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Politik Von Promiselfies und Wohnungssuche: die Neuabgeordneten nach ihrer Einführungswoche
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17:54 01.10.2021
Menschen sitzen vor dem Reichs­tagsgebäude in der Abendsonne, nachdem die Wahllokale am 26. September 2021 bei der Bundes­tagswahl geschlossen haben.
Menschen sitzen vor dem Reichs­tagsgebäude in der Abendsonne, nachdem die Wahllokale am 26. September 2021 bei der Bundes­tagswahl geschlossen haben. Quelle: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbi
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Berlin

So groß! So unübersichtlich! So viele mysteriöse unterirdische Tunnel, gläserne Fahrstühle, und der Blick auf die glitzernde Spree! Die ersten Interviews, das erste Mal in der „Tagesschau“, das erste Mal in einem Sitzungssaal direkt neben Olaf Scholz!

Auf ihren Twitter- und Instagram-Kanälen ließen die neuen jungen Bundes­tags­abgeord­neten ihre Wählerinnen und Wähler in dieser Woche an ihren Entdeckungstouren durch ihren neuen Arbeitsort teilhaben.

So viel Aufbruch, so viel Selbst­­darstellung wie nach dieser Wahl war noch nie im Parlament.

Mit einem bunt markierten Terminkalender in den Händen stehen Kathrin Henneberger, Tessa Ganserer und Kassem Taher Saleh am Dienstag auf der Fraktionsebene des Bundestags.

Darin stehen die Termine ihrer Einführungswoche. Wie eine lächelnde Schulleiterin steht Grünen-Fraktions­chefin Katrin Göring-Eckardt neben den Infotischen mit den Mappen, Ausweisen und Karten und begrüßt alle Neuen.

Der neue Deutsche Bundes­tag wird größer denn je, aber auch jünger, weiblicher und diverser. Zu ihrer Fraktion gehören die beiden Jüngsten, Emilia Fester aus Hamburg und Niklas Wagener aus Aschaffenburg.

Tessa Ganserer

Die 1977 geborene Tessa Ganserer wuchs in Zwiesel in Bayern auf. Die gelernte Forstwirtin war von 2013 bis 2021 Mitglied der Grünen-Fraktion im bayrischen Landtag und dort als queer­politische Sprecherin tätig. Im Jahr 2019 outete sie sich als transident. Abgesichert auf Listenplatz 13 gelang ihr – und Kollegin Nyke Slawik – als erste trans­geschlechtliche Abgeordnete der Einzug.

Über den Flur, an den Kameras vorbei, kommt die erste schwarze Frau im Parlament, Awet Tesfaiesus aus Hessen. „Für die schwarze Community und ins­besondere schwarze Frauen ist das eine weitere Tür, die aufgeht“, sagt Tesfaiesus dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). „Ein weiterer Schritt, der vielleicht nicht vorstellbar war und nun doch Realität geworden ist.“ Gleichzeitig denke sie auch an die große Verantwortung, die damit einhergehe.

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Mit Tessa Ganserer und Nyke Slawik ziehen zum ersten Mal zwei trans­geschlechtliche Frauen in den Bundestag ein. „Mein persönlich starkes Ergebnis ist ein deutliches Zeichen für eine offene und tolerante Gesellschaft“, freut sich Ganserer. Kassem Taher Saleh ist neben der neuen Schweriner SPD-Abgeordneten Reem Alabali-Radovan der erste Ostdeutsche mit Flucht­biografie im Parlament.

Awet Tesfaiesus

Awet Tesfaiesus wurde 1974 im ostafrikanischen Land Eritrea geboren und lebt seit ihrer Kindheit in Deutschland. Sie hat als Rechtsanwältin in Kassel gearbeitet und ist seit 2009 Mitglied bei den Grünen.

In ihrer Fraktion im Kasseler Rathaus war sie Sprecherin für Integration und Gleichstellung. Nach dem rassistischen Anschlag in Hanau entschied sie sich für den Wechsel in die Bundespolitik und zog über Listenplatz neun ins Parlament ein.

