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Welt Petition gegen B-83-Sperrung gestartet
Mehr Welt Petition gegen B-83-Sperrung gestartet
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17:12 16.11.2018
Mit Unterschriftenlisten: Manfred und Brigitte Lipka, Marco und Cornelia Müller in Polle (v.l.).
Mit Unterschriftenlisten: Manfred und Brigitte Lipka, Marco und Cornelia Müller in Polle (v.l.). Quelle: Gabriele Schulte
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Polle

Eigentlich liegen nur fünf Autominuten zwischen Polle und Pegestorf. Seit dem 18. Mai 2018 sind es Welten. Die beiden Dörfer am westlichen Ufer der Weser, die sich hier durch den Kreis Holzminden schlängelt, sind eigentlich durch die Bundesstraße 83 verbunden. Weil ein brüchiger Steilhang Passanten gefährden könnte, versperren nun aber Absperrgitter den Weg. Die Leute südlich und nördlich nennen sich seitdem gegenseitig „die von der anderen Seite“ und klagen über einen mehr als lästigen Umweg „über den Berg mit den dreizehn Kurven“. Auch der gesamte Fernverkehr zwischen Hameln und Holzminden, einschließlich Lastwagen und Bussen, zieht sich in Serpentinen die Ottensteiner Hochebene hinauf und hinunter. Eine Gruppe von Anwohnern will das nicht noch Jahre mit ansehen und hat eine Petition zur schnellen Aufhebung der Vollsperrung ins Leben gerufen. Wenigstens eine halbseitige Öffnung mit Ampelschaltung wünscht sie sich – notfalls auf eigene Gefahr.

„Wasser steht mir bis zum Hals“

In der Tankstelle in Polle hat Angela Bürger einen Stapel mit rosa Listen zum Unterschreiben auf den Tresen gelegt. „Es ist ein Albtraum“, sagt sie. „Das Wasser steht mir bis zum Hals.“ Die 41-Jährige hat Anfang des Jahres, vor der Sperrung, die Tankstelle an der B 83 in Polle gepachtet. Seit Mai fehlen an den Zapfsäulen die Durchreisenden, die im Anschluss oft noch Kaffee, Brötchen oder Mettwurst aus der Region kauften. Sie trage die Verantwortung für sechs Mitarbeiter in Polle, erzählt die Chefin mit Tränen in den Augen. Wenn das Vertragsunternehmen ihr nicht die Pacht zeitweilig erlasse, müsse sie die Tankstelle schweren Herzens schließen.

„Irgendwann ist hier gar nichts mehr“, fürchtet Manfred Lipka. Der frühere Elektroingenieur und seine Frau Brigitte sind Mitinitiatoren der Petition und stolz auf beinah 2000 Unterschriften schon in der ersten Woche. Wenn die Tankstelle, vielleicht auch die Apotheke oder der Supermarkt dichtmachen würden, kämen sie nie mehr zurück nach Polle, das für einen 1100-Einwohner-Ort bisher eine gute Infrastruktur hat. „Die jahrelange Sperrung gefährdet Existenzen“, meint der 68-Jährige. Da die B 83 nun nicht mal, wie ursprünglich angekündigt, halbseitig geöffnet werde, wolle man den Behörden Druck machen. „Bis jetzt haben sie noch nicht mal damit angefangen, die Böschung zu sichern“, sagt Lipka. Polle und andere Dörfer im Kreis Holzminden seien von der Außenwelt abgeschnitten – zumal wegen Niedrigwassers auch die Fähre über die Weser seit dem Sommer stillsteht.

Petition gegen Vollsperrung der B 83

Auch Marco Müller und Cornelia Müller engagieren sich für die schnelle Aufhebung der Vollsperrung. Mit ihrem Unternehmen für Treppenbau sind sie gleich mehrfach betroffen: Die zusätzlichen 20 bis 30 Minuten Fahrzeit über die engen Kehren zum fast 300 Meter höher gelegenen Ottenstein halten Kunden ab und erschweren Lieferanten wie Mitarbeitern den Weg. Cornelia Müller erzählt von anstrengenden und auch gefährlichen Fahrten über die „dreizehn Kurven“ der Umleitung. „Die weitere Sperrung der B 83 über die Wintermonate gefährdet die Pendler und Schulkinder“, meint die 45-Jährige. Oben schneit es öfter als im Wesertal, und der Wind bedeckt dann bisweilen die Hälfte der ohnehin schmalen Straße mit Schnee. Dabei weichen Fahrer dort jetzt schon auf Grünstreifen und Bürgersteige aus, wenn sie einander begegnen.

