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Politik Wie lange kann sich Gaddafi noch verstecken?
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15:45 08.09.2011
Muammar al-Gaddafi liebte große Gesten und Titel. Als „Wüstenfuchs“ und „König aller afrikanischen Könige“ ließ sich er sich titulieren, nun karikiert man ihn als Ratte. Quelle: dpa
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Tripolis

Gerne ließ sich Muammar al-Gaddafi von seinen Anhängern als „Wüstenfuchs“ umschmeicheln. Der verschlagene und exzentrische Putschist soll Hitlers Nordafrika-General Erwin Rommel sehr verehren, dessen Name man mit dem Attribut „Wüstenfuchs“ bisher zuerst in Verbindung brachte. Karikaturen und Plakate im befreiten Tripolis zeigen Gaddafi nun mit Vorliebe als Wüstenratte. Das ist auch eine Revanche dafür, dass Gaddafi die Aufständischen gegen seine Tyrannei von Beginn an als „Ratten“ beschimpfte.

Der „König aller afrikanischen Könige“ - so stilisierte sich Gaddafi selbst - ist auf merkwürdige Weise immer noch gegenwärtig. Jeden Abend feiern tausende Menschen den Sieg der Revolution auf dem Grünen Platz in Tripolis, der jetzt Märtyrer-Platz heißt. Kleine Kinder laufen mit wuscheligen Gaddafi-Perücken herum, Sprechchöre skandieren: „Gaddafi, du sitzt in der Falle!“ Allein wo der Mann steckt, der fast 42 Jahre lang das Leben der Libyer bestimmt hat, bleibt ein Rätsel.

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Als nach dem 20. August seine Macht in Tripolis zusammenbrach wie ein Kartenhaus, soll sich Gaddafi in Richtung Süden abgesetzt haben. Er soll in Bani Walid gesichtet worden sein, eine Wüstenstadt 150 Kilometer von Tripolis entfernt, die derzeit von den Rebellen-Milizen belagert wird. Ein breiter Streifen des libyschen Staatsgebiets wird von den neuen Machthabern noch nicht kontrolliert. Er reicht von der Mittelmeerstadt Sirte, Gaddafis Geburtsort, über die Oase Dschufra und die Garnisonsstadt Sebha bis zur Grenze zu Niger und zum Tschad. Strategisch hat dieses dünn besiedelte Gebiet kaum Bedeutung. Flüchtigen bietet es aber viel Raum, um sich zu verstecken.

Dennoch ist absehbar, dass die Aufständischen diesen fast 1000 Kilometer langen Streifen früher oder später aufrollen. Deshalb gab es viel Aufsehen, als zu Wochenbeginn ein riesiger Konvoi von Gaddafi-Loyalisten mit schweren Geländewägen und Waffen die Grenze zu Niger überquerte. Angeführt wurde die Kolonne von Gaddafis Sicherheitschef Mansur Dau. Westliche Geheimdienste erblickten darin die Vorhut für eine mögliche Flucht Gaddafis ins Ausland.

Tatsächlich hatte zuletzt Burkina Faso, ein Nachbarland Nigers, den Gaddafis Asyl angeboten. Doch der Ex-Diktator, sein Sohn Seif al-Islam und Geheimdienstchef Abdullah Senussi werden vom Internationalen Strafgericht als mutmaßliche Kriegsverbrecher gesucht. Die bitterarmen westafrikanischen Länder sind in der Zwickmühle: Auf der einen Seite locken Gaddafis Milliarden, zumindest so lange dieser Zugriff darauf hat, auf der anderen Seiten macht der reiche Westen mächtig Druck gegen derartige Pläne.

Gaddafi selbst bestreitet, sein Land verlassen zu wollen. Die Spekulationen tat er zuletzt in einer Audio-Botschaft in der Nacht zum Donnerstag als „Teil der psychologischen Kriegsführung“ gegen ihn ab. Doch kann er sich dauerhaft in Libyen verstecken? Der Iraker Saddam Hussein verschanzte sich acht Monate lang in der Nähe seines Heimatortes Tikrit. Der 2003 durch den US-Einmarsch gestürzte Despot ließ sich einen langen Bart wachsen und vertraute auf einen kleinen Kreis von Leibwächtern seines Stammes.

Auch Gaddafi kann auf gewisse Stammes-Loyalitäten zählen. Doch im Gegensatz zu Saddam Hussein wird er nicht von einer verhassten Besatzungsmacht gejagt. Gaddafi ist im Visier ehemaliger Untertanen, die viel Wut und Groll gegen ihn hegen. Wahrscheinlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis es auf dem Märtyrer-Platz in Tripolis wieder einen Massenauflauf gibt - und die Libyer die Ergreifung ihres früheren Peinigers feiern.

dpa

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