Die Fraktionen kommen zu ihren ersten Sitzungen auf den blauen Stühlen des Plenums zusammen – hier können Corona-Abstände eingehalten werden. Kathrin Henneberger schreibt auf Twitter: „Sitze gerade das erste Mal im Plenarsaal des Bundestages. Fühlt sich sehr surreal an.“

Am Freitag war die frühere Sprecherin von Ende Gelände schon wieder bei einer Blockade im Rheinland dabei. Der Energiekonzern RWE ließ Bagger auffahren, Klimaaktivisten befürchten, dass noch dieses Jahr das bedrohte Dorf Lützerath abgerissen wird.

Viele der neuen Kolleginnen und Kollegen kennt Henneberger aus ihrer Zeit in der Grünen Jugend. Mehrere Parteien hatten Mitglieder ihrer Jugend­organisationen auf aussichts­reichen Listenplätzen abgesichert. So auch die SPD – 23 Prozent der neuen Sozial­demokraten im Parlament sind Jungsozia­listinnen und Jung­sozialisten, darunter die Juso-Vorsitzende Jessica Rosenthal. Auch die neue Abgeordnete Ye-One Rhie engagierte sich lange bei den Jusos.

Ye-One Rhie

Die Aachenerin Ye-One Rhie wurde 1987 geboren und hat koreanische Wurzeln. Seit 2005 Mitglied ist die Kommuni­kationswissen­schaftlerin Mitglied der SPD. Sie leitete den Arbeitskreis Migration und Integration der SPD Aachen. Über Platz 18 der NRW-Landesliste ist Rhie in den Bundestag eingezogen.

Der Bundestag wird weiblicher, wenn auch nur ein wenig: Der Frauen­anteil ist leicht gestiegen von 31 auf knapp 35 Prozent. So werden von den 735 Sitzen 480 von Männern besetzt und 255 von Frauen.

Das neue Parlament wird alles in allem aber vielfältiger. Den höchsten Anteil Abgeordneter mit Migrations­hintergrund haben die Linken mit 28,2 Prozent, wie aus einer Recherche des Medien­dienstes Integration hervorgeht. Die Unions­­fraktion bildet das Schlusslicht mit nur 4,1 Prozent.

Ottilie Klein (37) gehört zu diesen 4,1 Prozent und auch den wenigen Neuen in der um 49 Sitze geschrumpften Unionsfraktion. Im Wahlkampf in Berlin verwies sie auch auf ihren mehrsprachigen Hintergrund – sie ist Tochter von russ­landdeutschen Aussiedlern. Ihr Einzug sei für junge politik­interessierte Frauen „ein gutes Signal“, sagt Klein. Er zeige, dass es sich lohnt, in Parteien aktiv zu sein. Gute Signale aber gibt es in der Union nur wenige in diesen Tagen.

Ottilie Klein

Ottilie Klein ist die Tochter von Russ­land­deutschen, ihre Eltern reisten 1983 nach Westdeutschland aus. Ein Jahr später wurde Klein im Schwarzwald geboren. Seit vielen Jahren lebt sie nun in Berlin. Beruflich war Klein im Wissen­schafts­management und in der Politik tätig und engagiert sich seit einiger Zeit bei der CDU. Über den Listenplatz drei schaffte sie den Einzug in den Bundestag.

Was die Berufe der Abgeordneten angeht, ist das neue Parlament nicht sehr divers. 532 von 735 Abgeordneten kommen laut Bundes­wahlleiter aus dem Bereich „Unternehmens­organisation, Recht, Verwaltung“. 64 Abgeordnete aus „Sprache, Literatur, Gesellschaft, Wirtschaft, Medien, Kultur“. Aus dem sozialen Bereich kommen lediglich 59 Menschen. Neun Abgeordnete gelten als Schüler, Auszubildende oder Studierende.

Ria Schröder ist Juristin und gehört damit zur Mehrheit der Abgeord­neten. Die 29-jährige frühere Vorsitzende der Jungen Liberalen ist frisch für die FDP ins Parlament gewählt worden. „Ich habe viele neue Eindrücke bekommen und muss die erst mal realisieren“, sagt die Hamburgerin nach der Einführungs­woche.

