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Politik Weiblicher Wahlkampf: Mit Mut und Küchenöl
Mehr Welt Politik Weiblicher Wahlkampf: Mit Mut und Küchenöl
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22:49 17.08.2009
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Die Frauen-Demo war im Männerland Afghanistan ein Tabubruch. Geholfen haben die mutigen Proteste jedoch kaum. Präsident Hamid Karsai segnete das kontroverse Gesetz leicht geändert jüngst in aller Stille ab – vorbei am Parlament.

Offenbar will sich der 51-jährige damit Männerstimmen bei den Präsidentenwahlen am 20. August sichern. Das neue „Familienrecht“ gilt für Schiiten, die etwa 15 Prozent der 32 Millionen Afghanen ausmachen, und schreibt quasi eine Sexpflicht für Frauen fest: So darf ein Mann seine Ehefrau hungern und darben lassen, wenn sie seine sexuellen Gelüste nicht stillt. Das Sorgerecht für Kinder fällt automatisch dem Vater oder Großvater zu. Vergewaltiger können einer Strafe entgehen, wenn sie der Familie des Opfers ein „Blutgeld“ zahlen.

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Der Konflikt wirft ein Schlaglicht auf die Lage der Frauen, acht Jahre nach dem Sturz der Taliban. Es gibt durchaus Fortschritte. Afghanistans Verfassung garantiert den Frauen auf dem Papier nun gleiche Rechte. Vor allem die Frauen in den Städten werden mutiger und genießen mehr Freiheiten. Es gibt Ansätze einer Frauenbewegung. Die blauen Burkas sieht man seltener in den Straßen Kabuls, immer mehr Frauen zeigen Gesicht. Frauen studieren und gehen arbeiten. Von den 6,5 Millionen Schulkindern sind heute 38 Prozent Mädchen. 2002 waren es verschwindende drei Prozent. Frauen sind Juristinnen, Polizistinnen und Politikerinnen. 27 Prozent der Parlamentsabgeordneten sind Frauen – und 300 Frauen bewerben sich trotz massiver Anfeindungen und gewalttätiger Übergriffe wieder darum. Zwei Frauen kandidieren sogar fürs Präsidentenamt. Sie sind chancenlos. Aber sie kämpfen. Mit Mut – und Küchenöl.

Das spielt im Wahlkampf von Shala Ata eine wichtige Rolle. Während ihre Konkurrenten in schwer gesicherten Konvois unterwegs sind, veranstaltet Ata Kundgebungen im Garten hinter ihrem Haus. Dort verteilt sie Öl zum Kochen als Wahlwerbung. Ata ist, wie so viele städtische Frauen, wütend über Karsais Politik. Weil sich nichts geändert hat. „Die afghanische Frau war schon immer unterdrückt. Sie versteht sich nicht einmal als Frau“, beklagt Ata.

Sie zählt wie Karsai zu den Paschtunen, der größten Volksgruppe in Afghanistan. Und wie Karsai stammt sie aus Kandahar im Süden des Landes, der Geburtsstätte und Hochburg der Taliban. Sie begrüßt die ersten zaghaften Schritte der Regierung in Kabul, mit gemäßigten Taliban ins Gespräch zu kommen. In der Provinz Kunar, wo sich in der Vergangenheit mit die schlimmsten Kämpfe abspielten, hat Ata selbst vor einem Publikum von 1000 Leuten mit Taliban zusammengesessen: „Ich hatte bisher keine Probleme mit ihnen.“

Schwieriger gestaltet sich der Wahlkampf für Ata in Großstädten wie Kabul. Wachen hätten sie kürzlich an einem nur für Frauen zugänglichen Park in der Hauptstadt abgewiesen und eine Zutrittsgenehmigung des Frauenministeriums verlangt, ärgert sie sich. Genau dieses Ministerium sieht die 47-Jährige als Symbol für die vielen Versäumnisse Karsais. „Wir haben ein Frauenministerium, das Politik machen soll, aber bisher kaum etwas für die Frauen zustande gebracht hat.“
Vor allem für die Masse der Frauen auf dem Lande hat sich wenig verbessert. Die Männer sehen Ehefrau, Tochter oder Schwester vielfach als Eigentum an, über das man verfügen kann. Dieses Denken ist tief in Köpfen und Kultur verwurzelt. 60 Prozent aller Frauen werden bereits als Kinder zwangsverheiratet, oft sind sie nicht älter als neun Jahre alt. Viele erleben einen Albtraum hinter verschlossenen Türen, werden geschlagen und missbraucht. Manche sind derart verzweifelt, dass sie sich selbst in Flammen setzen, um dem Martyrium zu entkommen.

Zwar hofierten die Kandidaten nun die Wählerinnen mit schönen Worten. Und Frauengruppen haben eine Kampagne gestartet, um Frauen zu ermutigen, zur Wahl zu gehen. Immerhin stellen sie die Hälfte der 32 Millionen Einwohner des Landes. Aber wie wenig er die Frauen als Wahlfaktor ernst nimmt, zeigte Karsai nun mit dem umstrittenen Gesetz. Tatsächlich entscheidet meist das männliche Familienoberhaupt, wen die Familie wählt. Und 80 Prozent aller Afghaninnen können nicht einmal lesen und schreiben.

von Christine Möllhoff und Golnar Motevalli

Klaus von der Brelie 17.08.2009
Stefan Koch 17.08.2009