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10:19 19.12.2009
Der größte Teil des Holzspielzeugs auf dem deutschen Markt stammt aus Yunhe.
Der größte Teil des Holzspielzeugs auf dem deutschen Markt stammt aus Yunhe. Quelle: Bartsch
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Liu Diandians Lieblingsspielzeug ist ein grüner Traktor aus Holz. „Den hat meine Mama für mich geklaut“, verrät die Siebenjährige stolz. Sie hockt zwischen zugeknoteten Plastiktüten und leeren Bierflaschen auf dem Boden und lässt den kleinen Trecker zwischen Stuhl- und Tischbeinen Slalom fahren.

Wenn ihr langweilig wird, inszeniert sie am Bettpfosten krachende Unfälle. Die tiefen Kerben verraten, dass Diandian oft Langeweile hat. Schließlich verbringt sie viele Stunden allein in dem engen Barackenzimmer. Der Traktor, ein abgewetzter Stoffigel und drei dünne Bilderbücher sind ihre einzigen Spielsachen – und das, obwohl ihre Eltern in einer Spielzeugfabrik arbeiten. Doch zu klauen haben sie nur einmal gewagt, zum Kaufen fehlt ihnen das Geld, und geschenkt bekommt in Yunhe sowieso niemand etwas.

Diandian und ihre Eltern, die vor drei Jahren aus der armen Provinz Anhui in die südchinesische Industriestadt gezogen sind, haben kaum eine Vorstellung davon, welche Reise das Spielzeug aus ihrer Fabrik vor sich hat – ebenso wenig wie man sich am anderen Ende der Welt groß Gedanken über seine Herkunft macht. Dabei stammen Hunderttausende Geschenke, die nächste Woche unter deutschen Weihnachtsbäumen liegen werden, aus Yunhe.

Allerdings laufen hier nicht die billigen Plastikpuppen oder Stofftiere vom Band, die „Made in China“ seinen zweifelhaften Ruf eingebracht haben. Yunhe fabriziert die Kinderzimmerausstattung der wirtschaftlich Privilegierten, ökologisch Aufgeklärten und pädagogisch Bewussten: Holzspielzeug.

Mindestens jedes zweite Bauklötzchen, Holzauto, Schachspiel stammt aus Yunhe, schätzt man in der Branche. „Unser Weltmarktanteil liegt sicher bei 50 Prozent“, sagt Gao Jun, stellvertretender Direktor von Yunhes Industriebehörde. „Es könnten aber auch zwei Drittel sein – so genau weiß das niemand.“ So gut wie alle internationalen Spielzeugmarken lassen in Yunhe von chinesischen Unternehmen produzieren, auch die aus Deutschland, wo mehr Holzspielsachen verkauft werden als in jedem anderen Land. In den Musterregalen der Hersteller finden sich Brettspiele von Ravensburger oder Stecksets von Coppenrath und Die Spiegelburg. Auch in Deutschland verkaufte Produkte von Sevi aus Italien oder Boikido aus Frankreich beziehen ihre Waren aus Yunhe, ebenso wie die Großkonzerne Ikea, Toys ”R“ us oder Wal-Mart.

Selbst die hölzernen Engelsfiguren, Weihnachtspyramiden und Krippenarrangements, die derzeit hunderttausendfach auf deutschen Weihnachtsmärkten verkauft werden, sind zum großen Teil in den heißen Sommermonaten in Yunhes Akkordschnitzereien gefertigt worden.

Verheimlichen lässt sich die chinesische Herkunft zwar nicht, aber oft wird sie verschleiert. „Bei in Deutschland gefertigten Waren drucken die Hersteller ganz groß ,Made in Germany‘ auf die Packung, aber bei ihren chinesischen Auftragsprodukten kann man das Ursprungsland kaum finden“, sagt He Bin, Geschäftsführer von Hexin, einem der größten Unternehmen der Stadt. „Einige Marken behandeln es geradezu als schmutziges Geheimnis, dass sie in China produzieren lassen.“

Dabei hätten die Qualitätsskandale um vergiftetes oder unsicheres Spielzeug aus China, die in den vergangenen Jahren die Branche erschütterten und das Vertrauen in große Namen wie Fisher Price oder Disney beschädigten, bisher nie Holzspielsachen betroffen. „Unsere Qualität steht der deutschen um nichts nach“, behauptet He, „und das zu einem Bruchteil des Preises.“

Obwohl Yunhe sich heute als „Heimatstadt des Holzspielzeugs“ bezeichnet, ist der Ort keineswegs eine traditionelle Handwerkshochburg, sondern verdankt seine Berufung einer planwirtschaftlichen Ad-hoc-Entscheidung.

