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Politik Unrühmliches Ende einer Karriere
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08:00 09.06.2010
Starkolumnistin Helen Thomas Quelle: Pool
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Ihre Fragen waren unbequem und kamen oftmals zu einem unerwarteten Zeitpunkt. Im Pressekorps des Weißen Hauses wurde Helen Thomas hoch geschätzt. Doch in dieser Woche erlebt Washington das unrühmliche Ende dieser bemerkenswerten Karriere.

Bei einer Feier im Weißen Haus war die 89-jährige Starkolumnistin vergangene Woche von Kollegen auf die jüngsten Entwicklungen in Israel angesprochen worden. Vor laufender Kamera sagte die Journalistin: „Die Juden sollen aus Palästina verschwinden. Sie sollen nach Polen, Deutschland, in die USA oder wohin auch immer zurückkehren.“ Es dauerte ein paar Tage, bis ihre Hasstiraden an die Öffentlichkeit gelangten. Doch seit Anfang der Woche tobt in Washington ein Sturm der Entrüstung: „Sie tritt für religiöse Säuberungen ein“, sagt Ari Fleischer, einst Sprecher des früheren Präsidenten George W. Bush, und verlangt von der Hearst-Mediengruppe die Kündigung der langjährigen Kolumnistin.

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Fleischer und Helen Thomas kennen sich zur Genüge. Zu seiner aktiven Zeit musste sich Fleischer regelmäßig von der Doyenne des Korrespondentenkorps fragen lassen, warum die USA im Irak Krieg führen. Der Präsidentenberater ließ sie damals von der ersten Reihe auf einen hinteren Platz verbannen und rief sie in den Fragerunden nicht mehr auf. Die hartnäckige Thomas revanchierte sich, indem sie Bush in ihren Kommentaren scharf angriff und als „dumm“ bezeichnete.

Nun ist für den Bush-Vertrauten Fleischer offenbar die Gelegenheit gekommen, seine langjährige Widersacherin direkt anzugreifen. Doch die Kritik an der alten Dame stammt nicht nur aus den Reihen ihrer früheren politischen Gegner. Sowohl ihre Kollegen als auch das Weiße Haus distanzieren sich unmissverständlich von Thomas. Kurz vor ihrem 90. Geburtstag hinterlässt sie einen Scherbenhaufen. Am Montag ging sie in den Ruhestand.

Viele ihrer langjährigen Leser sind geschockt. Helen Thomas, Tochter libanesischer Einwanderer, galt ihnen als unabhängige und kritische Stimme in Washington. Ihre Kolumnen und mehr als 20 Bücher sind landesweit bekannt. Seit der Amtszeit von John F. Kennedy versuchte sie hinter die Kulissen des Weißen Hauses zu schauen. Ein Journalistenpreis trägt ihren Namen, demnächst sollte ihre Büste in einer Universität aufgestellt werden. Von Bill Clinton ist der Satz überliefert: „Präsidenten kommen und gehen, aber Helen bleibt.“

Sie trat ihren Korrespondentenjob in Washington 1961 an – im Geburtsjahr des heutigen Präsidenten. Zu ihrem 89. Geburtstag überraschte Barack Obama sie im August vergangenen Jahres noch mit einer Geburtstagstorte. Zusammen mit ihren weitaus jüngeren Kollegen stimmte der Präsident ihr zu Ehren „Happy Birthday“ an. Doch mit Lobeshymnen auf die Rekordjournalistin dürfte es erst einmal vorbei sein: „Es gibt nichts, das die Aussagen von Helen Thomas rechtfertigen kann“, teilte der Verband der Korrespondenten im Weißen Haus mit.

Thomas entschuldigte sich am Montag. „Die Aussagen spiegeln nicht meine von Herzen kommende Überzeugung, dass es nur dann Frieden im Nahen Osten geben wird, wenn alle Seiten die Notwendigkeit gegenseitigen Respekts und gegenseitiger Toleranz anerkennen.“

Jüdischen Organisationen in den USA ging diese Erklärung nicht weit genug.

Stefan Koch