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Politik Wo der Krieg begann: Steinmeier besucht Wielun
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22:54 31.08.2019
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender steigen auf dem militärischen Teil des Flughafens Tegel in ein Flugzeug der Flugbereitschaft der Bundeswehr, um nach Polen zu fliegen. Quelle: Bernd von Jutrczenka/dpa

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat 80 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges in Polen um Vergebung gebeten. „Ich verneige mich vor den polnischen Opfern der deutschen Gewaltherrschaft“, erklärte er zum Jahrestag des deutschen Überfalls auf das östliche Nachbarland. Deutschland nehme die Verantwortung an, „die unsere Geschichte uns aufgibt“. „Wir wollen und wir werden uns erinnern“, sagte Steinmeier laut einem am Samstagabend veröffentlichten Manuskript.

Der deutsche Bundespräsident wird am frühen Sonntagmorgen im polnischen Wielun sprechen. Dort hatte die deutsche Luftwaffe etwa zeitgleich zu den ersten Gefechten auf der Halbinsel Westerplatte bei Danzig am frühen Morgen des 1. September 1939 mehrere Angriffe geflogen. Von den rund 15.000 Einwohnern kamen an diesem Tag mindestens 1.000 Frauen, Männer und Kinder ums Leben.

Während als historischer Gedenkort in den vergangenen Jahren vor allem die Westerplatte im Mittelpunkt stand, lenkten der polnische Präsident Andrzej Duda und sein deutscher Amtskollege Steinmeier in diesem Jahr den Blick auf die Stadt Wielun. „Wielun muss in unseren Köpfen und in unseren Herzen sein“, erklärte Steinmeier: „Wielun war ein Fanal, ein Terrorangriff der deutschen Luftwaffe und ein Vorzeichen für alles, was in den kommenden sechs Jahren folgen sollte.“ Schätzungen zufolge starben im Zweiten Weltkrieg zwischen 1939 und 1945 rund 60 Millionen Menschen.

Der Bundespräsident äußerte sich dankbar, dass Polen die Hand zur Versöhnung gereicht habe. „Deutschland wird immer dankbar dafür sein, dass es nach dem, was Deutsche den Menschen von Wielun und Millionen Menschen auf unserem Kontinent angetan haben, wieder aufgenommen wurde in den Kreis der Europäer“, erklärte er.

Nach der Gedenkfeier auf dem Marktplatz in Wielun, einer Kranzniederlegung sowie Treffen mit Zeitzeugen reisen Duda und Steinmeier am Sonntagvormittag weiter in die Hauptstadt Warschau, wo eine Gedenkfeier mit weiteren Staats- und Regierungschefs stattfindet. Aus den USA wird Vizepräsident Mike Pence erwartet. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) reist nach Warschau.

4.40 Uhr - eine Minute hat sich eingebrannt

1. September 1939. 4.40 Uhr. Dieses Datum, diese Uhrzeit haben sich in die Geschichte der polnischen Kleinstadt Wielun in der Woiwodschaft Lodz eingebrannt. Die Erinnerung daran begegnet einem überall im Stadtzentrum, auf Gedenktafeln, Gedenksteinen und im Museum: 4.40 Uhr. Wielun war der erste Ort in Polen, der zu Beginn des Zweiten Weltkrieges vor 80 Jahren angegriffen und zerstört wurde.

Nur wenige Minuten später eröffnete ein deutsches Kriegsschiff das Feuer auf die Danziger Westerplatte. Das war der Beginn eines barbarischen Krieges, der am Ende 60 Millionen Menschen das Leben kostete und Europa in Schutt und Asche legte. Als Gedenkort stand Wielun lange im Schatten größerer Städte. In diesem Jahr beginnen die Gedenkfeiern zum Jahrestag am Sonntag in Wielun und werden dann in Warschau fortgesetzt.

Der Bürgermeister von Wielun, Pawel Okrasa (parteilos), will die Erinnerung an die schrecklichen Verbrechen in seiner Stadt wachhalten und vor allem im historischen Bewusstsein stärker verankern als das bislang der Fall war, auch international. Dabei geht es ihm nicht um Minuten. Der 47-Jährige will deutlich machen, dass damals mit Wielun eine wehrlose Stadt ins Visier genommen wurde. „Hier brach der Zweite Weltkrieg aus, mit einem Angriff auf die Zivilbevölkerung. Es gab damals in der Stadt kein Militär. Das erste Ziel war ein Krankenhaus.“ Wo einst dieses Krankenhaus stand, erinnert heute ein Denkmal an die Zerstörung.

