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Politik China und die USA: Zum Krieg verdammt?
Mehr Welt Politik China und die USA: Zum Krieg verdammt?
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13:48 08.08.2022
Es fröstelt immer mehr zwischen China und den USA.
Es fröstelt immer mehr zwischen China und den USA. Quelle: imago images/Xinhua/ZUMA Wire/dpa/RND Montage Behrens
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Die Spannungen zwischen den USA und China um Taiwan spitzen sich immer bedrohlicher zu. Auf den Besuch der US-Spitzenpolitikerin Nancy Pelosi in Taipeh, der erneut die Rolle der USA als Schutzmacht Taiwans dokumentierte, reagiert Peking mit dem größten Militärmanöver seit Jahrzehnten und Sanktionen gegen die 82-Jährige.

Im Rahmen der Übung probt China die Umzingelung der Inselrepublik, ganz so wie es die chinesische Militärstrategie des „Area Denial“ vorsieht: das Gebiet abriegeln, um die USA auszusperren und dann ungestört gegen Taiwan losschlagen zu können. In Modellszenarien haben die beiden Atommächte den Krieg schon mehrfach durchgespielt. Das US-Pentagon simulierte bereits im Oktober 2020 einen virtuellen Konflikt mit China um Taiwan – in dem die Amerikaner unterlagen.

Droht nun in Fernost der nächste bewaffnete Konflikt? Wenn schon im Kontext der Ukraine der Teufel eines Weltkrieges an die Wand gemalt wurde, dann muss das hier umso mehr gelten. Denn Taiwan ist nicht die Ukraine. Die Ukraine ist kein Nato-Mitglied, eine Beistandsverpflichtung der USA gibt es nicht, und so konnte US-Präsident Joe Biden im März sagen: „Wir werden in der Ukraine keinen Krieg mit Russland führen. Eine direkte Konfrontation zwischen der NATO und Russland wäre der Dritte Weltkrieg“.

Bei Taiwan ist das anders. Im vergangenen Jahr hatte Biden in ungewöhnlicher Klarheit versichert, dass er Taiwan im Falle einer chinesischen Invasion militärisch zu Hilfe eilen würde. „Wir haben eine Verpflichtung, das zu tun,“ sagte er damals in einem Interview mit dem Fernsehsender CNN. Eigentlich verfolgen die USA mit Blick auf Taiwan seit Jahrzehnten eine Politik der „strategischen Zweideutigkeit“, die sich alle Optionen offenhält. Bidens Aussage klang dagegen wie eine Festlegung.

Ein fatales Muster

All das erinnert an ein fatales Muster, das der griechische Historiker Thukydides schon vor mehr als zweitausend Jahren beschrieben hat. Unter dem Schlagwort „Thukydides-Falle“ kursiert es seit Längerem unter Entscheidungsträgern auf beiden Seiten des Pazifiks. Joe Biden kennt es, und auch Chinas Präsident Xi Jinping kennt es.

Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Graham Allison, der die Thukydides-Falle einem breiteren Publikum bekannt machte, hat alle drei jüngsten US-Regierungen dazu beraten. Und Xi Jinping hat das Thema mehrfach mit Amtskollegen aus aller Welt diskutiert.

Auch die Militärstrategen im Fernen Osten interessieren sich schon länger für den alten Griechen. „Angesichts der Thukydides-Falle muss das Militär seine Kapazitäten schneller erhöhen,“ riet im vergangenen Jahr General Xu Qiliang. Als Vizevorsitzender der von Xi Jinping angeführten Zentralen Militärkommission ist Xu der wohl mächtigste General Chinas.

Thukydides und die „wahre“ Kriegsursache

Thukydides war ein athenischer Politiker und Feldherr, der im 5. Jahrhundert vor Christi lebte. Zu seinen Lebzeiten brach ein Krieg aus, der die gesamte griechische Zivilisation erfasste, nach damaligen Maßstäben ein Weltkrieg. Thukydides hat ihn von Anfang an mit scharfem Blick dokumentiert, und seine Beobachtungen gleichen dem, was sich derzeit zwischen China und den USA abspielt.

Der Krieg folgte aus dem Machtkampf zwischen Sparta, der stärksten Landmacht auf dem Peloponnes, und Athen, der dominierenden See- und Handelsmacht in der Ägäis. Zum Kriegsausbruch kam es im Jahr 431 vor Christi. Anlass war der Streit um Kerkyra (heute Korfu) – eine kleine, aber geopolitisch wichtige Insel am Zugang zur Adria.

So eine Insel ist auch Taiwan. Sie ist ein Baustein in der Geostrategie Washingtons, die schon seit Barack Obama erklärtermaßen in der „Eindämmung Chinas“ besteht. Eine Kette mit den USA verbündeter Staaten rund um die chinesische Küste soll den asiatischen Riesen im Zaum halten – Taiwan ist ein Glied dieser Kette, ebenso wie Japan und Südkorea. Nur: Für China ist der Anspruch auf Taiwan seit über siebzig Jahren Teil der nationalen Identität. Kaum zu erwarten, dass Peking hier auch nur einen Fingerbreit zurückweicht.

Aber derartige Streitigkeiten – ob Taiwan oder Kerkyra – sind für Thukydides nur vordergründiges Kleinklein und verschleiern die eigentliche Kriegsursache: „Den letzten und wahren Grund, von dem man freilich am wenigsten sprach, sehe ich im Machtzuwachs der Athener, der den Spartanern Furcht einflößte und sie zum Krieg zwang.“

Man kann das auch allgemeiner in Form einer historischen Faustregel ausdrücken: Wenn eine aufstrebende Großmacht eine bestehende herausfordert – so wie China jetzt die USA –, ist Krieg die wahrscheinlichste Folge. Und genau das ist mit der „Thukydides-Falle“ gemeint.

