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Welt Linke zwischen Netz und Realität
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21:52 04.09.2018
Sahra Wagenknecht hat zu einer linken Sammlungsbewegung aufgerufen Quelle: Britta Pedersen/dpa
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Berlin

Sahra Wagenknecht hat einen langen Anlauf genommen. Schon im Herbst 2017 verkündeten sie und ihr Mann Oskar Lafontaine, dass Deutschland jetzt eine linke Sammlungsbewegung brauche. Und dass sie sich darum kümmern würden. Zuvor war die AfD erstmals in den Bundestag eingezogen – und SPD, Grüne und Linke hatten ihre rein rechnerische Stimmenmehrheit im Parlament verloren. Ein Dach sollte nun entstehen, unter dem sich unabhängige Progressive und enttäuschte Linke von SPD und Grünen, aber auch aus der eigenen Partei, sammeln könnten.

Jetzt, ein knappes Jahr später, soll es losgehen. Im Netz und anderswo. Aber wird sich am Ende auch in der Realität etwas drehen?

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Eigentlich kommt „Aufstehen“ wie gerufen. In einer Zeit, in der rechtsextreme Hooligans Seite an Seite mit AfD-Führern am Chemnitzer Karl-Marx-Denkmal vorbeimarschieren und sich Bürger nur zögerlich dem gespenstischen Treiben widersetzen, könnten bewegte Menschen durch politische Einmischung von links her die Gesellschaft wieder ein Stück weit ins Lot bringen. Und aus den Fugen geraten ist ja einiges in den vergangenen Jahren.

Genug Masse mit „Druck von unten“

Dass in einem so reichen Land wie Deutschland immer mehr Bürgern trotz lebenslanger Arbeit Armut im Alter droht, ist ein Skandal. In vielen Schulen sieht es prekär aus, in der Pflege werden noch immer allzu viele Missstände in Kauf genommen. Länder und Kommunen haben sich aus dem sozialen Wohnungsbau verabschiedet, der Kostendruck auf Mieter ist so hoch wie nie.

Eine zentrale Frage aber bleibt: Kann es einer Bewegung wie „Aufstehen“ in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung gelingen, die Sehnsucht nach dem vergangenen Sozialstaat zu verbinden mit tragfähigen Ideen für die Zukunft? Mögliche Lösungen offener zu diskutieren, ohne parteipolitische Fesseln, ist gut. Nur: Wird bloße Schwarmintelligenz im Netz schon ausreichen, tragfähige neue Pläne zu entwerfen? Und was genau wird daraus in der Realität?

Wenn genug Masse da ist, glauben Wagenknecht und ihre Mitstreiter, könnten sich die Parteien dem „Druck von unten“ nicht so einfach entziehen. Das Dilemma der Sammlungsbewegung ist nur, dass diejenigen, die sie aus der Taufe heben, nicht für etwas völlig Neues stehen, sondern geprägt sind von Parteikarrieren und dazugehörenden Parteifrustrationen. Sie denken in Koalitionsmodellen und Verhinderungsstrategien. Glaubwürdigkeit würde „Aufstehen“ gewinnen, wenn sich bald andere Köpfe – schließlich gibt es viele respektable Unterstützer – in den Vordergrund schieben. Das Gute ist: Hier sind keine Extremisten am Werk, die die deutsche Gesellschaft auf den Kopf stellen wollen. Hier bemühen sich Menschen um den Boden unter den Füßen.

Von Thoralf Cleven

Der Artikel "Linke zwischen Netz und Realität" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

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