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Politik Verbände setzen auf freiwilliges soziales Jahr
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13:13 23.05.2010
Quelle: ap
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Ein halbes Jahr sei viel zu kurz, um die Zivis einzuarbeiten, argumentieren sie. Einige Verbände diskutieren bereits die Möglichkeit, sich ganz vom Zivildienst zu verabschieden.

„Für uns wären sechs Monate eine Katastrophe“, sagte Ulrich Witt vom Jugendwerk der Arbeiterwohlfahrt in Hannover. „Viele Zivildienststellen basieren auf einer Vertrauensbeziehung, die man erst einmal aufbauen muss.“ Ein halbes Jahr sei dafür definitiv zu wenig. „Die jungen Erwachsenen müssen erst einmal ihre Rolle finden und ihr eigenes Profil entwickeln.“ Witt setzt daher auf die Möglichkeit der Zivis, den Zeitraum freiwillig um drei bis sechs Monate zu verlängern.

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Der Caritasverband in Bremen überlegt bereits, ganz auf den Zivildienst zu verzichten und stattdessen stärker auf das freiwillige soziale Jahr zu setzen. „Gerade in der Altenhilfe ist ein hohes Maß an Vertrautheit zwischen Personal und Bewohnern nötig, damit die Menschen sich wohlfühlen“, sagte Vorstandsmitglied Volker Jonas.

Im Klinikum Oldenburg wird diese Lösung ebenfalls favorisiert. „Mit dem freiwilligen sozialen Jahr fahren wir besser“, sagte Geschäftsführer Rudolf Mintrop. Die immer weitere Verkürzung habe eine starke Planungsunsicherheit gebracht. Von den mehr als 30 Zivildienststellen sei schon jetzt nur die Hälfte besetzt, weil die meisten jungen Männer ihren Dienst im Sommer beginnen und ihn vor einigen Wochen bereits beendeten.

Es brauche bis zu sechs Wochen, um jemanden so einzuarbeiten, dass er auch interessante und anspruchsvolle Aufgaben übernehmen könne, erklärte Mintrop. Eine Zivildienststelle über sechs Monate sei deshalb wenig sinnvoll. „Das lohnt sich kaum noch.“

Uwe Söhl vom Diakonischen Werk Braunschweig spricht sich für eine stärkere Unterstützung der freiwilligen Dienste durch die Bundesregierung aus. Die wiederholte Verkürzung müssten zum Anlass genommen werden, freiwerdende Mittel in den Ausbau des Freiwilligen Sozialen Jahres zu investieren. „Als Diakonie sagen wir seit langem: In den Freiwilligendiensten liegt die Zukunft.“

Bei der Evangelischen Stiftung Neuerkerode will man dagegen versuchen, die 20 Zivildienststellen auch nach der Kürzung weiterhin zu besetzen. Sprecher Andreas Wyborny bedauerte, dass durch die Kürzung die Arbeitszeit vor Ort nochmals verringert werde. Dadurch sei es für Zivis schwieriger, ausreichenden Kontakt zu den Heimbewohnern aufzubauen. „Es wäre für die Menschen mit Behinderung oder die Bewohner unserer Pflegeheime ein Verlust wenn sie nicht mehr in solchem Maße wie bisher in Kontakt mit vielen jungen Menschen kommen könnten.“

Auch in Stade will die Lebenshilfe vorerst am Zivildienst festhalten - auch wenn die Lage nach Ansicht von Geschäftsführerin Gabriele Wartig schwierig wird, wenn die Einsatzzeiten kürzer werden. „Unsere Kinder mit Behinderungen müssen sich dann ständig auf neue Personen einstellen“, sagte sie.

Beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Osnabrück will man den Zivildienst ebenfalls nicht abschaffen. Der ewige Wechsel sei aber sehr unschön für die Menschen, die betreut werden, sagte Ute Zech, die Leiterin der Mobilen Dienste. „Kontinuität ist wichtig.“

Michael Moormann, Geschäftsführer des Städtischen Klinikums in Lüneburg fürchtet eine höhere Fluktuation, wenn die Zivildienstleistenden alle sechs Monate wechseln. „Damit haben wir nicht mehr so viel Zeit, sie für ihre Aufgaben zu qualifizieren“, sagte er. Dennoch wolle man an den 20 Plätzen für Zivildienstleistende weiterhin festhalten. Das Klinikum überlege zurzeit, welche Anreize es den jungen Leuten bieten könnte, um sie wenigstens bis zum Beginn des Studiums oder der Ausbildung zu halten.

Einige Sozialverbände wie die Caritas und die AWO in Lüneburg verzichteten schon in der Vergangenheit auf die Unterstützung von Zivildienstleistenden. Je kürzer die Zeit desto schwieriger sei es, die jungen Leute in der Arbeit mit Menschen einzusetzen, sagte ein Sprecher der Caritas. Auch der Diakonie-Verband setzt für seine Stelle lieber jemanden ein, der ein freiwilliges soziales Jahr absolviert. Die Kürzung führe aber vermutlich dazu, dass die Stelle ganz gestrichen werde, sagte Geschäftsführer Gabriel Siller.

dpa