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Politik Thailand liefert „Händler des Todes“ an die USA aus
Mehr Welt Politik Thailand liefert „Händler des Todes“ an die USA aus
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14:59 17.11.2010
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Der Russe Viktor Bout hat Waffen in aller Herren Länder geliefert, nun wurde er an die USA ausgeliefert. Quelle: ap
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Als Thailands Premierminister Abhisit Vejjajiva am Dienstagmittag die lange erwartete Kabinettsentscheidung bekannt gab, waren die Vorbereitungen für die Auslieferung von Viktor Bout längst getroffen. Auf dem Militärflughafen Don Muang im Norden der Hauptstadt Bangkok stand ein 20-sitziges Flugzeug der US-Drogenfahndungsbehörde DEA bereit. Scharfschützen hatten auf umliegenden Dächern Stellung bezogen. Als Alla Bout, die Ehefrau des russischen „Händler des Todes“ zum Gefängnis eilte, saß ihr Mann längst in einem schwer bewachten Konvoi auf dem Weg zum Flughafen. Um 13.37 Ortszeit hob die Maschine mit Viktor Bout an Bord ab.

In den USA soll dem 43-jährigen Waffenhändler, der einst seine Fäden in fast allen Konfliktgebieten der Dritten Welt zog, der Prozess wegen des Todes von zwei nordamerikanischen DEA-Agenten in Kolumbien gemacht werden. Bout, so die Anklage, habe der marxistischen Guerillabewegung FARC die Waffen besorgt, mit denen die Beamten ermordet wurden. Der Vorwurf riecht nach einer Konstruktion. Tatsächlich verstieg die US-Drogenfahndungsbehörde DEA sich erst zu der Anklage, nachdem alle anderen Versuche gescheitert waren, dem findigen Waffenhändler das Handwerk zu legen.

Bout war im März 2008 im noblen Sofitel-Hotel an der Silom-Straße im Geschäftszentrum von Bangkok gefasst worden – verraten von einem gewissen Andrew Smulian. 20 Jahre lang hatte der als rechte Hand von Bout gedient, während der Russe beide Seiten des Bürgerkriegs in Angola mit Ausrüstung versorgte, dem liberianischen Diktator Robert Taylor Waffen lieferte und nach dem Tsunami von 2004 Hilfslieferungen für humanitäre Organisationen übernahm. Smulian wurde kurz nach Bouts Verhaftung in die USA geflogen. Die dortigen Behörden haben inzwischen alle Anklagen gegen ihn fallen gelassen, weil er offenbar als Kronzeuge auszusagen bereit ist.

„Bout kann sich überlegen, ob er in ein oder zwei Jahrzehnten seine Familie noch einmal wiedersehen will und einen Deal mit uns macht“, erläuterte ein US-Vertreter Ende August die Zukunftsaussichten des Waffenhändlers, „oder er wird den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen.“ Bislang gab der ehemalige Luftwaffenoffizier, der dank seiner Ehefrau und seiner Tätigkeit über beste Kontakte in Russlands Geheimdienstszene verfügt, keine Anzeichen für seine Bereitschaft, über sein Wissen zu plaudern.

Vielleicht wird der Mann, nach dessen Vorbild 2005 der Hollywood-Thriller „Lord of War“ mit Nicolas Cage in der Hauptrolle entstand, weiter schweigen – in der Hoffnung, dass Moskau und Washington sich irgendwann auf einen Austausch einigen können. Russlands Außenministerium reagierte gestern pikiert auf Thailands Entscheidung, Bout an die USA zu übergeben. „Weder sein Anwalt, noch seine Frau, noch wir sind offiziell informiert worden“, hieß es in einer Stellungnahme, „wir werden uns aber weiter für ihn einsetzen.“ Die US-Regierung wies die Kritik umgehend zurück: Der Vorgang sei vollkommen vereinbar mit internationalem Recht und mit bilateralen Abkommen zwischen den USA und Thailand.

Experten rätseln, warum Russland sich während der vorigen Monate immer stärker für Bout engagiert hatte, und vermuten, dass der 43-Jährige erhebliches Insiderwissen über Russlands Geheimdienste besitzt. Moskau verurteilte das US-Auslieferungsgesuch als politisch motiviert und versuchte mit allen Mitteln, Bout in die Heimat zurückzuholen. Russland bot Thailand etwa Lieferungen von Öl und Kampfjets zu Vorzugskonditionen an.

So wie die private Fluggesellschaft „Southern Air“ in den achtziger Jahren in Mittelamerika geheime Einsätze für den US-Geheimdienst CIA erledigte, wurde Bout nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Zerfall der Sowjetunion Moskaus Mann für graue Geschäfte.

Bouts Piloten waren in den neunziger Jahren in allen Winkeln Afrikas unterwegs. Im Auftrag von Sese Seko Mobutu, dem Diktator des damaligen Zaire, versorgte der Russe beispielsweise die angolanische Widerstandsbewegung Unita. Nach dem Ausbruch des zweiten Irak-Kriegs flogen Bouts Antonov-Maschinen Nachschub für das Pentagon. Bout gab im August in einer Erklärung sogar zu, dass seine Maschinen Waffen und Soldaten transportiert hätten. Es handelte sich um Friedenstruppen der Vereinten Nationen. Moskaus Geheimdienste dürften alle Informationen entgegengenommen haben, die der Waffenhändler und seine Mitarbeiter dabei sammelten. Nun muss sich zeigen, ob Dankbarkeit und Kraft von Moskau genügen, um Bout vor einer langen Haftstrafe in den USA zu bewahren.

Willi Germund