Anfang der siebziger Jahre reiste der damalige Leiter der lokalen Wirtschaftsbehörde nach Schanghai und besuchte dort unter anderem eine Holzspielzeugfabrik. An die üppigen Wälder seiner Heimat denkend, kam er auf die Idee, den Standortfaktor Holz zum Kern seiner Industrialisierungspolitik zu machen. Schon zwei Jahre später produzierten in Yunhe zehn kommunale Betriebe Kinderspielzeug, Abakusse, die altmodischen Rechenhilfen, und Klappstühle, die von einer staatlichen Handelsfirma in 
Schanghai vertrieben wurden. Als China sich dann Anfang der achtziger Jahre dem Ausland öffnete, profitierte auch Yunhe davon. Heute sind von den 200.000 Einwohnern rund 150.000 in der Holzindustrie beschäftigt. Rund die Hälfte der Bevölkerung sind Wanderarbeiter aus anderen Provinzen.

„Bei uns sind über 700 Unternehmen in der Holzspielzeugindustrie aktiv“, sagt Gao. Dazu gehören neben den großen Fabriken auch Werkzeughersteller, Sägewerke und Holzhändler. Denn der Rohstoff wird heute größtenteils aus Russland importiert – die Berge der Region sind längst abgeholzt.

Doch selbst wenn Produkte aus Yunhe inzwischen die europäischen Normen erfüllen – die Herstellungsbedingungen tun es keineswegs. Die meisten Angestellten arbeiten zu Minimallöhnen, ohne Verträge oder soziale Absicherung. „Wir kommen vom Land und haben nichts gelernt, deswegen können wir auch nicht viel verdienen“, sagt Diandians Mutter Liu Xiaoying. „Aber im Dorf gibt es für uns keine Perspektive, und wenig Geld ist besser als gar keines.“ Zehn Stunden lang malt sie täglich mit einem spitzen Pinsel Pupillen in die Gesichter von Hampelmännern. Für jedes Auge erhält sie 1,7 chinesische Fen (0,17 Cent). An guten Tagen schafft sie bis zu 2500 Farbtupfer – macht etwas über vier Euro. Das reicht gerade, um Diandian zur Grundschule zu schicken. „Wir können ihr nicht bei den Hausaufgaben helfen, denn wir können ja selbst nicht lesen und schreiben“, sagt die Mutter. „Sie muss das alleine schaffen.“

Die Sicherheitsvorkehrungen in den Fabriken beschränken sich meist auf ein paar Schilder, die pro forma an der Wand hängen, aber im Alltag kaum beachtet werden. So sind etwa die Arbeiter der Firma Yifa, die sich auf die Herstellung von Schaukeltieren spezialisiert hat, Staub und Lackdämpfen völlig ungeschützt ausgesetzt. „Am Anfang hatte ich ständig Husten, aber man gewöhnt sich daran“, sagt ein 60-jähriger Mann, der mit einer einfachen elektrischen Schleifmaschine die runden Kufen glättet. Eine Zeit lang habe er mit einer einfachen Mullmaske zu arbeiten versucht, doch damit ließ sich kaum atmen. Professioneller Lungenschutz ist nicht nur ihm, sondern auch den Fabrikbesitzern zu teuer. Wenn er nach einer Elf-Stunden-Schicht staubbedeckt mit dem Elektro-Dreirad zu seiner Familie zurückfährt, hat er fünf Euro verdient. In der Hauptsaison von August bis Oktober kommt er mit Überstunden manchmal auf neun Euro.