Was lehrt die Geschichte?

Tatsächlich hat sich die Analyse von Thukydides über die Jahrhunderte immer wieder bestätigt. Der Harvard-Politologe Graham Allison hat 16 Fallstudien aus den letzten 500 Jahren ausgewertet, in denen eine neue Großmacht auf eine alte traf. Und die Statistik verheißt nichts Gutes: Von den 16 untersuchten Fällen wurden nur vier friedlich gelöst, in allen anderen kam es zum Krieg. An der historischen Erfahrung bemessen ist ein Krieg zwischen den USA und China also eher wahrscheinlich als unwahrscheinlich.

Einer der von Allison betrachteten Fälle ist der Erste Weltkrieg, jene „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“. Auch dessen Ursachen folgten dem bekannten Muster: Deutschlands Aufstieg zur industriellen Großmacht brachte die damalige internationale Ordnung aus dem Gleichgewicht. Der Wunsch des Kaisers nach Kolonien und einer starken Marine kratzte an der britischen Vorherrschaft auf den Weltmeeren. Großbritannien fürchtete Deutschlands Machtzuwachs, Deutschland wiederum fürchtete den Expansionsdrang Russlands und den Revanchismus Frankreichs. Niemand wollte wirklich den Krieg, aber alle glaubten, er komme unweigerlich. Und dann ist es besser, ihn heute zu führen als morgen, wenn der Feind noch stärker geworden ist.

Wie bei den Spartanern in der Analyse von Thukydides war der treibende Faktor nicht das Gefühl von Stärke und Überlegenheit, nicht das Berauschen an den eigenen militärischen Möglichkeiten, sondern: Angst.

Sind wir die Spartaner von heute?

Die Parallelen zur gegenwärtigen weltpolitischen Lage drängen sich auf. Chinas Aufstieg zur Großmacht vollzieht sich mit einer nie dagewesenen Geschwindigkeit, und in Europa und den USA wird das zunehmend als Bedrohung wahrgenommen. Sind wir im Westen die Spartaner von heute?

Chinas Wirtschaft wächst, trotz verlangsamter Raten, immer noch deutlich schneller als die der westlichen Industrieländer. Bis zum Ende des Jahrzehnts wird China die USA als weltgrößte Volkswirtschaft überholt haben. Washington reagiert mit einem Handelskrieg – laut und polternd unter Trump, leiser, aber nicht weniger entschlossen unter Biden.

Auch militärisch rüstet die Volksrepublik auf. Wie vor hundert Jahren das deutsche Kaiserreich drängt sie aufs Meer, will eine starke Marine und fordert damit die Seemacht USA, die Erbin des britischen Empires, heraus. Peking will Handelsrouten kontrollieren, verfügt inzwischen über zwei Flugzeugträger und hat 2017 seine erste auswärtige Militärbasis in Dschibuti eröffnet. Als seeseitige Flanke der „Neuen Seidenstraße“ soll eine „Perlenkette“ weiterer Marinestützpunkte die Ölquellen des Nahen Ostens mit der chinesischen Küste verbinden.

Die Angst im Westen kann man riechen. Selbst in so nüchternen Formulierungen wie in der Abschlusserklärung der Nato nach ihrem Gipfeltreffen im Juni vergangenen Jahres: Chinas „erklärte Ambitionen“ und sein „selbstbewusstes Verhalten“ seien eine „systemische Herausforderung für die regelbasierte internationale Ordnung und für Bereiche, die für die Sicherheit der Allianz relevant sind“. Explizit genannt werden Chinas militärische Modernisierung und der Ausbau seines Nuklearwaffenarsenals.

Peking verwehrte sich umgehend. Die Nato solle aufhören, eine angebliche „Bedrohung“ aufzubauschen. „China wird niemanden vor eine ‚systemische Herausforderung‘ stellen, aber wir werden nicht dasitzen und nichts tun, wenn ‚systemische Herausforderungen‘ näher zu uns kommen“, hieß es in einer Erklärung der chinesischen Vertretung bei der EU.

Kriegsanlässe gibt es genug

In diesem Klima der Angst können selbst kleine Vorfälle eine Eigendynamik entwickeln, die zur großen Eskalation führt. Wie zur Zeit von Thukydides der Streit um die Insel Kerkyra. Oder wie 1914 das Attentat auf einen österreichischen Erzherzog. Sollte die Taiwan-Krise tatsächlich zu einer militärischen Auseinandersetzung zwischen Peking und Washington führen, wäre das weit mehr als ein kleiner Vorfall.

Aber auch sonst fehlt es nicht an potenziellen Kriegsanlässen. Nicht nur um Taiwan, sondern im gesamten Südchinesischen Meer, das Peking als seinen „Hinterhof“ betrachtet, geraten chinesische und amerikanische Kriegsschiffe immer wieder gefährlich aneinander. Ähnlich brisant ist der Streit zwischen China und Japan um die Senkaku-Inseln. Auch den Japanern hat Biden Verteidigung zugesagt, notfalls mit Atomwaffen.

Dann ist da noch Nordkorea. Sollte die dortige Hungerdiktatur eines Tages kollabieren, stünde die Wiedervereinigung mit Südkorea zur Debatte. Damit aber würde die amerikanische Einflusssphäre direkt an die chinesische Grenze heranrücken. Um das zu verhindern, hat Peking schon 1950 im Korea-Krieg fast eine halbe Million Soldaten gegen US-Truppen ins Feld geschickt.

Es gibt also mehr als genug Zutaten für den perfekten Sturm.

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Von Christoph Kühne/RND

Der Artikel "China und die USA: Zum Krieg verdammt?" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.