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Politik Urteil im Chemnitz-Prozess: Neuneinhalb Jahre Haft für Alaa S.
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15:53 22.08.2019
Alaa S. kommt mit Justizbeamten in den Saal am voraussichtlich letzten Verhandlungstages, an dem auch das Urteil verkündet werden soll. Der syrische Angeklagte soll gemeinsam mit einem flüchtigen Iraker am 26. August 2018 am Rande eines Stadtfests in Chemnitz einen 35-Jährigen mit Messerstichen getötet und einen weiteren Mann schwer verletzt haben. Quelle: Matthias Rietschel/dpa-Zentralbi
Dresden/Chemnitz

Der 24-jährige Alaa S. ist mitschuldig am Tod von Daniel H. in Chemnitz vor einem Jahr. Zu diesem Schluss kam das Landgericht Chemnitz nach einem sechsmonatigen Prozess. Wegen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung verurteilte es den Angeklagten am Donnerstag zu neuneinhalb Jahren Haft. Die Staatsanwaltschaft hatte zehn Jahre Haft wegen gemeinschaftlichen Totschlags gefordert. Verteidigerin Ricarda Lang hatte auf Freispruch plädiert. Ein wichtiger Mann aber fehlte beim Prozess: Farhad A., der mutmaßliche Haupttäter. Er hat sich einige Tage nach der Tat abgesetzt, wird im Irak vermutet.

Kurz nach der Verurteilung ihres Mandanten wegen der tödlichen Messerattacke in Chemnitz vor knapp einem Jahr haben die Verteidiger Rechtsmittel eingelegt. Das erklärte Rechtsanwältin Ricarda Lang am Donnerstag nach der Urteilsverkündung.

Anwalt Frank Wilhelm Drücke bezeichnete das Urteil als „falsch“. Wegen der Revision der Verteidiger wird der Schuldspruch der Chemnitzer Richter nun zunächst nicht rechtskräftig. Bereits zu Prozessbeginn im März hatte Lang kein gutes Haar an der Anklageschrift gelassen: Sie erkannte „eklatante Ungereimtheiten“, die Ermittler hätten „an sorgfältiger Aufklärung gespart“. Gleich als erstes forderte Lang damals, dass das Verfahren wegen fehlenden Tatverdachts eingestellt werden soll. „Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft kamen zu keinem brauchbaren Ergebnis, was sich an der Anklageschrift deutlich ablesen lässt“, erklärt die erfahrene Strafverteidigerin.

Verteidigerin: "Es mangelt an handfesten Beweisen"

Ihr Fazit lautet: „Es mangelt an handfesten Beweisen. Für eine Verurteilung bedarf es der Substanz, die für uns aktuell nicht ersichtlich ist.“ Zudem betonte sie, dass ihr Mandant unschuldig sei. Als "sehr dünn" hatten auch erfahrene Ermittler die Beweislage bezeichnet. Von Alaa S. haben sich weder am mutmaßlichen Tatwerkzeug, einem Messer, noch an der Kleidung des getöteten Daniel H. DNA-Spuren finden lassen – solche Indizien fallen also für einen Schuldnachweis aus.

S. hat im Prozess geschwiegen. Diese Woche aber führte er ein Telefon-Interview aus der Justizvollzugsanstalt Waldheim mit der ZDF-Sendung "Frontal 21". Dort sitzt der 24-Jährige seit einem Jahr in Untersuchungshaft. Darin wies er jede Beteiligung von sich. In seinem "Letzten Wort" zum Abschluss der Hauptverhandlung hatte Alaa S. betont, er hoffe auf ein gerechtes Urteil des Gerichts. Seine Hoffnung sei auch, dass er nicht das zweite Opfer des Täters und für ihn stellvertretend verurteilt werde. Zudem bedauerte der Angeklagte, was der Familie des Opfers widerfahren sei.

"Kaum Hoffnung auf ein faires Urteil"

"Ich schwöre bei meiner Mutter, ich habe ihn nicht angefasst. Ich habe überhaupt nicht das Messer angefasst", sagte S. im Interview. Er sei aus einem Döner-Imbiss hinausgelaufen, weil er Rufe gehört habe. Alaa S. sagte im Gespräch mit Frontal 21, dass er nach einem Jahr Untersuchungshaft kaum noch an ein faires Urteil glaube. "Ich habe Angst vor jedem hier, ich habe Angst vor den Mitgefangenen, ich habe Angst vor den Beamten. Ich habe sogar Angst vor dem Gericht."

Nach dem Tod von Daniel H. wurde Chemnitz von Demonstrationen und rechtsextremen Übergriffen auf Polizei und Gegendemonstranten erschüttert. Ein Freispruch könnte zu einem neuen Aufflammen des Unmuts führen. Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) hatte zu Prozessbeginn gegenüber der "taz" gesagt: „Ich hoffe für die Familie des Opfers, dass es eine Verurteilung gibt, damit die Angehörigen Ruhe finden können.“ Bei einem Freispruch "würde es schwierig für Chemnitz. Aber so wäre der Rechtsstaat.“ Am Donnerstagabend wollte sich Ludwig zum Urteil äußern.

Nächtlicher Vor-Ort-Termin im Döner-Imbiss

Entscheidend für die Urteilsfindung war die Aussage des Zeugen Younis al N. Was hat der Koch in der Nacht zum 26. August 2018 sehen können, als er gegen 3.15 Uhr aus dem Straßenverkaufs-Fenster des Alanya 1 Döner in der Brückenstraße sah? Er hatte einen Streit gehört und Schreie, irgendetwas passierte da auf dem breiten Bürgersteig vor der Sparkasse, zwei Häuser weiter, im Chemnitzer Zentrum. In einem nächtlichen Vor-Ort-Termin hatte das Gericht sogar begutachtet, was al N. aus dem Fenster hätte sehen können. Interessant dabei: Einen Tatablauf - Schlag- oder Stichbewegungen - stellten die Statisten bei diesem Termin nicht nach - so unklar war der Tatablauf.

Der Zeuge al N. gab an, zwei Männer gesehen zu haben, die mit Stichbewegungen von vorn und hinten den 35-jährigen Daniel H. angriffen. Ein Messer habe er nicht erkennen können. Die beiden Männer aber identifizierte er auf Polizeifotos als Alaa S. und Farhad A. Vor Gericht blieben seine Aussagen vage. Auch Daniel H.s Freund Dmitri M. konnte wenig dazu beitragen, woran sich der Streit entzündet hatte

„Der Geschädigte H. verstarb unmittelbar nach der Tat an seinen schweren Stichverletzungen in den Brustbereich mit Eröffnung des Herzbeutels und der Lunge“, steht in den Gerichtsakten. So schreibt die Justiz über eine Gewalttat, die Chemnitz erschütterte. Und Chemnitz – die Märsche, die Angriffe, die Jagdszenen nach Daniel H.s Tod – erschütterte im Spätsommer 2018 die Republik.

Von Jan Sternberg/RND

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