Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Politik Wutausbrüche in der Grundsatzwerkstatt
Mehr Welt Politik Wutausbrüche in der Grundsatzwerkstatt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:45 26.09.2011
Christian Lindner bittet um Mitarbeit für das FDP-Programm. Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Und dann bricht es aus dem älteren Herrn mit der sorgfältig geknoteten blau-gelben Krawatte heraus. „Ich rede mich jetzt in Wut! Ich bin traurig über unsere Bundestagsfraktion und unsere Parteiführung. Wir haben uns von der Union alles wegnehmen lassen und kuschen doch nur noch vor Merkel“, schimpft der Mann aus dem Oldenburgischen und stampft trotzig mit seinem Fuß auf. Christian Lindner, FDP-General blickt derweil kühl in seine Papiere. Ausbrüche dieser Art hört er seit einiger Wochen. Der 32-Jährige tourt mit einer Veranstaltung namens „Grundsatzwerkstatt“ durch die Republik, um die FDP-Mitglieder nach Anregungen für das von ihm geplante neue Parteiprogramm zu fragen.

Am Montagabend war er in Hannover im Hotel Dormero, doch programmatische Grundsatzdebatten entflammen die etwa 70 Zuhörer nicht. Die Euro-Krise treibt die Basis um. Lindner versucht Frank Schäffler, den Anti-Euro-Rebellen aus der FDP, als unwissenden Außenseiter abzutun, der die „Kernschmelze der Finanzmärkte“ riskiere, wenn man Griechenland pleitegehen lasse. „Der hat kein Rezept!“, ruft Lindner selbstbewusst. „Das sollen die Mitglieder entscheiden“, ruft einer zurück und erhält viel Applaus, weil Schäffler per Mitgliedervotum die Parteiführung zur Umkehr zwingen will. „Irrsinn!“, schreit jemand anderes, als Lindner vom „Restrukturierungsregime“ in Athen spricht. „Die gehen sowieso pleite!“ donnert ein anderer. Erst als Lindner klar sagt, Griechenland erfahre eine Stabilisierung bei Gegenleistung, sonst gehe es in die Insolvenz, gibt es freundliches Kopfnicken im Saal.

Anzeige

Dabei hatte Lindner geschickt choreografiert. Spontane Fragen waren nicht zugelassen; in Kleinstgruppen mussten die Zuhörer schriftlich Fragen formulieren – Emotionsausbrüche ließen sich so wenigstens etwas minimieren. Gut an im Saal kamen Lindners angekündigte Kursänderungen. Die Finanzmärkte müssten mit der sozialen Marktwirtschaft reguliert werden, sagt er. „Auch ohne, dass es dafür Akzeptanz im Ausland gibt!“ Schließlich sei das Vertrauen der Bürger bei politischen Entscheidungen immer noch wichtiger als das Vertrauen der Märkte. Die Polung des Magneten Sozialstaat müsse geändert werden, sagt der FDP-General noch. „Er muss zur Selbstständigkeit abstoßen, nicht anziehen.“ Auch die Forderung nach flächendeckenden Ganztagsschulen und Kita-Erzieherinnen mit Uni-Examen finden Beifall im Saal. Listig schiebt Lindner an diesem Abend ein Stück der Verantwortung der FDP-Krise ins Publikum: „Wer die Schuld an unserem Kompetenzverlust nur auf das Regierungshandeln schiebt, der macht es sich zu leicht.“ Das Neujustieren des liberalen Kompasses durch die Basis soll „Chancen für morgen“ bringen, wie es an der blauen Wand im Saal steht.

Der Mitmach-Aufruf verfängt jedenfalls. Auf achteckigen Papierblättern schreiben die Zuhörer eifrig ihre Forderungen für das neue Parteiprogramm auf; später wird sie Lindner einsammeln lassen. „Wir nehmen das alles ernst“, verspricht Lindner. Ohnehin ist der große Buhmann an diesem Abend nicht anwesend: Guido Westerwelle. „Der hat doch nie verstanden, dass Wahlkampf und Regierungsarbeit was völlig anderes sind“, sagt einer – und in seiner Umgebung wird beifälliges Gemurmel laut.

Alexander Dahl