Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Politik „Übergangsphase“ auf der Insel? Wie Boris Johnson die Krise in Großbritannien erklärt
Mehr Welt Politik „Übergangsphase“ auf der Insel? Wie Boris Johnson die Krise in Großbritannien erklärt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:00 06.10.2021
dpatopbilder - 05.10.2021, Großbritannien, Manchester: Boris Johnson, Premierminister von Großbritannien, bereitet seine Grundsatzrede in seinem Hotelzimmer vor, bevor er am Mittwoch, den 06.10.21, auf dem Parteitag der Konservativen Partei spricht. Foto: Stefan Rousseau/PA Wire/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
dpatopbilder - 05.10.2021, Großbritannien, Manchester: Boris Johnson, Premierminister von Großbritannien, bereitet seine Grundsatzrede in seinem Hotelzimmer vor, bevor er am Mittwoch, den 06.10.21, auf dem Parteitag der Konservativen Partei spricht. Foto: Stefan Rousseau/PA Wire/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Quelle: Stefan Rousseau/PA Wire/dpa
Anzeige
Manchester

Fehlende Fachkräfte, schwindelerregend hohe Energiepreise und eine wachsende Inflationsgefahr: Großbritannien steht womöglich ein harter Winter bevor. Doch auf dem Parteitag der britischen Konservativen in Manchester in dieser Woche konnte man den Eindruck gewinnen, es gäbe all diese Probleme nicht.

Die Tory-Partei präsentiert sich nach Jahren des Brexit-Gezerres ungewohnt harmonisch. Der Austritt aus der EU spielt abgesehen von dem mit großer Bitterkeit geführten Streit mit Brüssel über den Status Nordirlands keine Rolle mehr.

Mehr zum Thema

Briten treffen Taliban-Führung: Diplomaten sprechen von „Test“

Höhere Strafen, mehr Befugnisse für die Polizei – Großbritannien will härter gegen Aktivisten vorgehen

Geleakte Steuerdaten: Britischer Ex-Premier Tony Blair sparte 312.000 Pfund beim Immobilienkauf

Jacob Rees-Mogg erzählt Anekdoten von Vize-Admiral Nelson

Die Parteimitglieder, so der Eindruck, wollen sich möglichst gut unterhalten lassen. Eine der am besten besuchten Veranstaltungen ist ein Gespräch mit dem Abgeordneten Jacob Rees-Mogg, der unter anderem Anekdoten über den Seekriegshelden des 19. Jahrhunderts, Vize-Admiral Nelson, zum Besten gibt.

Nicht so harmonisch wirkt es, wenn man das Konferenzgelände verlässt und auf die Straße hinaustritt. Dort stehen wütende Schweinebauern und Schlachter, die sich von Boris Johnsons Brexit-Politik ans Messer geliefert fühlen. Sie schwingen Plakate mit Sprüchen wie: „Schau her, Boris! Du tötest unsere Branche!“

Corona und der Brexit – dieser Mix habe seinen Betrieb an den Rande des Ruins gebracht, klagt Adam Cheale, der in der Grafschaft Essex einen Schlachtbetrieb leitet. Während der Pandemie seien seine ausländischen Angestellten nach Hause gegangen, um nicht ohne Arbeit in Großbritannien steckenzubleiben, sagt er.

Johnson reißt Witze in Interviews

Nun kämen sie wegen der seit dem Brexit verschärften Einwanderungsregeln nicht mehr zurück. Die Folge dürfte sein, dass schon bald Zehntausende Schweine gekeult und verbrannt werden müssen. Die Einreise-Regeln für Fachkräfte aus dem Ausland müssten gelockert werden, so Cheale, doch Johnson höre einfach nicht zu.

