudem verlief das margenträchtige Winterreifengeschäft aufgrund der warmen Temperaturen schwach.

Der Tirendo-Zukauf sorgt auch für eine zurückhaltendere Dividendenpolitik in Hannover. Erstmals schüttet Delticom nicht den ganzen Gewinn an die Aktionäre aus, sondern nur die Hälfte. Mit dem Rest sollten Verbindlichkeiten abgebaut werden, hieß es. Für die Aktionäre bedeutet das: Sie müssen sich mit 50 Cent pro Aktie begnügen. Im Vorjahr waren es noch 1,90 Euro gewesen. Das kam an der Börse schlecht an: Die Delticom-Aktie fiel am Donnerstag um 2,7 Prozent.

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