Wielun wurde beinahe komplett zerstört

Mehrere Angriffe flog die deutsche Luftwaffe am 1. September 1939 auf die schlafende Stadt. Von den rund 15.000 Einwohnern kamen an diesem Tag mindestens 1.000, schätzungsweise 1.200 Menschen ums Leben, wurden durch Bomben getötet, erschossen, erstickten unter den Trümmern. Die Stadt wurde fast komplett zerstört, darunter neben dem Krankenhaus auch eine Synagoge und die katholische Pfarrkirche, deren Grundmauern heute als Mahnmal im Zentrum von Wielun stehen, nur wenige Meter vom Rathaus entfernt.

Pawel Okrasa, Bürgermeister von Wielun. Quelle: Kay Nietfeld/dpa

Der Angriff traf die Bewohner unvorbereitet, erklärt der Direktor des Städtischen Museums, Jan Ksiazek. Zwar soll es zuvor Gerüchte über eine Übung gegeben haben, wirklich gerechnet hat man aber mit dem Angriff auf eine so kleine Stadt wie Wielun, ohne polnische Armee, ohne Verteidigung, nicht. Museumsdirektor Ksiazek steckt noch mitten in den Vorbereitungen für eine große Ausstellung in seinem Haus.

Das Museum beteiligt sich an den Gedenkveranstaltungen zum 80. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs, zu denen in diesem Jahr auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der polnische Staatspräsident Andrzej Duda in Wielun erwartet werden. Im Wieluner Museum ist dabei unter anderem eine Begegnung mit Zeitzeugen geplant, bevor die großen Gedenkfeiern in Warschau fortgesetzt werden.

Steinmeier bittet Polen um Vergebung

Steinmeier hat nun um Vergebung gebeten. „Ich verneige mich vor den polnischen Opfern der deutschen Gewaltherrschaft“, erklärte er zum Jahrestag des deutschen Überfalls auf das östliche Nachbarland. Deutschland nehme die Verantwortung an, „die unsere Geschichte uns aufgibt“. „Wir wollen und wir werden uns erinnern“, sagte Steinmeier laut einem am Samstagabend veröffentlichten Manuskript. Der deutsche Bundespräsident wird am frühen Sonntagmorgen im polnischen Wielun sprechen.

„Wielun war ein Fanal, ein Terrorangriff der deutschen Luftwaffe und ein Vorzeichen für alles, was in den kommenden sechs Jahren folgen sollte.“

Frank-Walter Steinmeier

Der Bundespräsident äußerte sich dankbar, dass Polen die Hand zur Versöhnung gereicht habe. „Deutschland wird immer dankbar dafür sein, dass es nach dem, was Deutsche den Menschen von Wielun und Millionen Menschen auf unserem Kontinent angetan haben, wieder aufgenommen wurde in den Kreis der Europäer“, erklärte er.

Bürgermeister Okrasa erwartet am Sonntag in Wielun rund 300 geladene Gäste. Neben einer Kranzniederlegung wird es auch einen ökumenischen Gottesdienst geben. Wielun präsentiert sich heute als Stadt des Friedens und der Versöhnung, die in die Zukunft blicken will. Mit einigen Unternehmensansiedlungen ist die heute rund 23.000 Einwohner zählende Stadt wirtschaftlich gut aufgestellt. Es gibt lebendige Städtepartnerschaften mit deutschen Orten, auf die man stolz ist. So ist Wielun mit Osterburg in Sachsen-Anhalt bereits seit Jahren eng verbunden und in regem Austausch miteinander.

Die Zeitzeugen Zofia Burchacinska und Jozef Stepien, der am Frühstück mit Steinmeier und Duda teilnehmen will, stehen für ein Foto in einer Ruine einer Kirche in der Kleinstadt Wielun. Quelle: Kay Nietfeld/dpa

Jedes Jahr in der Nacht zum 1. September beteiligen sich auch Osterburger an einem Staffellauf von Opole nach Wielun. Im damaligen Oppeln starteten vor 80 Jahren die deutschen Bomber in Richtung Wielun. Der Lauf soll auch in diesem Jahr stattfinden und um 4.40 Uhr auf dem Marktplatz in Wielun enden. Die Zahl der Läufer soll die Zahl der Flugzeuge symbolisieren, so das Stadtoberhaupt.

Bürgermeister Okrasa ist ein engagierter Mann und ein Freund großer Symbolik. Er hat auch konkrete Vorstellungen, wie das künftige Gedenken in Wielun gestaltet werden kann. Okrasa erläutert die Pläne zum Bau eines Glockenturms, in dem künftig eine Friedensglocke läuten soll. Der Glockenturm soll auf dem Gelände der einst im Krieg zerstörten Pfarrkirche wiedererrichtet werden. Noch laufen dazu Gespräche. Die Glocke sei bereits gegossen, sagt Okrasa und spricht von einem „starken Symbol“. Er zeigt auf die Grundmauern der einstigen Kirche. Aus den Ruinen ragt ein großes Kreuz heraus. Dort soll der Kirchturm wiederaufgebaut werden und die Friedensglocke läuten, jedes Jahr am 1. September, um 4.40 Uhr.

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RND/dpa

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