Johnsons Antwort darauf gehört auch eher in die Kategorie Unterhaltung als Politik. Getötet werden, das sei, was eben üblicherweise mit Schweinen in diesem Land passiere, witzelt er in den zahlreichen TV- und Radiointerviews während der Konferenz. Einem Radiomoderator, der ihn auf das Problem anspricht, antwortet er beharrlich mit der Gegenfrage: „Haben Sie schon mal ein Bacon-Sandwich gegessen?“

Das Problem mit dem Fachkräftemangel steckt auch hinter der Kraftstoffkrise, die Großbritannien seit eineinhalb Wochen im Griff hat. An den Anblick kilometerlanger Schlangen vor den Tankstellen hat man sich beinahe gewöhnt, in die sich die Briten geradezu stoisch einreihen. Dem Land fehlen schätzungsweise 100.000 Lastwagenfahrer. Doch das Angebot der Regierung in London, befristete Visa für einige Monate Arbeit in Großbritannien auszustellen, haben bislang gerade einmal rund 130 Fernfahrern angenommen, wie der Premier eingestehen muss.

Johnson: Großbritannien befindet sich in „Übergangsphase“

Doch glaubt man ihm, dann haben die Engpässe, die auch zu teilweise leeren Supermarktregalen führen, wenig mit dem Brexit und viel mit der Pandemie zu tun, von der sich die Weltwirtschaft nun mit einem großen Nachfrageschub erhole. Das Land befinde sich in einer Übergangsphase hin zu höheren Löhnen und höherer Produktivität, schwärmt Johnson. „Unkontrollierte Einwanderung“ wie zu Zeiten der EU-Mitgliedschaft werde es nicht mehr geben, macht er deutlich.

David Henig, ein Handelsexperte von der Denkfabrik UK Trade Policy Project, kann sich das Lachen über die Johnson-Logik nicht verkneifen. Er hält die Argumente des Premiers für „reine Rhetorik“ und ad hoc ausgedacht. Die Chancen, dass aus der Krise tatsächlich besser bezahlte Arbeitsplätze entstehen könnten, seien „sehr gering“, sagt er.

Mehr zum Thema

Polizei- und Benzinkrise überschatten Parteitag von Johnsons Torys

Kraftstoffkrise: In Großbritannien lebende Deutsche sollen Lkw fahren

Insel in Not: Wenn dem Alltag der Treibstoff fehlt

Trotzdem scheine Johnson damit durchzukommen. „Er hat einfach den "magic touch"“, so Henig weiter – damit meint er die magisch wirkende Fähigkeit Johnsons, Menschen von seinen Argumenten zu überzeugen. Es müsse nur gut klingen, ob es auch stimme, sei schon in wenigen Monaten nicht mehr von Bedeutung, wenn die Schlagzeilen wieder von anderen Themen bestimmt werden, sagt Henig.

Sind die Torys „ein Team“?

Suzie Morley, eine Bezirksratsvorsitzende aus der ostenglischen Grafschaft Suffolk, die sich beim Parteitag für mehr Kompetenzen auf lokaler Ebene einsetzt, hält Johnsons Argumentation hingegen für plausibel. Das, obwohl sie sich als Brexit-Gegnerin einst über den Politiker und seine Halbwahrheiten sehr geärgert hat. „Ich hab die Slogans einfach nicht geglaubt“, sagt sie.

Gefragt, warum Johnson inzwischen vertrauenswürdiger geworden sein sollte, kommt Morley ein wenig ins Grübeln. „Weil wir ein Team sind“, sagt sie schließlich. Hinter Johnson und seinem Kabinett stehe eine ganze Riege kompetenter Abgeordneter, Mitarbeiter in Ministerien und Lokalpolitiker, die mit ihrer Expertise zur Verfügung stünden.

Mehr zum Thema

Britain first: Wie konservativ wird Großbritannien?

Straftäter als Retter in der Kraftstoffkrise? Britischer Vize-Premier mit ungewöhnlicher Idee

Für die Einreise nach Großbritannien brauchen EU-Bürger künftig einen Reisepass

Ob sie Vertrauen hat, dass man ihnen auch Gehör schenken wird? Da lacht sie, kreuzt die Finger und sagt: „Hoffen wir‘s.“

RND/dpa

Der Artikel "„Übergangsphase“ auf der Insel? Wie Boris Johnson die Krise in Großbritannien erklärt" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.