Fabrikbesitzer He Bin kennt die Vorwürfe, die im Westen gegen derartige Produktionsbedingungen erhoben werden. „Wir wissen, dass die Situation bei uns alles andere als optimal ist“, gibt er unumwunden zu. Zwar schicken einige Markenunternehmen wie sein Großauftraggeber Trudi aus Italien regelmäßig Inspektoren, um die Produktionsqualität sowie bestimmte ethische Mindeststandards zu kontrollieren. Aber auch die prominentesten Kunden scheuen nicht davor zurück, ihre Zulieferer in einen gnadenlosen Preiskampf zu zwingen. „Die Hersteller unterbieten sich gegenseitig“, sagt He. „Wir sind das schwächste Glied in der Produktionskette.“ Durch die Finanzkrise, die auch in Yunhe zeitweise zu einem dramatischen Auftragseinbruch führte, sei die Lage noch schwieriger geworden. „Die Marken geben ihren Druck an uns weiter“, sagt He. „Wenn unsere Gewinnmargen sinken, steigen automatisch die Profite der Händler, denn am Preis für die Endkunden ändert sich ja nichts. Der deutsche Ladenpreis betrage in der Regel das Zehnfache der Herstellungskosten. Einige Marken schaffen es sogar, ihre Produkte für das Zwanzigfache zu verkaufen.

Entsprechend gering ist der Wohlstand, der in Yunhe zurückbleibt. Glaubt man den offiziellen Statistiken, erwirtschafteten die Fabriken im vergangenen Jahr zusammen 200 Millionen Euro. Das entspräche für alle Beschäftigten einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 1300 Euro. In Wirklichkeit verdient das Gros der Arbeiter allerdings weitaus weniger, während für die Besitzer der großen Fabriken durchaus Millioneneinkünfte übrig bleiben dürften.

Wie dünn die Schicht derer ist, die mit den Holzspielzeugen gutes Geld verdienen, lässt sich in Yunhes Stadtbild leicht erkennen. Nichts deutet äußerlich darauf hin, dass der Ort Knotenpunkt einer globalen Industrie ist. Während an anderen chinesischen Industriestädten längst amerikanische Fast-Food-Ketten und internationale Markenläden um die besten Standorte konkurrieren, gibt es modernen Lifestyle in Yunhe nur als billige Kopie: Burger isst man beim chinesischen Restaurant „Tigergeneral“, die besten Anzüge verkauft die Marke „Chairman“, und ein Teehaus hat sich den scheinbar fortschrittlichen Namen „Original Espresso“ gegeben.

Kein Wunder, dass keine andere chinesische Stadt sich bisher darum bemüht hat, Yunhe seinen Rang als Holzspielzeugmetropole streitig zu machen. Denn die Nische ist weitaus weniger lukrativ als etwa die der Plastikprodukte. Das Spielzeug der deutschen Besserverdiener stammt aus einer Arme-Leute-Industrie. Während in der technisierten Kunststoffbranche eine Vielzahl von Ingenieuren und geschulten Arbeitern benötigt wird, kommen in der Holzverarbeitung größtenteils ungelernte Tagelöhner zum Einsatz, und das benötigte handwerkliche Geschick lässt sich durch die Zerstückelung des Herstellungsprozesses auf ein Minimum reduzieren.

He Bin, dessen Vater vor mehr als 20 Jahren Yunhes erste Privatfabrik eröffnete, möchte Holzspielzeug nun auch in China bekannt machen – unter seiner eigenen Marke Benho. Denn bisher hat der chinesische Markt für Holzspielzeuge nur ein Volumen von vier Millionen Euro, obwohl die wohlhabenden Familien der städtischen Mittelschicht für die Förderung ihres – in der Regel einzigen – Kindes tief in die Tasche greifen. 18 eigene Läden hat er bereits aufgebaut. Als Werbung hat er einen Animationsfilm mit Holzspielzeugen produziert, der Kindern Umweltbewusstsein beibringen soll.

Kommendes Jahr soll daraus eine Fernsehserie werden. „Wenn Holzspielzeug in China ein ähnliches Image bekommt wie in Deutschland, dann sind unsere Probleme gelöst“, sagt He. Allerdings ist der Weg noch lang. „Leider sind die Konsumgewohnheiten noch völlig umgekehrt: Holz gilt in China als altmodisch und Plastik als modern.“ Bis sich das ändert, reist Yunhe in der Globalisierung weiterhin in der Holzklasse.

von Bernhard Bartsch