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Politik Wolf Biermann sorgt für Eklat im Bundestag
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09:39 08.11.2014
Foto: „Das Reden habe ich mir in der DDR nicht abgewöhnt und werde das hier schon gar nicht tun“: Wolf Biermann im Bundestag.
„Das Reden habe ich mir in der DDR nicht abgewöhnt und werde das hier schon gar nicht tun“: Wolf Biermann im Bundestag. Quelle: dpa
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Berlin

Eine solche „musikalische Umrahmung“ hatte der Bundestag noch nicht erlebt. Der Liedermacher und frühere SED-Regimekritiker Wolf Biermann nutzte die listige Einladung von Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) zur Gedenkstunde an den Fall der Mauer vor 25 Jahren für eine regelrechte Tirade gegen die SED-Nachfolgepartei. Die Linke sei „der elende Rest dessen, was zum Glück überwunden ist“, donnerte Biermann der verdutzten Fraktion entgegen. Die anderen Abgeordneten applaudierten kräftig.

Lammert hatte den 1976 aus der DDR ausgebürgerten und inzwischen 77-Jährigen Sänger für den musikalischen Teil der Feierstunde eingeladen. Für gewöhnlich übernehmen diesen Part Orchestermusiker. Biermann bedankte sich brav beim „Ironiker“ Lammert für die ungewöhnliche Einladung. Der habe ihn wohl in den Bundestag gelockt, um „der Linken ein paar Ohrfeigen“ zu verpassen. „Aber das kann ich doch nicht. Ich bin von Beruf Drachentöter“, sagte Biermann.
Lammert erinnerte den Sänger unter Verweis auf die Geschäftsordnung des Parlaments daran, dass nur gewählte Abgeordnete vor dem Bundestag reden dürften. „Jetzt sind sie hier, um zu singen.“ Die Zurechtweisung blieb allerdings folgenlos. „Das Reden habe ich mir in der DDR nicht abgewöhnt und werde das hier schon gar nicht tun“, entgegnete Biermann.

Und an die Linksfraktion gewandt, sagte der Sänger, er werde nicht „mit großer Gebärde die Reste der Drachenbrut tapfer niederschlagen, die sind geschlagen“. Es sei Strafe genug, dass sich die Linken-Abgeordneten ihn nun anhören müssten. Einige Linke entgegneten, dass sie frei gewählte Abgeordnete seien. Doch das verärgerte Biermann nur noch mehr. Wahlen seien „kein Gottesurteil“. Und die Linke „ist nicht links, nicht rechts, sondern reaktionär“. Nach dem Wortgefecht trug der Sänger dann doch sein Lied „Ermutigung“ vor. In dem Lied, dass DDR-Oppositionellen einst geholfen hatte, die dunkle Haftzeit durchzustehen, heißt es: „Lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit / Die allzu hart sind, brechen / Die allzu spitz sind, stechen / Und brechen ab sogleich.“ Das Lied erntete viel Beifall.

Nach Biermann erinnerten mehrere Abgeordnete in sehr persönlichen Worten an die Zeit vor 25 Jahren. An der Mauer seien Menschen gestorben und Träume zerschellt, erinnerte die Ost-Beauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke (SPD). Sie bekräftigte, in den vergangenen 25 Jahren sei bei der Überwindung der Teilung „viel erreicht“ worden. Mit Tränen in den Augen fragte Gleicke, wo das unbändige Gefühl des Glücks der Maueröffnung geblieben sei.

Linken-Fraktionschef Gregor Gysi ging auf Biermanns Attacke nicht ein. Die DDR sei eine Diktatur gewesen, in der es grobes staatliches Unrecht gegeben habe, sagte er. Der Fall der Mauer sei ein „ungeheurer Befreiungsakt“ gewesen. Er blieb dabei, die DDR nicht pauschal als Unrechtsstaat zu bezeichnen. Dagegen wandte die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt ein: „Natürlich war die DDR ein Unrechtsstaat.“     

Von Reinhard Zweigler

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