Die Neuen bekommen nicht nur eine Bahncard 100, sondern haben auch das Recht, die schwarzen Limousinen des Bundes­tags­fahr­dienstes zu nutzen.

Erik von Malottki stieg am Mittwoch in eins dieser Fahrzeuge. Der Gewerk­schafts­sekretär und SPD-Neuabgeordnete aus Greifswald kam mit dem Fahrer ins Gespräch – und setzte danach eine Nachricht ab, die auf Twitter eine Million Mal angesehen wurde: „Erstes Schock­erlebnis als neuer Abgeordneter. Der Fahrdienst des BT hat keinen Tarifvertrag und arbeitet für niedrige Löhne, weil Bund outsourct.“

Der Kampf um einen Tarif­vertrag für die Parlaments­fahrer ist fast zehn Jahre alt, für den ungeduldigen Malottki aber war das kein Grund, zurück­zustecken. „Wir müssen den Bock jetzt umstoßen mit den neuen Mehrheiten“, fordert er. Ein erstes Erfolgs­erlebnis, möglichst schnell – der 35-Jährige hat seinen Wahl­kampf­elan noch behalten.

Für Matthias Moosdorf ist der Gewinn eines Direkt­mandats in Zwickau der Aufstieg vom Mitarbeiter zum Chef. Der Cellist aus Leipzig ist für die AfD neu eingezogen, zehn Wahlkreise holte die Rechtspartei in Sachsen direkt.

In der Fraktion gilt Moosdorf einigen als Querulant, nach dem er Ex-Fraktions­chef Alexander Gauland hart kritisierte. Moosdorf will die AfD professiona­lisieren. Das scheint nötig: Zwei Tage brauchte die Fraktion, bis sie einen neuen Vorstand gewählt hatte. Moosdorf hatte zwischen­durch kaum Zeit, seine Büro­schlüssel abzuholen.

Ganz alleine ist Stefan Seidler aus Flensburg in den Bundestag eingezogen. Der 42-Jährige vertritt den Süd­schleswig­schen Wähler­verband (SSW), die Partei der dänischen und friesischen Minderheit, die von der Fünfprozent­hürde ausgenommen ist. Erstmals nach 60 Jahren Pause ist der SSW wieder für die Bundes­tags­wahl angetreten. „Dem Norden eine starke Stimme in Berlin geben“, stand auf seine Wahl­plakaten. Nach mehr als 300 Interviews in der ersten Woche ist Seidlers Stimme allerdings erst einmal weg.

Seidler ist der einzige Neue, dem keine Fraktion durch die ersten Tage geholfen hat. Doch einsam fühlt er sich in Berlin nicht. „Ich bin richtig freundlich aufgenommen worden“, sagt er und lobt die Mitarbeiter der Bundes­tags­verwaltung, die ihm geholfen haben, sich im Parlament zurecht­zufinden.

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Zudem hat er die Handy­nummern der anderen schleswig-holstei­nischen Volks­vertreter: „Wir Abgeordnete aus dem Norden kennen uns gut und da hilft man sich gegenseitig. Denen kann ich auch mal eine SMS schreiben und fragen, wo ich hingehen muss oder ob wir mal einen Kaffee zusammen trinken wollen.“

So will er es auch politisch handhaben. „Ich werde mit vielen anderen Abgeordneten versuchen zu kooperieren und möchte mein Wissen und auch meine Erfahrung aus Dänemark in den Gesprächen und Diskussionen mit einbringen“ – zum Beispiel beim Thema Digitali­sierung, da sei der Norden weit voraus.

Ganz praktische Probleme hat am Ende der Einführungs­woche der Dresdner Bündnis­grüne Kassem Taher Saleh – er sucht noch eine Bleibe. Die ersten Tage in Berlin hat er auf der Couch eines Freundes übernachtet. Tipps für eine Wohnung in Berlin nimmt er gerne entgegen, sagt er.

RND

Von Jan Sternberg, Alisha Mendgen, Jorid Behn/RND

Der Artikel "Von Promiselfies und Wohnungssuche: die Neuabgeordneten nach ihrer Einführungswoche" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.