Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Politik Tony Blair muss vor den Untersuchungsausschuss
Mehr Welt Politik Tony Blair muss vor den Untersuchungsausschuss
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:44 28.01.2010
Tony Blair im Jahr 2006 während eines Truppenbesuchs im Irak. Quelle: dpa
Anzeige

Wie tief kann man fallen? So tief wie Luzifer, der mal ein Engel war? Tony Blair wurde ja ursprünglich auch wie eine Lichtgestalt gefeiert. Er war der Erlöser der Labour Party aus dem Dunkel 18-jähriger politischer Ohnmacht. Er war der junge Premierminister, der mit seinem Charme Gegner entwaffnete und mit seinen Ideen alle Welt beeindruckte. Dreifacher Wahlsieger, Top-Redner, kluger Stratege, ein geborener Gewinner. Der britische Regierungschef mit dem längsten Honeymoon aller Zeiten. Einer, dem sie vertrauten, von dem sie sich verstanden fühlten.

Und nun? Nun versteht Blair die Welt nicht mehr. Die ihn hochleben ließen, könnten ihn kaum leidenschaftlicher hassen. Den Hoffnungsträger sehen sie als Zerstörer aller Träume. Von seinem heutigen Auftritt beim Irak-Ausschuss, der die Hintergründe der amerikanisch-britischen Irak-Invasion ausleuchten soll, sprechen Kritiker Blairs erbittert als vom Auftritt eines „Kriegsverbrechers“. Demonstranten wollen ihre Hände rot färben, um vergossenes Blut in Erinnerung zu rufen. Angehörige im Irak getöteter Soldaten drohen mit Schmährufen oder Schlimmerem im Verhandlungssaal.

Anzeige

Dies sei kein Tribunal, hat der Ausschussvorsitzende Sir John Chilcot schon mehrfach betont. Niemand sei angeklagt, niemand stehe vor Gericht. Aber die Volksseele, die sich vor Liebe zu Blair einst kaum zu lassen wusste, wäre einem Schauprozess gegen ihn gar nicht abgeneigt. Tony Blair, heißt es, habe Bevölkerung, Parlament und Kabinett getäuscht. Er habe entgegen seiner öffentlichen Beteuerungen George W.Bush schon früh bedingungslose Gefolgschaft gelobt, und zusammen mit dem US-Präsidenten einen illegalen Krieg vom Zaun gebrochen, der den Nahen Osten noch tiefer in die Krise stürzte und Hunderttausende irakischer Zivilisten das Leben kostete.

Im Vorfeld der Anhörung Blairs, Anfang dieser Woche, haben bereits die vormals leitenden Rechtsexperten des Foreign Office übereinstimmend bekräftigt, sie hätten die Regierung vor einer Aktion gewarnt, die sie für „ungesetzlich“ hielten, aber niemand habe ihnen Gehör schenken wollen. Ein Echo dieser Warnung ist ja inzwischen auch aus Holland herüber geweht, wo eine Regierungskommission den Irak-Einsatz zum illegalen Krieg erklärte.

In Großbritannien hat der prominente Bürgerrechtler und Rechtsprofessor Philippe Sands die Vermutung ausgesprochen, dass Blair vor Auslandsreisen nun wohl seine Anwälte konsultiere, um kein „Pinochet-Erlebnis“ befürchten zu müssen. Der einstige chilenische Diktator war während einer Reise in Großbritannien unter Hausarrest gestellt worden. Ein Kolumnist des Londoner „Guardian“, George Monbiot, hat nun eine Website „www.arrestblair.org“ ins Leben gerufen, die eine Belohnung für die Festnahme des früheren Premiers verspricht.

Blairs Biograph und früherer Bewunderer Anthony Seldon, der Blair einmal als „politischen Koloss“ einstufte, wirft ihm mittlerweile „Perversität“ vor. Tony Blair werde all seine Errungenschaften eigenhändig zerstören, wenn er weiter stur seine Irak-Aktion verteidige und sich weigere, Realitäten zur Kenntnis zu nehmen und Selbstkritik zu üben. Seine Wandlung „vom Populisten zum Überzeugungstäter“ sei dem Mann letztlich zum Verhängnis geworden.