Auch eine Bäckerei ist betroffen. Um die Filialen im Landkreis bedienen zu können, musste sie ein zusätzliches Lieferfahrzeug anschaffen und einen weiteren Fahrer einstellen. Keine Möglichkeit, ihren Betrieb aufrecht zu erhalten, sah dagegen Heidi Rathmann in Polles Nachbardorf Heinsen. Seit September hält sie ihr „Café Flair“ nur noch sonntags offen. Doch auch da bleiben die Stammgäste aus, die vorher sogar aus Hannover gekommen seien, um beim Ausflug an die Weser die Schoko- und Preiselbeertorte zu kosten. Statt durchschnittlich 55 Gästen am Tag seien zuletzt nur noch 15 im Café gewesen. „Hier steckt viel Herzblut drin“, sagt die 63-jährige Wirtin. „Aber es lohnt sich nicht mehr.“

Einschränkung auch in Pegestorf

Auf der anderen Seite der Straßensperre, in Pegestorf, sortiert Pauline Hitz in ihrem liebevoll gestalteten kleinen „Baumarkt für Frauen“ bunte Stoffballen mit Blumen- und Rankenmustern. Sie hat, wie sich nun zeigt, zu viel bestellt, als die Behörden Hoffnung machten, die Bundesstraße würde zum Jahresende einseitig provisorisch geöffnet. Anfang Dezember hat „Paulines Stoffladen“ fünfjähriges Jubiläum. Doch zum Feiern ist der 49-Jährigen nur bedingt zumute. Die Nachricht von der Sperrung habe die Leute in der Region „in Panik“ versetzt. Viele seien sofort zu ihr geeilt, um geschenkte Gutscheine einzulösen. Nähkurse und Ausstellungen im Laden, sagt die gelernte Näherin, lohnten sichunter den erschwerten Bedingungen nicht mehr. Den Laden schließen könne sie nicht, erzählt sie, sie habe noch Darlehen zu begleichen. Statt wie bisher an sechs Tagen die Woche öffne sie aber nur noch montags, mittwochs, donnerstags und an jedem zweiten Samstag: „Damit muss ich durchhalten. Ich will auch nicht aufgeben.“

Die Fahrt von ihrem Wohnort Polle, erzählt Hitz, koste sie über die Umleitung nicht nur je 25 Minuten, sondern auch Sprit, Bremsbeläge und Nerven. Ihre acht und elf Jahre alten Kinder kämen nicht mehr mit zum Laden: „In den dreizehn Kurven wird ihnen übel.“ Der quirligen Ladenbesitzerin graust vor dem Winter: „Auf den Berg kommt man bei Glätte nur mit Mühe hoch und rutscht dann wieder runter.“

Unterschriften für einseitige Öffnung der B 83

Auch Pauline Hitz sammelt Unterschriften dafür, dass sich die Straßenbehörde mit ihren Arbeiten sputen möge. Das Risiko bei einer provisorischen Öffnung halten sie und viele andere für nicht besonders groß. In den Alpen, ist immer wieder zu hören, lösten sich auch öfter Steinbrocken von Böschungen, ohne dass deshalb Täler von der Außenwelt abgeschnitten würden. Die Sprengung eines als besonders gefährlich geltenden Felsens im Wesertal könnte nach Ansicht der Petitions-Initiatoren eine Lösung sein. Ein darunter an der Straße liegendes, jetzt schon leerstehenden Gasthaus, könnte möglicherweise geopfert und die Besitzer entschädigt werden.

Ein paar Vorteile hat die Sperrung auch. An der Bundesstraße 83 ist es still geworden. Anstelle donnernder Lastwagen vermitteln die Rufe eines Hahns sogar einen Hauch von Idylle. Fußgänger in Polle können die Straße jetzt problemlos überqueren. In Pegestorf hat Biobäuerin Stella Bossow ein neues Geschäftsfeld entwickelt: Da ihre Kunden von der „anderen Seite“ nicht mehr zum Hofladen kommen mochten, bietet sie neuerdings einen Lieferdienst an. „Wir haben sogar Kunden dazugewonnen“, erzählt sie. Doch auch Stella Bossow und ihr Mann Achim bedauern, dass Samtgemeinde und Landkreis zerschnitten sind. Und die „dreizehn Kurven“ seien wirklich gefährlich, sagen sie übereinstimmend: „Es wundert einen, dass da noch kein Unfall passiert ist.“

Von Gabriele Schulte