Das ist auch das Urteil derer, die Tony Blair im Chilcot-Ausschuss gern zur Rechenschaft gezogen sähen. Vor allem eine Bemerkung Blairs gegenüber dem Sender BBC hat einen neuen Sturm der Empörung ausgelöst. Blair sagte nämlich, er hätte es für rechtens gehalten, Saddam Hussein auch dann „zu entfernen“, wenn er gewusst hätte, dass es keine Massenvernichtungswaffen im Irak gab. Bis dahin war die Bedrohung durch Saddams vermeintliche Waffen als einziger Grund für die britische Teilnahme an der Invasion gehandelt worden. Mit Bedarf an Regimewechsel argumentierten nicht einmal die Amerikaner.

Indes liegt Tony Blairs stetig wachsende Unbeliebtheit nicht nur in seiner Miturheberschaft des Irak-Kriegs begründet. Seit der Labour-Politiker von seiner Partei im Sommer 2007 aus dem Amt gedrängt worden ist, hat er sich eine neue, höchst einträgliche Karriere geschaffen, die vielen seiner Landsleute äußerst unangenehm auffällt.

In kürzester Zeit hat er seinen Namen, aber offenbar auch sein Ehrenamt als Emissär des „Nahostquartetts“ dazu benutzt, sich selbst in ein lukratives Unternehmen zu verwandeln und in die Liga der Großverdiener vorzustoßen. Inzwischen soll er bereits 7,5 Millionen Pfund im Jahr verdienen. Allein sein Beratervertrag für die Investmentbank JPMorgan Chase trägt ihm angeblich zwei Millionen im Jahr ein, eine ähnliche Rolle bei Zurich Financial Services noch einmal eine halbe Million dazu.

Mindestens ebenso viel wie am Bankengeschäft verdient er als persönlicher Ratgeber für Regierungen und für den privaten Sektor, unterm Firmenschild „Tony Blair Associates“ (TBA). Unter anderem berät er die Herrscher von Kuwait und einen staatlichen Investmentfonds in Abu Dhabi. Er stellt Kontakte zwischen Privatkunden und Regierungen her und soll ein gut bezahltes Angebot der Supermarktkette Tesco erhalten haben, die sich im Nahen Osten ausdehnen will.

Auch eine Reihe karitativer Stiftungen – religiöser, sozialer und sportlicher Art – betreibt Blair. Mehreren afrikanischen Regierungen sucht er bessere Investitionschancen zu verschaffen. Aus diesen Unternehmungen fließt ihm kein Einkommen, wohl aber die Möglichkeit zusätzlicher Geschäftsbeziehungen zu. Nicht ganz so bescheiden zeigt er sich bei seinen Rednerauftritten rund um die Welt. Für die Minute kann er bis zu 6000 Pfund verlangen.

Die US-Elite-Universität Yale beschäftigt ihn als Dozenten für Fragen des Glaubens und der Globalisierung. Für seine Memoiren, die nach den für Mai erwarteten britischen Parlamentswahlen erscheinen sollen, sind ihm bereits 4,6 Millionen Pfund zugeflossen. Dazu kommen üppige Rentenzahlungen und diverse Immobilienspekulationen. Zur Zeit verfügen die Blairs über fünf Häuser und zwei Wohnungen.

Ein wahres Empire – „Blair Inc.“ – habe der erst 56-jährige frühere Premier aus dem Boden gestampft, staunte jüngst die Zeitung „Financial Times“. Freilich sei auch Kritik daran laut geworden, dass „Blair Inc.“ vielfach das Tageslicht scheue, und dass „eine unangenehme Verquickung von offiziellen Pflichten, Spendenbeschaffung und wachsenden kommerziellen Interessen“ bei diesem Unternehmen bestehe.

Noch weniger zurückhaltend beurteilen britische Politiker die Methoden ihres einstigen Kollegen, der neuerdings als „sozialpolitischer Unternehmer“ firmiert. Dass Blair just vorige Woche vier Vorträge zum Preis von „mehreren hunderttausend“ Pfund mit einem Hedge-Fonds abgesprochen hat, dessen Gründer zugleich mit Riesensummen die Konservative Partei unterstützt, hat bereits für böses Blut im Labour-Lager gesorgt – zumal verlautet, Blair wolle im bevorstehenden Wahlkampf noch einmal für seine alte Partei die Trommel rühren.

Ob sie noch einen für sich werben lassen will, den etliche Briten mittlerweile als Kriegsgewinnler – wenn nicht sogar als Verbrecher – betrachten, das muss die Regierungspartei erst noch entscheiden. Der Finanzsprecher der Liberalen, Lord Oakeshott, kann jedenfalls kaum glauben, dass Blair sich nun sogar von „Tory-Spendern“ und „Hedge-Fonds-Profiteuren“ bezahlen lässt: „Der Mann kennt ja wirklich überhaupt keine Scham.“

das/sus